Kapitel 21 - 24

Kapitel 20

Die beiden Schiffe hatten inzwischen fast die Hälfte der Strecke zu der Position zurückgelegt, an der man den Unterschlupf der Cardassianer vermutete. Die Langstreckensensoren waren während der ganzen Zeit aktiv, konnten aber keine außergewöhnlichen Werte registrieren.
Das war auch gut so. Die Yokohama bewegte sich zwar mit Warp sechs durch die Weiten des Alls, aber das war auch schon so ziemlich alles was sie konnte. Captain Wikland saß auf seinem Platz und überwachte die Brücke. Ymoota Aalia hatte anfangs die Kommunikationsstation übernommen, war aber dann schnell der technischen Abteilung zu Hilfe gekommen. Ihr Organisationstalent und die Fähigkeit zu Improvisieren hatte an einigen Stellen große Dienste geleistet.
Die wichtigsten Hauptsysteme wie Antrieb, Sensorik und Lebenserhaltung konnten auf volle Leistung gebracht werden, die Reserve-Systeme hatte man aber noch nicht einmal angefaßt.
Sie kam mit einem großen Padd auf Wikland zu und stellte sich rechts neben den Kommandosessel. Gemeinsam blickten Sie kurz auf den Hauptschirm. Die Alexandria flog dicht voraus und sorgte dafür, daß die fast nicht vorhandenen Deflektorschilde der Miranda Klasse keinen nennenswerten Widerstand erhielten.
„Lieutenant, was gibt’s?“ wandte sich Wikland an die Bajoranerin und blickte sie fragend an. Seine Augen hatten etwas bittendes, in der Hoffnung die Nachrichten würden nicht allzu schlecht sein. Auch wenn Ymoota diesen Gedanken ahnte und ihn nur allzu gerne erfüllt hätte, war es doch eher das Gegenteil. Entschlossen hielt sie Wikland das Padd entgegen
„Captain, der Hauptdeflektor arbeitet immer noch mit nur 20 Prozent Ausgangsleistung. Die Kollegen aus der Technik haben sich schon die Finger wundgetippt auf den Displays der Diagnosetische. Aber egal welchen Level man anwählt, jede Überprüfung bringt als Ergebnis nur die Tatsache, das alles OK ist und der Wirkungsgrad bei maximal 20 Prozent liegt.“
Wikland schaute auf das Padd und tippte durch die Berichte. Noch keines der Waffensysteme war einsatzbereit, viele Sekundärsysteme waren noch nicht betriebsbereit. Das Schiff flog nur mit den Primärkreisen, ohne Netz und doppelten Boden, wie man so schön sagte. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn eines der wichtigen Systeme ausfallen würde.
„Wie sieht’s mit der Mannschaft aus?“ wollte Wikland wissen.
„Nun Sir, viele von Ihnen sind schon ziemlich erschöpft. Die Technik hat in drei Schichten rund um die Uhr gearbeitet, damit die fehlenden Baugruppen ersetzt werden konnten. Aber das ist alles Handarbeit, sie kommen nur langsam voran. Allerdings folgt auf eine Arbeitsschicht nur eine Freischicht, so daß man sehr wenig Zeit zum Ausspannen hat.“
Wikland nickte verständig. Auf seiner Stirn zeigten sich einige Sorgenfalten, und man konnte deutlich sehen, daß er einige Dinge im Geiste abwägte. Mit fester Stimme sagte er dann:
„Lieutenant, sorgen Sie dafür, daß ab dem nächsten Schichtwechsel zwei Freiwachen eingehalten werden. Das wird zwar die Teams verkleinern, aber den Leuten wird es gut tun. Was nützt eine Crew, die keine Konzentration hat, im Ernstfall können uns dann Fehler ganz schön in die Klemme bringen. Ich bin sicher, daß wir nicht wesentlich hinter unserem Zeitplan herhinken werden.“
Ymoota wollte gerade etwas sagen, als der Captain ihr zuvorkam. „Ich weiß, ich weiß. Sie sind nicht der erste Offizier, aber Sie machen sich in dieser Rolle ganz gut. Außerdem haben Sie in der Technik schon gute Hilfestellung geleistet. Sie sind ein Multitalent. Ich glaube Sie sind die Richtige um mal gemeinsam mit mir nach dem Deflektor zu schauen. Ich habe auch gehört Sie seien gut im Improvisieren.“
Jetzt war die junge Bajoranerin erst recht überrascht. Wie konnte sich so etwas so schnell und vor allem bis zum Captain herumsprechen. Sie legte zwar Wert auf Anerkennung, war aber aufgrund Ihres eher zurückhaltenden Verhaltens nicht daran interessiert, daß Geschichten über sie verbreitet wurden, auch wenn sie wie in diesem Falle positiv waren.
Wikland stand von seinem Stuhl auf und gab dem Lieutenant an der technischen Konsole ein Zeichen.
„Mr. Winters, Sie haben die Brücke. Schön dranbleiben...“ sagte der Captain und deutete auf den Hauptschirm der die Heckansicht der Alexandria zeigte. Daraufhin drehte er sich um und betrat mit Ymoota den Turbolift. Wenige Minuten später standen die beiden auf Deck fünf vor dem Generator-Kontrollraum.
„Na gut, gehen wir’s an...“ sagte Wikland und trat ein. Die Kontrollen sahen auf den ersten Blick ganz normal aus. Bei näherem Hinsehen stellte man aber einige rote Anzeigen fest, die darauf hinwiesen, daß die Ersatzsysteme nicht bereit waren.
„Wir haben nur die anderthalbfache Sicherheit, und das nur wenn die Sub-Systeme funktionieren. Das ist weit weniger als Standard. Unsere größte Sorge ist aber, daß wir nur ein Feld in Höhe von 345 MW Gravitonbelastung aufbauen können, das ist...“
Wikland hob die linke Hand,
„Lieutenant, ich bin mit dem Aufbau und der Funktionsweise vertraut, wo sind die Kontrollen für die Systemdiagnose?“
Ymoota deutete auf eine Konsole, die über dem einzigen Tisch im Raum an der linken Wand, eingelassen war. Mit wenigen Handgriffen hatte Wikland die Kontrollen bedient und erhielt die Ergebnisse des letzten Tests. Wie vermutet war alles in bester Ordnung, Systemeffizienz 19,8 Prozent.
„So sieht es jedesmal aus, wenn wir die Diagnose starten.“ erklärte Ymoota. Wikland nickte,
„Glauben Sie nicht immer alles, was uns die moderne Technik in bunten Bildern präsentiert.“ sagte Wikland, griff sich einen technischen Scanner für Kraftfeldabtastung und trat auf die Tür zum Generatorraum zu, der sich an den Kontrollraum anschlossen. Der Raum war ungefähr drei Meter hoch und 8 Meter lang. Die vier Geräte füllten Ihn bis zur Decke aus. Schmale Leuchten sorgten für ausreichendes Licht überall.
Die Generatoren erzeugten einen sonoren Summton, der von allen Vieren in nahezu der gleichen Tonlage kam, da aber eine geringe Differenz bestand, überlagerten sich die Töne und so schwang das Summen ständig auf und ab. Wikland wollte gerade den Trikorder auf den ersten Feldgenerator richten, als sein Kommunikator einen eingehenden Ruf signalisierte.
Der Captain tastete auf seine linke Brust.
„Wikland hier!“ Die Stimme von Van Dyke drang aus dem Kommunikator.
„Captain, ich störe nur ungern, aber die Botschafterin Avallia Sen hat sich nach Ihnen erkundigt, Sie hat versucht Sie in Ihrem Quartier zu besuchen und mußte feststellen, daß niemand öffnet. Daraufhin hat sie sich auf der Brücke gemeldet und nach Ihnen gefragt. Sie hat sich mit der Auskunft daß Sie das andere Schiff führen, nicht zufriedengegeben. Was soll ich Ihr antworten?“
Wikland verzog sein Gesicht,
„Auch das noch. Das hat mir gerade noch gefehlt.“ murmelte er kaum hörbar vor sich hin. Obwohl sich Ymoota ein wenig zurückgezogen hatte, konnte Sie diese Bemerkung verstehen.

„Sagen Sie Ihr, daß ich das Kommando über dieses Schiff hier übernehmen mußte, weil dies für unsere Pläne unabdingbar ist und daß ich baldmöglichst zurückkomme, sowie wir die andere Crew gefunden und befreit haben. Das hoffe ich jedenfalls.“ erwiderte Wikland und blickte leidvoll an die Decke.
Nun hatte ihn seine Verärgerung doch wieder eingeholt. Der Versuch, der Situation durch Abstand zu entkommen, hatte leider nicht funktioniert.
„Verstanden Captain, ich werde ein paar passende Worte finden. Van Dyke, Ende.“ Damit brach die Verbindung ab und Wikland klappte den Trikorder auf.
Allerdings konnte Ymoota sehen, daß seine Stirn nun einige Falten zeigte und auch seine Körperhaltung wirkte deutlich verspannt. Wikland prüfte verschiedene Werte, konnte aber weder bei den Polaritätsfeldern noch bei der Subraum-Feldverzerrungen Unregelmäßigkeiten feststellen. Enttäuscht klappte er den Trikorder wieder zu.
„Möchten Sie darüber sprechen Captain?“ fragte Ymoota und schaute Ihn mit offenem Blick an. Ihr sorgfältig geflochtener Zopf hing über die linke Schulter nach vorn und verlieh ihr einen mädchenhaften Charakter. Wikland drehte sich um.
„Äh was? Nein, eigentlich nicht. Ich neige nicht dazu mein Privatleben vor der Crew auszubreiten Lieutenant.“
Die Stimme des Captains wirkte reserviert aber bestimmend. Er öffnete den Trikorder und wollte eine weitere Messung ausprobieren, klappte ihn aber wieder zu.
„Ich verstehe Sir. ...doch andererseits Captain, ich will ja keine Einzelheiten wissen, aber wenn es um die Frauen geht, dann kann ich vielleicht mit einem Rat oder einer Erklärung dienen, ich bin schließlich auch eine.“

„Ach was, das ist mir wohl bislang völlig entgangen, sonst hätte ich...“
Wikland versuchte einen Schuß Ironie in seine Stimme zu legen und es ein wenig amüsant erscheinen zu lassen. Statt dessen klang es irgendwie vorwurfsvoll und unfair. So stoppte er mitten im Satz. Beide schwiegen einen Moment und dann ergriff Wikland wieder das Wort,
„Tut mir leid Lieutenant, ich wollte Sie nicht beleidigen, es ist nur etwas sehr persönliches...“
Ymoota stand neben Wikland und blickte ihn an.
„Und Ich wollte nicht indiskret sein Captain. Aber Sie sind auch immer für jeden Einzelnen der Crew da, wenn es Probleme oder Fragen gibt. Dieses Recht sollte Ihnen auch zustehen. Ein Gesprächspartner, um Dinge zu diskutieren, von verschiedenen Seiten zu betrachten und dann zu bewerten. Aber Sie haben Recht, es ist Ihre Privatsache. Entschuldigen Sie bitte.“

Ymoota trat einen Schritt zur Seite um damit zu signalisieren, daß sie das Thema beenden wollte.
Doch Wikland drehte sich langsam zu ihr um. Einerseits wollte er diese Möglichkeit nutzen, endlich einmal all seine Enttäuschung über die Holodeckerfahrung mit Avallia Sen loszuwerden, andererseits war er nicht der Typ, der sich an der Schulter anderer Frauen ausweinte. Noch dazu bei einem Offizier mit deutlich niedrigerem Rang. Es wäre ein Zeichen der Schwäche. Daher versuchte er es so unverbindlich wie möglich zu formulieren.
„Eigentlich ist es eine nichtige Angelegenheit. Die Botschafterin und ich haben in vielen Dingen die gleiche Einstellung und verbringen einen kleinen Teil unserer Freizeit miteinander. Aber kürzlich hat sie mich schwer enttäuscht, als sie sich in private Dinge eingemischt hat, die sie nichts angehen.“Ymoota schaute zu Boden und wippte ein bißchen verlegen auf den Fußspitzen. Doch dann schien sie sich gefangen zu haben.
„Bei allem Respekt Captain, und in der Abgeschiedenheit dieses Raumes, aus der Sicht der Unbeteiligten sieht es eher so aus als habe die Kanzlerin ein Auge auf sie geworfen, wie man so schön sagt...“
Wikland wollte die Bajoranerin unterbrechen, jetzt ging das Spiel doch ein wenig zu weit. Ymoota blickte ihn jedoch fest an und hob die rechte Hand, ein Zeichen, daß sie jetzt keinen Einwand duldete.
„...egal was Sie jetzt denken oder empfinden mögen Captain, nur eines möchte ich Ihnen sagen: Wenn eine Frau sich zu einem Mann hingezogen fühlt, dann wird sie neugierig, sehr neugierig sogar, das dürfen Sie mir glauben. Ich schätze, das ist in allen Kulturen gleich.
Sie wird versuchen alles herauszufinden was möglich ist. Sie wird jede Gelegenheit nutzen, um Ihr Bild zu vervollständigen. Egal was passiert ist, Sie sollten es mal von dieser Warte aus sehen. Vielleicht ist alles viel harmloser und unbeabsichtigter gewesen, als Sie es empfunden haben.
So, jetzt können Sie mich rausschicken oder einsperren lassen, oder was immer sie gerade tun wollten.“

Wikland war ernüchtert. Hatte er überhaupt zugehört als sich Avallia Sen verteidigt hatte? Er hatte es als Absicht gewertet und war fast blind in seiner Wut gewesen, so daß er alle Argumente vom Tisch gefegt hatte.
„Lassen Sie uns die Antwort auf dieses Problem suchen Lieutenant.“ sagte er und nahm sich erneut den Generator vor, „Haben Sie hierzu auch irgendwelche guten Ideen?“
Diese Frage war nun ernst gemeint und Ymoota nahm den Faden auch gleich auf.
„Vielleicht hilft es uns, wenn wir nicht nach der Funktion, sondern nach den Teilen gehen“
Wikland schaute auf und sein finsterer Blick hellte sich ein wenig auf.
„Ein prächtiger Vorschlag. Einige der Teile wurden erneuert, aber nicht alle. Vielleicht liegt eine Toleranz vor, die den harmonischen Fluß stört.“
Der Captain rekonfigurierte den Trikorder und ging durch den Raum. Er schwenkte zu allen Generatoren, prüfte die Anschlüsse und die Kontrollpanels. Es gab keine Abweichungen. Aber jetzt wollte er nicht locker lassen, er tippte eine neue Befehlsfolge in den Trikorder ein. Ymoota hatte sich in der Zwischenzeit schon an die Überprüfung der weiteren Zusatzgeräte gemacht und stand am hinteren Ende des Raumes vor einem großen viereckigen Bauteil mit integrierten Displays. Plötzlich rief sie:
„Das muß es sein...“
Gleich darauf schämte sie sich ein wenig über diese impulsive Reaktion. Der Captain hatte dem Ausruf gar keine allzu große Bedeutung zugemessen, sondern ihn lediglich zum Anlaß genommen, seine Konzentration auf den Lieutenant zu richten. Kurz darauf stand er neben Ymoota.
Die kleine Frau deutete auf vier Linien auf dem Display, welche die Synchronisation der Generatoren zeigte. Die Amplituden waren zwar gleich groß, aber nicht deckungsgleich.
„Die Synchronisation der Feldfrequenzen ist verschoben. Da wir momentan aus Mangel an einsatzbereiten Systemen alle Generatoren für alle Sektionen gleichzeitig verwenden und zusammengeschaltet haben, blockieren Sie sich möglicherweise gegenseitig.“
Mit wenigen Handgriffen hatte Ymoota drei der vier großen Maschinen vom Netz genommen. Sofort konnte man hören wie der verbleibende Generator hochfuhr und sich sein Geräusch im oberen Frequenzbereich ansiedelte. Wikland trat an das Panel. Er überlegte kurz und tippte dann einige Befehle in die Sensorflächen. Dann aktivierte er nacheinander die drei anderen Generatoren wieder. Die Linien der einzelnen Amplituden verschmolzen zu einem dicken Strich und das Display zeigte eine Effizienz von 94,6 Prozent. Ein guter Wert für die zusammengestückelte Technik in diesem Schiff.
„Lieutenant, geben Sie diese Information an die Technik weiter. Sie sollen überall da nach dieser Methode vorgehen, wo etwas nicht auf Anhieb oder nur mit verminderter Leistung funktioniert. Es gibt bestimmt noch andere Toleranzwerte oder Feldfrequenzen, die nicht harmonieren.“
Ymoota war schon auf dem Weg. Mit wenigen Schritten war sie an der Tür zum Kontrollraum,
„Lieutenant...“ sagte der Captain und Ymoota drehte sich zu ihm um
„...das war gute Arbeit... und Danke für Ihre Ausführungen zum Thema Frauen.“ ergänzte Wikland und unterstrich seine Zufriedenheit mit einem breiten Lächeln.

* * *
Roger van Dyke hatte den ganzen Tag auf der Brücke gestanden. Kurz nach Mitternacht hatte er Andy Duke das Kommando übertragen, die notwendigen Anweisungen gegeben, die er mit Wikland vereinbart hatte und sich in sein Quartier zurückgezogen. Er duschte ausgiebig und orderte eines seiner Leibgerichte am Replikator. Mit Genuß und Ruhe verzehrte er das saftige Fleisch, die Beilagen und Salate. Er mußte feststellen, daß der Job eines Captains bei weitem nicht das war, was er aus seiner Warte immer beobachtet hatte.
Der running Gag unter allen ersten Offizieren war es immer, zu behaupten, der Captain würde das Schiff ohnehin nicht selbst führen, sondern der erste Offizier sei eigentlich derjenige, der alle wichtigen Koordinationen für den reibungslosen Ablauf an Bord durchführte. Der Captain, der sich oft in den auf neueren Schiffen vorhandenen Bereitschaftsraum zurückzog, ließ selten erkennen, daß er überhaupt eine sinnvolle Tätigkeit ausführte.
Aber nun, nach einem anstrengenden und kräftezehrenden Tag, hatte Roger eine sehr genaue und deutlich andere Vorstellung von der Position des Captains. Ideen, Vorschläge, Mahnungen und Fragen, die er sonst an den Captain weitergab landeten heute bei ihm. Er hatte die Verantwortung die richtige Entscheidung zu treffen und damit für das ganze Schiff, die Zivilisten wie Offiziere und Crewmans das weitere Schicksal zu bestimmen.
Noch war alles recht einfach, die Alexandria flog mit Warp sechs dem vermeintlichen Unterschlupf der Cardassianer entgegen, aber Rogers Gedanken eilten dem Schiff voraus. Er konnte sich gut vorstellen, daß ein Begrüßungskommittee auf sie warten würde und Roger war sich nicht sicher, ob die von Wikland vorgeschlagene Täuschung überhaupt anwendbar war. Dann würde man einer echten Bedrohung gegenüberstehen, und jede Entscheidung die zu treffen war wog doppelt schwer.
Roger stand auf, um die Gedanken zu verdrängen. Er wollte sich ablenken und setzte sich daher noch einmal an sein Terminal. Langsam ging er die Berichte durch, die er Tags zuvor zurückgestellt hatte. Aber schon nach kurzer Zeit erkannte er, daß er nicht mehr die Kraft hatte, diese Aufgabe zu Ende zu bringen. Also schaltete er ab, trat kurz vor das Fenster um noch einen Blick in die Sterne zu werfen und legte sich dann schlafen.

Es war kurz vor sechs Uhr morgens, zumindest nach Erdstandardzeit, als die Stimme des zweiten Offiziers aus dem Audiosystem tönte:
„Captain auf die Brücke, wir haben Kontakt.“
Roger war mit einem Satz hochgefahren und saß aufrecht im Bett. Er blickte direkt durch die Fenster und sah gerade noch wie die Warpstreifen kürzer wurden, bis sie dann zu bewegten Punkten schrumpften, die langsam stagnierten und letztlich stehenblieben. Links von der Alexandria tauchte der Rumpf der Yokohama auf, die ebenfalls zum Stillstand gekommen war.
Fünf Minuten später trat Roger aus dem Turbolift auf die Brücke „Bericht !“ rief er Andy Duke zu und ging geradewegs auf den Stuhl des Captains zu.
„Lieutenant, Eine Verbindung zur Yokohama.“ wies er Carah Pehl an, die gerade die Brücke über den zweiten Turbolift betreten hatte und sofort die notwendigen Einstellungen an ihrer Station vornahm.
Kurz darauf erschien die Brücke der Yokohama und Wikland, der anscheinend auch nur wenig Schlaf bekommen hatte, begrüßte seinen ersten Offizier der mittlerweile auf seinem Platz saß.
Jetzt begann Andy mit seinen Ausführungen.
„Unsere Navigationssensoren haben Kontakt mit einem großen Objekt aufgenommen. Es liegt ungefähr sechs Stunden voraus, berücksichtigt man unsere bisherige Geschwindigkeit. Drei weitere Objekte sind feststellbar, aber zu klein für etwaige Messungen.“
Andy drückte einige Tasten auf der Schaltkonsole seines Platzes. Der Hauptschirm teilte sich in zwei nebeneinander liegende Hälften und die Silhouette einer flachen und kreisrunden Station formte sich. Unscharf und ohne Details, da die Navigationssensoren lediglich Energie- und Entfernungswerte registrierten. Drei Spitzen ragten wie Schwerter nach oben und unten.
Terok Nor.“ entfuhr es Ran Byrell, der seinen Augen nicht trauen wollte.
„Viel zu weit weg.“ war jetzt die Stimme von Ymoota zu hören, die sich zwar auf der Brücke der Yokohama befand, aber außerhalb des Sichtschirmes stand.
Empok Nor kann es auch nicht sein, sie müssen eine dritte Station haben!“ fügte sie hinzu. Wikland schüttelte den Kopf
„Würden Sie die Güte haben zu erklären was hier los ist, oder dürfen wir an Ihrer Märchenstunde nicht teilhaben.“ warf der Captain gereizt dazwischen.
Auch er war durch den plötzlichen Stop aus dem Schlaf gerissen worden. Selbst wenn die Maßnahme für Ihn nicht unerwartet kam. Schließlich hatte er die Anweisung hinterlassen, genau so vorzugehen. Es war Teil seines Plans.
„Entschuldigung Captain.“ rief Ran Byrell, der schnell einige persönliche Dateien im Hauptcomputer abrief und mit einem Tastendruck auf sein Sensorfeld die unscharfen Konturen der Energiefelder durch eine detaillierte Grafik ersetzte.
„Darf ich vorstellen, Terok Nor. Eine cardassianische Station zur Erzverarbeitung in der Nähe von Bajor, unserem Heimatplaneten.
Erbaut von bajoranischen Zwangsarbeitern unter der gnadenlosen Gewalt der cardassianischen Besatzer. Gesamtdurchmesser 1.451,82 Meter.
Sie besitzt einen inneren Habitatring und drei Kernbereiche. Der Obere zur Verwaltung, der Mittlere beinhaltet ebenfalls Habitate und einen großen zentralen Bereich, in dem die Zwangsarbeiter gefangen gehalten und häufig gefoltert werden.
Der untere Kernbereich beinhaltet die Energieerzeugung. Die drei Andocktürme, die im Abstand von 120 Grad angebracht sind haben eine Höhe von insgesamt 969,26 Metern. Die Waffentürme auf dem inneren Habitat sind 192,02 Meter hoch. Wenn diese Station baugleich ist mit Terok Nor, ist Sie besonders gut bewaffnet.“ Wikland blickte erstaunt auf die Abbildung.
„Woher wissen Sie soviel über diese Station und woher haben Sie all diese Informationen und Daten?“
Noch bevor Ran antworten konnte hatte Ymoota schon das Wort ergriffen.
„Wie Ran schon sagte Captain, die Station wurde von bajoranischen Zwangsarbeitern erstellt. Wir kennen jeden Zentimeter von Terok Nor. Viele Arbeiter haben Ihr Leben gelassen, um diese Informationen von den Cardis zu entwenden und dem bajoranischen Volk für den Widerstand zu überlassen. Da die Cardassianer sehr an bewährtem Design festhalten, wird diese Station sicherlich ein ziemlich genaues Abbild sein. Gemeinsam mit unserer Widerstandsgruppe waren wir mehrmals auf Terok Nor um einige unserer Freunde zu befreien.“

Der Captain warf einen kritischen Blick auf die Abbildung am Hauptschirm.
„Das könnte uns jetzt sogar nützlich sein. Nummer Eins, bereiten Sie alles für eine Besprechung vor. Lassen Sie alle bereits verfügbaren Daten bereitstellen und weisen Sie die Sensorengruppe an soviel wie möglich aus den ermittelten Werten herauszuholen. Aber keine weiteren oder aktiven Scans, verstanden? Ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen.“
Roger blickte kurz zu Ran Byrell und Andy Duke, die beide nach vorn getreten waren und neben ihm standen. Er erhob sich aus seinem Stuhl und antwortete,
„Aye Sir, wir erwarten Sie.“ Damit endete die Verbindung zur Yokohama und die Abbildung von Terok Nor nahm jetzt den ganzen Bildschirm ein.





Kapitel 21

Alle Plätze bis auf einen waren belegt, als Captain Wikland den Besprechungsraum hinter der Brücke der Alexandria betrat. Roger van Dyke stand auf und begrüßte ihn. Wikland reichte ihm kurz die Hand und setzte sich dann auf seinen üblichen Platz am Kopfende.

„Nun gut,...“ sagte der Captain und alle Augen richteten sich auf ihn.
„Was wir wissen ist, daß es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um eine cardassianische Station handelt, die seit geraumer Zeit diesen Sektor kontrolliert. Die weiteren Objekte sind möglicherweise Schiffe, die zum Schutz abgestellt sind, oder weitere orbitale Einrichtungen.
Obwohl von dieser Entfernung kaum ein zutreffender Schluß möglich ist, wage ich die Hypothese, daß dort das Nervenzentrum der ganzen Aktionen liegt und daß dort auch die Crew der Yokohama zu finden sein wird.
Wenn es zutrifft, daß die Cardassianer auch diese Station zur Erzverarbeitung nutzen, besteht immer Bedarf an Arbeitskräften. Es wäre eine Verschwendung, die Leben der Besatzung einfach wegzuwerfen. Außerdem sind die Cardassianer nicht unbedingt unsere besten Freunde. Sie werden sicher einige Rechnungen offen haben und dies als willkommene Gelegenheit nehmen, ihrem Ärger Luft zu machen.“
Wikland blickte nach rechts, wo van Dyke saß und auf dem Padd vor sich die Sensortasten tippte um die Seiten durchzuschalten.

„Commander, was haben wir?“ wollte der Captain wissen. Roger gab ein kleines Zeichen mit seiner Hand und schaute zu Ran Byrell. Dieser stand auf und ermunterte Ymoota, die auch gekommen war ihm zu folgen. Gemeinsam traten sie vor das große Wanddisplay und Ran aktivierte eine Schnittzeichnung der cardassianischen Station.
„Wir haben es hier mit einem Stationstyp zu tun, der gegen äußere Angriffe sehr widerstandsfähig ist. Sie ist gut bewaffnet, sehr überschaubar und daher leicht zu verteidigen. Die Sensorenreichweite beträgt mehr als zehn Lichtjahre, wir sind also bald auf ihren Scannern. Eigentlich hat die Station bis auf die gelegentlich unzuverlässige cardassianische Technik keine Schwachpunkte, wenn man sie sich nur oberflächlich betrachtet. Der Bau der Station war sicherlich nicht gerade einfach. Mehrere Kilometer an ODN-Leitungen mußten bei dieser Bauweise verlegt werden und so hat man ähnlich wie in den Schiffen der Sternenflotte stationsweit Tunnel eingebaut, in denen die ganzen Versorgungsleitungen verlegt sind. Was die Cardassianer hassen wie den Tod, ist durch diese Tunnel zu kriechen, um Reparaturen zu erledigen.
Die Strahlung der vielen Leitungen erzeugt mindestens einen gewaltigen Kopfschmerz, in vielen Fällen Brechreiz und manchmal sogar Strahlenverbrennungen. Man hat beim Bau den Strahlenschutz nur in Richtung der Gänge und Quartiere eingebaut, die Tunnel selbst wurden außen vor gelassen. Das ist bei dieser Station sicher ebenso wie bei Terok Nor.
Was den Cardassianern allerdings nicht bewußt ist, ist die Tatsache, daß die hohen Strahlungswerte einen Transporterstrahl nahezu verbergen. Das heißt, wir könnten, wenn wir nah genug rankommen, fast unbemerkt mit einem stattlichen Team in die Station beamen, ohne daß man uns lokalisieren kann. Sie werden höchstens ein paar Fluktuationen im Energieband erkennen und irgendeinen armen Arbeiter einteilen die Tunnel zu kontrollieren. Bis der kommt, können unsere Leute die Tunnel längst verlassen haben.“
Wikland blickte Ran Byrell anerkennend an.
„Das ist eine erstaunliche Taktik Lieutenant, ich bin überrascht.“
Ran schaute Ymoota kurz an und sagte dann
„Nun, Captain, ich nehme dieses Lob gerne an, aber es ist eigentlich schon ein ziemlich alter Plan, damit haben die Bajoraner viele Leute von Terok Nor geholt. Nur selten wurden die Befreier oder Befreiten geschnappt. Und das auch nur weil sie meist gering oder gar nicht bewaffnet waren. Ymoota hatte den Plan, ich die Unterlagen der Station.“
Wikland nickte verständig, der Rest der Anwesenden schaute gespannt auf das Display, das noch immer die einzelnen Ebenen der Station zeigte.
„Bleibt noch die Frage, wie wir in die Station hereinkommen, ohne aufzufallen.“ warf van Dyke ein und schaute auf Lock, der ihm gegenüber saß.
Der Benzite erhob sich und aktivierte sein Atemgerät. Ein leichter Chlorgeruch schwängerte die Luft im Besprechungsraum. Er tippte einige Befehle in das Tischdisplay an seinem Platz und ging mit langsamen Schritten zum Wandschirm, auf dem eine Tabelle erschien, die auf den ersten Blick unübersichtlich und verwirrend aussah. Aber Lock brachte schnell Ordnung in dieses Chaos indem er die einzelnen Ergebnisse kommentierte.

„Wir haben die Daten und Sensorwerte, die wir erhalten haben durch alle möglichen Auswertungen, Musterverstärker und Grenzwertbestimmer geschickt und die folgenden Ergebnisse erzielt.
Die Anzahl der einzelnen Individuen auf dieser Station läßt sich nicht genau festlegen, aber es sind ungefähr fünfhundert. Die Navigationssensoren können die einzelnen Energiewerte auf diese Entfernung noch nicht trennen.
Eine Bestimmung der Rasse ist nicht möglich. In der Hintergrundstrahlung der Station konnten wir einen interessanten Punkt herausarbeiten. Anscheinend hat die Energieerzeugung ein Hauptintervall von 27,3 Stunden. Dann existiert ein ziemlicher Einbruch. Kurz darauf fährt die Energie wieder hoch. Dazwischen gibt es weitere Schwankungen, die eventuell einen Schichtwechsel signalisieren. Aber hierzu kann Lieutenant Ymoota sicher mehr erzählen, denn die Sensorenergebnisse lassen keinen eindeutigen Schluß zu.“

Ymoota, die sich mit Ran Byrell gesetzt hatte, als Lock seine Ausführungen begann, stand auf und ging erneut zum Wanddisplay.
„Die Station hat diesen merkwürdigen Zyklus wahrscheinlich wegen ihren drei Energiekernen. Aus unseren Unterlagen wissen wir, daß die Cardassianer einen besonderen Energiekern verwenden. Es ist ein älterer Typ, der heute eigentlich nicht mehr zum Einsatz kommt, möglicherweise eben wegen dieser Schwäche. Terok Nor verfügt über ein neues und noch leistungsfähigeres Energieerzeugungssystem. Möglicherweise war dies hier die erste der Stationen, die erbaut wurde. Der Schwachpunkt liegt in der Kontinuität der Energieerzeugung. In einem Rhythmus von 9 Stunden wird nacheinander jeweils ein Kern hochgefahren um den Energiebedarf zu decken. Dabei wird die Ausgangsleitung auf einem Magnetring von Reaktor eins zu Zwei verschoben und von diesem zum Dritten. Hier kann während dem Herunterfahren und Herauffahren der Kerne ein einfacher Wechsel durchgeführt werden. Der Magnetkern ist allerdings nur ein 90 prozentiger Kreisausschnitt, den man verwenden muß um Interferenzen zu vermeiden. Will man nach 27 Stunden von dem dritten Kern wieder auf den Ersten wechseln, muß daß ganze System bis auf Null herunter gefahren werden, erst dann kann der Energieabtaster abgehoben und umgesetzt werden. Für eine kurze Zeit ist alles batteriegepuffert, das bedeutet keine Waffen und nur minimale Versorgung der notwendigsten Systeme, der ideale Zeitpunkt für einen Angriff.“

„Nun, wir wollen die andere Crew ja nicht gefährden, aber gibt es noch andere Dinge, die uns einen Vorteil bringen?“ wollte van Dyke noch wissen.
Ymoota dachte kurz nach.
„Ja, da ist noch was. Wenn das System den dritten Kern herunterfährt ist das aus Effizienzgründen computergesteuert. Das bedeutet, es läßt sich nicht manuell unterbrechen, da die cardassianischen Sicherheitsprotokolle sehr umfangreich und schwer zu umgehen sind.
Das bedeutet, daß die Station ab 15 Minuten vor dem Abschalten an den Computer übergeben wird, zumindest im Reaktorraum.“

Ymoota tippte zwei Tasten und auf dem Display erschienen die Abbildungen des Reaktorraums und der Energieabtasteinrichtung. Das dreidimensionale Bild zeigte die gesamte aufwendig konstruierte Energieerzeugungs-Anlage, die im typischen cardassianischen Design gehalten war. Es war leicht zu erkennen, daß es sich um eine Anlage handelte, die in einer großen Bodenstation, oder in einem Raumschiff der Galor Klasse zur Verwendung kommen mußte.
Deutlich war der ringförmige Magnetkern zu erkennen, auf dem die Abtasteinheit entlang lief. Die drei Bereiche waren durch dünne Isolationsschichten aus hochwertig ultradicht gepreßten Polymerverbindungen getrennt, die kaum ins Auge fielen.
Trotz allem machte die Anlage einen filigranen Eindruck, einige der Bauteile sahen nach typischer cardassianischer Bauweise verspielt und imposant zugleich aus. Ymoota deutete auf die Darstellung und erklärte kurz die einzelnen Kontrollpulte und Hauptbauteile.
„Captain, eine kleine Sabotage hier an dieser kleinen Einheit könnte die Energieversorgung praktisch lahmlegen. Die Batteriepufferung hält in der Regel nur knappe zwanzig Minuten. Wenn wir direkt während dem Umsetzen der Energieabtaster hier eingreifen können, ist die Station ziemlich wehrlos. Die Batterien sind dann erschöpft und die Reservesysteme reichen gerade mal für die Lebenserhaltung. Das sollte uns genug Zeit verschaffen um die andere Crew zu suchen und zu entkommen.“ Wikland blickte eine Weile auf die Darstellung und überlegte. Es herrschte Ruhe im Besprechungsraum, keiner stellte eine Frage, keiner traute sich auch nur die Hand zu bewegen.
Der Captain durchbrach die Stille.
„Nun, so weit so gut. Bleibt uns noch die Annäherung an die Station. Commander Lock, sie sagten die Reichweite der Sensoren sei mit annähernd zehn Lichtjahren einzuschätzen, das bedeutet, wir müssen so bald als möglich mit der einzig logischen Vorgehensweise beginnen.“
Nun brandete kurz ein leises Stimmengewirr auf, welches sich aber unter den ernsten Blicken des Captains sofort wieder legte.
Sermin setzte sich auf und blickte den Captain an.
„Captain, es gibt keine logische Alternative für die Annäherung an die Station, wir haben die Crew der Cardassianer gefangengenommen und können uns nicht ausweisen. Wir werden auffallen bevor wir mit einem Überraschungsangriff überhaupt beginnen können.“
Wikland lächelte süffisant.
„Wer will das denn überhaupt Lt. Commander? Wir werden schön brav sein und den Leuten auf der Station geben was sie sehen wollen.“
Alle Anwesenden waren verwirrt. Alle bis auf einen:
Roger van Dyke. Er hatte schon vorher mit dem Captain über dessen Plan gesprochen und wäre wahrscheinlich auch ohne diese Besprechung auf die richtige Schlußfolgerung gekommen. Er beugte sich vor zum Tisch.
„Was der Captain damit sagen will ist, daß wer auch immer auf der Station auf uns wartet, eine bestimmte Erwartungshaltung hat. Wir können es nicht mit der Station und drei gefechtsbereiten Großraumschiffen aufnehmen. Aber wir können die Lage, die Erwartungen und die gewonnenen Informationen ausnutzen, um die beste Position für uns herauszuschlagen.“
Noch immer blickten einige der Offiziere ziemlich verdutzt aus ihren korrekt sitzenden Uniformen. Lediglich J.J. ließ ein erstes Blitzen in den Augen erkennen, ein Zeichen dafür, daß sie langsam die verworrenen Enden zu einem Faden zusammenfügte.
Auch Andy Duke nickte verständnisvoll mit dem Kopf. Nur Sermin, der sich zurückgelehnt hatte und die Arme über der Brust verschränkte schien noch immer abzuwägen ob es tatsächlich eine logische Lösung für dieses Problem gab.
„Was die Cardassianer sehen wollen, ist die Yokohama, die ein Schiff erbeutet hat. Nämlich unseres. Also werden wir es ihnen geben. Wir werden die Alexandria per Traktorstrahl ins Schlepp nehmen, und zur Station ziehen. Für unsere Ankunft nutzen wir den Zeitpunkt des Kernwechsels. Das bedeutet zunächst einmal die Station ist nur bedingt Handlungsfähig, zumindest in wichtigen Teilbereichen. Dann werden wir unsere Teams rüberschicken, um unsere Leute zu suchen, die hoffentlich dort sind. Das ist der einzige Schwachpunkt an dieser Sache. Eine Intervention lohnt nur, wenn wir mit Sicherheit wissen, ob unsere Leute dort sind. Ansonsten wäre eine Annäherung ohne taktischen Vorteil für uns.“

Nun wurde auch dem Letzten am Tisch klar, daß es dem Captain mit seinem Plan ernst war. Die Yokohama war zwar noch immer nicht in Kampfbereitschaft, aber einen Warpflug und eine Traktorstrahlnutzung lagen bereits im Bereich des Möglichen. Wikland straffte seine Uniform, obwohl das im Sitzen überhaupt keinen Sinn ergab. Aber er ließ nicht ab von diesem kleinen Ritual, welches er sich wie viele andere Captains der Sternenflotte zur persönlichen Eigenheit gemacht hatte.
„Gut, ich freue mich, daß Sie alle diese Ansicht teilen. Wir werden verschiedene Teams brauchen, die unterschiedliche Aufgaben auf der Station durchführen. Zunächst möchte ich wissen, ob die Mannschaft der Yokohama auf der Station ist. Commander Lock, das ist Ihre Aufgabe. Wir brauchen ein Team, daß sich die technischen Einrichtungen vornimmt. Bei der Masse von Bauteilen, die bereits aus der U.S.S. Yokohama entwendet wurden muß es an Bord der Station nur so von Föderationstechnologie wimmeln. Ich möchte daß nicht ein Bit an Sternenflottendaten in den Computern der Cardassianer zurückbleibt, wenn Sie für einige Gigaquadt cardassianischer Daten in unseren Speichern Platz finden, soll mir das recht sein. Wir benötigen ein Team, das sich um die Sabotage des Energiesystems kümmert. Ich bevorzuge Leute, die hier gut bewandert sind und sich mit der Station auskennen, jedes Team bekommt eine Person zugeteilt.
Nummer Eins, lassen Sie einen Zeitplan ausarbeiten und die Geschwindigkeit berechnen, damit wir zum richtigen Zeitpunkt an der Station eintreffen. Das ist alles.“
Der Captain richtete sich auf und erhob sich aus seinem Stuhl. „Ach ja, da ist noch eines. Commander Jefferson, setzen Sie sich noch einmal mit ihrem Team zusammen. Wenn wir an der Station ankommen muß die Yokohama gefechtsbereit sein. Ich will das Risiko so klein wie möglich halten.“
Jaqueline nickte verständig,
„Selbstverständlich Captain, wir tun was in unserer Macht steht. Sie können sich auf uns verlassen.“
Wikland zwang ein Lächeln auf seine Lippen
„Das weiß ich Commander, andernfalls wären Sie kein Mitglied dieser Crew!“
Diese offensichtliche Anerkennung half dabei, all die Entbehrungen und Mühen vergessen zu machen, die J.J. und ihr Stab in den letzten Tagen auf sich nehmen mußten, nur um das Schiff der Miranda Klasse wieder einsatzbereit zu machen.
Die Offiziere verließen zügig den Raum um wieder an ihre Stationen zu eilen, die Aufgaben des Captains in Angriff zu nehmen oder einfach nach einer guten Taktik zu suchen, die sich bei den kommenden Ereignissen anwenden ließ. Wikland und van Dyke blieben allein im Besprechungsraum zurück.
Der Captain trat an die seitliche Wand zum Fenster und blickte hinaus auf die Yokohama.
„Vielleicht sollten wir doch die Sternenflotte informieren und diese Aufgabe einem größeren und erfahrenerem Team überlassen.“ sinnierte Wikland, während er mit starrem Blick in die Leere des Alls hinausblickte.
Wie schon so oft in seinem Leben war er wieder an einem Scheidepunkt angelangt, an dem er seinen Entschluß mit seinem Gewissen vereinbaren mußte. Van Dyke trat neben den Captain und sagte leise, fast flüsternd,
„Ich glaube nicht daß es viel Sinn macht, die Flotte zu informieren. Sie glauben doch auch nicht im Ernst, daß es einer Hand voll Söldnern so einfach gelingt, Schiffe der Sternenflotte zu kapern, auszuschlachten und die Technik irgendwo zu verschachern.
Auch auf die Gefahr hin meine Kompetenzen zu überschreiten Captain, ich bin genau wie Sie der festen Überzeugung, daß es in der Föderation Helfershelfer gibt. Woher sollten die Cardassianer und ihre Freunde wissen, wann und wo ein Schiff verwundbar ist oder wann es in einem bestimmten Sektor auftaucht, außer von einem Insider? Wenn wir jetzt die Flotte informieren, laufen wir Gefahr, daß unser gut ausgeklügelter Plan verraten wird.
Wir sind den Kerlen schon einmal auf den Leim gekrochen. Das sollten wir nicht noch einmal machen.“
Wikland zeigte keine Regung, er setzte sich sehr intensiv mit der Situation auseinander, machte sich die Entscheidung nicht leicht. „Nummer Eins, tun wir auch wirklich das Richtige? Was ist, wenn wir uns irren? Habe ich das Recht die Mannschaft einfach so in eine gefährliche Situation zu schicken?“

Roger van Dyke stellte sich direkt neben den Captain und suchte den Punkt im All, den der Captain mit seinen Aufgen fixierte.
„Captain, wir sind Menschen, Mitglieder der Sternenflotte. Wir haben in unserem Leben gelernt was Freundschaft, Vertrauen und Kameradschaft bedeuten. Wir entscheiden nicht immer nach logischen Gesichtspunkten, sondern viel öfter nach unserem Herzen. Das ist es was uns ausmacht, unsere Kraft, unser Willen und die Zähigkeit der Menschheit, die selbst dazu geführt hat, daß uns die Borg bei Wolf 359 nicht vernichten konnten.
Sie haben uns geschlagen, aber sie haben uns nicht besiegt. Genau wie Sie, würde auch ich mein Leben und das ganze Schiff einsetzen, um nur ein verlorenes Mitglied der Besatzung zu retten. Das ist es was wir sind, es entspricht unserem Naturell.“

Wikland hörte die Worte und schwieg eine ganze Weile. Wie der Realität entrückt blickte er in die Schwärze und horchte in sich hinein. Bilder der Vergangenheit zogen an seinem geistigen Auge vorbei. Freunde, Kollegen, Admiräle, Captains von anderen Schiffen wie der Tolstoi und der Melburne, die im Kampf gegen die Borg vernichtet wurden. Er wußte nicht was aus den Personen geworden war. Waren sie assimiliert worden, oder hatten sie ihr Leben bei der Zerstörung des Schiffes verloren? Warum hatte er nicht geholfen? Hätte er helfen können? Wikland wischte die Gedanken beiseite. Langsam drehte er sich zu Roger van Dyke um und blickte ihn an.

„Ja, Sie haben recht. Das ist es was uns Menschen prägt und unser Handeln bestimmt. Wir bleiben dabei. Leiten Sie alles notwendige in die Wege und stellen Sie die Teams zusammen. Berücksichtigen Sie meine Empfehlungen.“
Roger nickte, das war dem Captain Antwort genug.
„Ach ja Commander, eine Sache noch. Wir brauchen noch einen entsprechenden Willkommensgruß, damit wir nicht schon vor dem Andocken auffallen. Fällt ihnen dazu etwas ein?“
Roger lächelte. Er dachte an sein erstes Zusammentreffen mit dem Captain und die Standpauke die er erhalten hatte, weil er sich häufig der unkonventionellen Ideen aus der Trickkiste bediente. Inzwischen hatte sich das Blatt gewendet. Wikland hatte bereits mehr als einmal von den positiven Nebeneffekten dieser Tricks profitiert. Die Tatsache, daß er so unverblümt danach fragte, zeigte daß sich die Beziehungen zwischen den beiden festigte und das Wikland es akzeptierte, wenn van Dyke sein Wissen zum Wohl der Crew einsetzte. Vielleicht wurden sie doch noch ein gutes Team.
„Captain, es wird mir ein Fest sein, etwas aus dem Hut zu zaubern!“ erwiderte der Commander schmunzelnd und schritt mit Wikland auf die Tür zu, um auf die Brücke zu gelangen.


Kapitel 22

Leise aber erkennbar waren die unruhigen Schritte auf der OPS zu hören, die der Kommandant in seinem Raum oberhalb des runden Raumes vollführte. Seine Nervosität war überdeutlich und drängte sich einem förmlich auf. Dennoch ließ sich die Crew nichts anmerken. Dazu hatten sie viel zuviel Respekt. Den Legaten anzugreifen, ihm sein Verhalten vorzuwerfen oder gar ihm zu widersprechen, war ein Wesenszug, der den Cardassianern nicht lag. Meist aber nur deshalb, weil sie durch das Auftreten der höherrangigen Offiziere eingeschüchtert wurden.
Es gab nur wenige die dieses Spiel durchschauten und selbst durch Intrigen, und geschickte Schachzüge den Weg an die Spitze schafften. Legat Gelrath war auch einmal einer Derjenigen gewesen, die unter dem Kommando anderer kuschten, bis zu jenem Tag an dem er mehr aus eigener Dummheit als aus Neugier im Quartier seines damaligen Vorgesetzten festsaß, als dieser von seinem Tagesdienst zurückkam.
Da er den Raum nicht ohne Strafe hätte verlassen können verbarg er sich in einer abgetrennten Nische, die den Zugang zu den Stationssystemen erlaubte. So konnte und mußte er mit ansehen, daß sein Kommandant auch nur ein normaler Cardassianer war, der gelernt hatte, die Macht zu nutzen und das System für sich arbeiten zu lassen.
Die Erfahrungen dieser Nacht prägten Gelraths weiteren Lebensweg. Innerhalb kürzester Zeit stieg er auf wundersame Weise zum Gul auf und konnte bald sein erstes Kommando übernehmen. In einer Schlacht gegen die Föderation gelang es ihm, durch einen geschickten Zug den Gegner zu schwächen und dann eine große Anzahl an wichtigen Ressourcen für das cardassianische Reich zu erbeuten.
Inzwischen zählten er und seine Familie zu den angesehenen Bürgern auf Cardassia Prime. Schon vor drei Jahren hatte man ihn mit der Leitung der Station Repok Nor beauftragt, dem damaligen Stolz des cardassianischen Volkes. Doch nachdem der abgelegene Sektor mehr und mehr in cardassianischer Hand war und die Ressourcen der umliegenden Welten ausgeschöpft waren, wurde es still um Repok Nor, die heute nur noch als Durchgangsstation diente, oder dem Waffen- und Technologietransfer nach Cardassia Prime.
Auch wenn er an Ansehen nicht verloren hatte, so war seine derzeitige Aufgabe nicht mehr von hohem Wert für das Volk von Cardassia. Er fühlte sich eher wie einer dieser schleimigen und aalglatten Ferengis, mit denen er, ob seiner Aufgabe gezwungen war, Geschäfte zu machen. ‘Technologie für das Volk’, so hieß sein Auftrag.
Cardassia steckte in einer Krise, zu viele Konflikte an zu vielen Fronten. Natürlich war es möglich, die vielen kleinen Aufbegehren auf den besetzten Planeten im Keim zu ersticken und für Ruhe zu sorgen, aber die Widerstandsgruppen wurden immer pfiffiger.
Inzwischen gab es kaum noch ein cardassianisches Bauteil, dessen Funktion oder Wirkungsweise den Widersachern nicht bekannt war und sie einen Weg fanden, es außer Kraft zu setzen, es zu sabotieren oder irgend eine Gegenmaßnahme zu erfinden. Zudem kam eine neue Gefahr, die sich am stärksten im bajoranischen Sektor zeigte.
Eine Widerstandsgruppe hatte es geschafft sich fest zu etablieren, es war keine Zelle, so wie die Shakaar Gruppe, die sehr aktiv war aber nur aus ein paar Leuten bestand. Nein es war mehr als das, sie besaßen Schiffe, mehrere versteckte Anlaufpunkte und was viel schlimmer war, es wurden immer mehr.
Der Maquis war inzwischen zu einer wirklichen Gefahr geworden. Er versteckte sich hauptsächlich in den Badlands, einer von Stürmen und elektromagnetischen Entladungen beherrschten Region des Raumes, nahe Bajor. Immer wieder wurden Schiffe der Cardassianer dort angegriffen und ihnen erhebliche Schäden zugefügt.
Aber das war heute alles zweitrangig, Gelrath schob die Gedanken beiseite. Was ihn viel mehr beunruhigte war, daß Gul Depat und seine Gefolgsleute längst überfällig waren. Gut, er selbst hatte angeordnet Funkstille zu halten, schließlich würde es sich nicht allzu gut machen, wenn jemand ein Föderationsschiff träfe, welches mit cardassianischen Übertragungsprotokollen sendet.
Aber die Zeit, die sie für das Abfangen und Erbeuten dieses anderen Föderationsschiffes eingeplant hatten, war bereits seit mehr als einem Tag abgelaufen.
Der Legat hielt in seinem Lauf inne und blickte durch seine Tür hinunter auf die OPS. Drei Offiziere standen um den zentralen Tisch und besprachen den Einsatzplan für die nächsten Tage. Auf dem großen Sensordisplay bewegten sich nur wenige Punkte, einige Erzfrachter, die vom nahen Planeten kamen, einige Transportschiffe, die den cardassianischen Kolonien die üblichen Vergünstigungen für die Soldaten brachten, wie Kanar und Frauen. Das war das Wichtigste hier draußen, abgesehen von einem wohltemperierten Quartier.
Gelrath trat auf die Tür zu, die sich sofort öffnete. Nur keine Unsicherheiten zeigen, sagte er sich und trat mit festem Schritt die wenigen Stufen zur Kontrollzentrale hinunter.
„Noch immer nichts?“ wollte er mit schroffem Ton von dem Offizier an der Sensorstation wissen. Dieser zuckte kurz mit den Schultern und schüttelte langsam den Kopf.
Lauernd wie ein Raubtier umrundete der Legat den großen Raum, der das Herz und der Kopf der ganzen Station war. Jede Handlung ging von hier aus, jeder Befehl hatte hier seinen Ursprung. Alles was auf der Station passierte, begann und endete hier.
Die Stimme eines Offiziers drang durch das Interkom und der ovale Bildschirm flammte auf. Gul Relkar stand im Gang der zum Dockingport führte, die große zahnradartige Tür hinter ihm war geöffnet und ein Häuflein zusammengekauerter und eingeschüchterter junger Frauen saß zu seinen Füßen.
„Legat, die bajoranischen Trostfrauen sind eingetroffen. Wollen Sie sie zuerst inspizieren oder sollen wir sie sofort aufteilen? Wir sind schon spät dran, wenn sie noch rechtzeitig an Ort und Stelle sein sollen, dann müssen wir uns beeilen.“
Der Kommandant blieb stehen und wandte sich dem Bildschirm zu
„Bringt sie in den Konferenzraum, aber seht zu, daß sie ansehnlich sind, wenn ich sie mir schon ansehen muß. Die Herren Offiziere müssen halt ein wenig länger warten, aber sie werden sicher dankbar sein, wenn wir die Frauen vorher ein wenig vorbereiten. Sorgt dafür, daß sie sich vor dem Transport noch waschen und etwas Aufreizendes anziehen.“
Damit war für ihn das Thema vorerst beendet. Er würde sich dann zu gegebener Zeit schon das aussuchen, was seinem Geschmack zusagte.
Ein Blick auf das große taktische Display zeigte noch immer keinen Kontakt zu Gul Depat und seinem Handlanger, diesem Toma Imasov.
Er hätte diesem Hund nicht vertrauen sollen, Er hätte diesem Plan niemals zustimmen dürfen, Gelrath ärgerte sich und hatte gleichzeitig Mühe diesen Zustand vor seiner Crew zu verbergen. Er überdeckte es mit einem mürrischen Gesicht und einigen Zurechtweisungen der Mannschaft, ließ es wie Unzufriedenheit mit deren Leistungen aussehen.
Dann trat er vor bis zur taktischen Konsole und blickte auf den großen Tisch.
„Mit welchem Radius arbeiten die Sensoren Glinn?“
Der junge Soldat tippte kurz auf die Sensorfläche und schaute dann zum Kommandanten auf.
„Sieben Lichtjahre im gesamten Umkreis Legat“ Gelrath schnaufte tief, ließ einen prüfenden Blick durch den Raum wandern und schaute wieder auf das Display.
„Erweitern Sie auf maximale Reichweite und volle Leistung auf allen Bändern, ich will wissen wo dieser Hundesohn steckt!“

Ein wenig verunsichert ließ der junge Soldat seine Finger über die Schaltflächen wandern. Die Darstellung änderte sich, alles rückte etwas näher zusammen, damit der abgetastete Bereich wieder auf das Display paßte. Aber neben den bereits bekannten Frachtern und Transportschiffen etablierten sich nur wenige neue Anzeigen, meist nur von energieerzeugenden Systemen, die durch die erhöhte Abtastleistung und das breitere Suchspektrum nun miterfaßt wurden.
Der Legat kochte innerlich, er wußte nicht, wie er den eventuellen Verlust des kürzlich teuer erkauften Schiffes der Föderation der Militärführung beibringen sollte. Gelrath erhob die rechte Hand ballte sie zur Faust und wollte sie gerade mit voller Wucht auf den Tisch niederfahren lassen, als sich ganz außen am Rand zwei weitere kleine Punkte zeigten, die nach einem Sekundenbruchteil durch das Symbol der Sternenflotte ersetzt wurden.
„Na also!“ knurrte Gelrath,
„Da haben wir sie ja.“ Zufrieden und auf dem Weg zurück zu innerer Ruhe und Ausgeglichenheit ging er in Richtung Turbolift. Als er ihn erreicht hatte drehte er sich kurz um.
„Gul Gromet, übernehmen Sie, ich nehme die Frauen ab und gehe dann in mein Quartier.“
Der Gul schaute auf, nickte kurz und sagte:
„Sollen wir eines der Schiffe entsenden, um sie in Empfang zu nehmen?“
Der Legat überlegte kurz.
„Nein lassen Sie die Schiffe hier, die Offiziere sind schon genug verstimmt über die Verspätung der Frauen, wir müssen sie nicht vollständig verärgern indem wir sie jetzt noch für nichts durchs Weltall jagen. Gul Depat ist in einem Tag ohnehin auf der Station. Sollte sich an der Situation etwas ändern können wir immer noch ein Empfangskommitee starten.“
Damit stieg er in den Lift und verließ die OPS.



Kapitel 23

Roger van Dyke saß im Bereitschaftsraum und grübelte. Andy hatte er bereits vor zwei Stunden das Kommando auf der Brücke übertragen. Die Alexandria und die Yokohama flogen nun mit Warp 5 der Station entgegen, verbunden mit einem Traktorstrahl, der auf zehn Prozent der Energierate reduziert war.
Zum einen war das alles, was man neben der Antriebskraft auf dem Schiff der Miranda Klasse erzeugen konnte, zum anderen wollte man die Scherkräfte zwischen den Schiffen nicht zu groß werden lassen. Es war ohnehin mehr Schein als Sein. Außerdem sollte der Zeitpunkt der Ankunft ja wie besprochen mit dem Kernwechsel der Energieversurgung zusammenfallen.
Der erste Offizier hatte mehrere Padds vor sich ausgebreitet. Jedes hatte ein anderes Thema:
Andocken, Kommunikation, Außenteams & Aufgabenbereiche, Sektorensicherung, Rückzug, Kampftaktiken.
Schlagworte, die nun mit Leben gefüllt werden wollten. Aber so einfach wie es aussah, war es leider nicht. Zu viele unbekannte Faktoren waren in der Gleichung und nicht jede Lücke konnte man durch Technik, Tricks, eine gute Crew oder Hoffnung schließen.
Wenn es eins gab, das sicher war, dann die Tatsache, daß der kleinste Fehler sie alle ins Verderben stürzen würde. Roger nahm eines das Padds mit den Außenteams auf und fing an darüber nachzudenken. Wie der Captain bereits gesagt hatte, machte es sicher Sinn, wenn in jedem Team eine Person war, die sich mit der Station auskannte, ein schwacher Trost, aber immerhin besser als eine unerfahrene Mannschaft nur mit Trikordern in ein unbekanntes Terrain zu entsenden.
Aber die Eigenschaften mußten stimmen. Roger aktivierte das Tischterminal und lud die Auswahl der Personen, die er für geeignet hielt.
Als erstes notierte er Ymoota Aalia für den Einsatz als Teamführerin bei der Sabotage. Ein Thema das ihr sicherlich lag, denn sie hatte lange Jahre im Widerstand verbracht, kannte Terok Nor gut und war mit den Schwachstellen der cardassianischen Technik bestens vertraut.
Bei den weiteren Aufgaben war es wichtig ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen, das sich geschickt vorarbeiten konnte und in der Lage war, schnell und innovativ zu handeln. Andy Duke und Ran Byrell erschienen ihm geeignet, die Suche und die Befreiung der vermißten Sternenflottencrew zu erledigen.

Das dritte Team war das Schwerste. Eine Truppe von Leuten zu finden, die in der Lage war, Föderationstechnik zu lokalisieren und wieder zurückzuholen, noch dazu in ein fremdes Datennetzwerk einzudringen und Föderationsdaten aufzuspüren, zu löschen und eventuell einen entsprechenden Gegenschlag zu führen war kein leichtes Unterfangen.
Es war mindestens so gefährlich wie alle anderen Aufgaben, denn dort waren sie alle auf sich alleine gestellt. Trotz allem notierte Roger schließlich Jaqueline Jefferson, Edison Carter und letzten Endes auch Carah Pehl, wobei ihm schlagartig wieder die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Aktivitäten der letzten Tage einfielen.
Er ordnete jedem Team noch zwei erfahrene Sicherheitsoffiziere zu und einen Offizier mit medizinischer Ausbildung, nur für den Fall der Fälle. Dann sendete er die Eintragungen mit den bereits definierten Aufgaben in das Datennetzwerk zu den persönlichen Terminals, damit sich die Crewmitglieder auf ihren Einsatz vorbereiten konnten.
Roger hatte wohlweislich bereits dafür gesorgt, daß alle in Frage kommenden Personen aus den aktiven Schichten herausgenommen wurden, damit sie sich entsprechend ausruhen konnten. Andy Duke und er selbst waren die berühmte Ausnahme, die nirgends fehlen durfte.
Roger legte das Padd beiseite und wollte das nächste zur Hand nehmen, als bereits die Stimme von Ymoota aus dem Interkom drang.
„Commander, ich danke für ihr Vertrauen, aber ich kann ihre Aufstellung des Teams nicht akzeptieren“ protestierte Ymoota. Roger horchte auf.
„Wie darf ich das verstehen Lieutenant, haben Sie ein Problem mit diesen Leuten oder weshalb zweifeln Sie meine Entscheidung an?“
Es dauerte ein paar Sekunden bis Ymoota die richtigen Worte dafür gefunden hatte.
„Es sind nicht die Personen Commander, mit denen habe ich kein Problem. Ich arbeite eben gerne allein. Das Team besteht aus einem ganzen Rudel von Leuten, damit kann man nicht einfach in die Energiezentrale spazieren. Eine einzelne Person ist viel unauffälliger und effizienter. Lassen Sie mich das alleine machen.“
Roger van Dyke senkte kurz den Kopf. Das hätte er sich denken können, Ymoota war zwar eine lustige Frohnatur, die gerne mal ihren Schabernack mit anderen trieb, aber wenn es um ihr Leben oder ihre Sicherheit ging, vertraute sie nur einer Person, und das war sie selbst.
„Wenn das so ist, muß ich wohl meine Wahl für ihren Einsatz noch einmal überdenken.“ antwortete er langsam und wartete auf die Reaktion.
„Commander, Sie wissen genauso gut wie ich, daß es auf unserem Schiff keinen gibt, der besser qualifiziert wäre als ich. Weshalb hätten Sie mich sonst speziell für diese Aufgabe ausgewählt?“
Roger lächelte, er war froh, daß es nur eine Audioübertragung war und sie nun das Schmunzeln auf seinem Gesicht nicht sehen konnte.
„OK Lieutenant, ich werde die Teamliste ändern, aber ich lasse Sie nicht schutzlos in die Höhle des Löwen gehen. Ich werde Sie begleiten, nur wir zwei. Akzeptieren Sie, oder lassen Sie es. Wenn nicht, sind Sie aus dem Spiel.“ sagte Roger mit fester Stimme.
Einige Sekunden war es still, dann kam Ymootas Stimme wieder aus der Audioanlage.
„In Ordnung, nur Sie und ich.“ Roger nickte und änderte die Daten in dem Padd. Ein kleiner Druck auf die Sensorfläche und die Informationen wurden in das Datennetzwerk der Alexandria übernommen und zur Yokohama übertragen, auf der sich Ymoota zur Zeit befand.
„Roger van Dyke, Ende.“ sagte er und tastete auf seinen Kommunikator um die Verbindung zu trennen.

Jaqueline Jefferson kroch durch die enge Jeffriesröhre. In der einen Hand hielt sie den Phasengleichrichter, mit der anderen zog sie eine kleine Tasche mit Austauschteilen hinter sich her. Die verdammten Röhren waren eng und unbequem in den alten Schiffen der Miranda Klasse.
Vor wenigen Minuten hatten sie es nach tagelanger Arbeit geschafft die Energieleitungen für die Waffensysteme wieder in Betrieb zu nehmen. Noch war nicht daran zu denken, die Phaser oder gar die Torpedorampen gefechtsbereit zu machen oder einzusetzen, aber man war auf dem Weg.
Kaum hatten sie den Traktorstrahl aktiviert, hatte das Reservesystem den Geist aufgegeben. Irgendwo hier hinter der nächsten Biegung mußte der Schaltkasten liegen, in dem sich die durchgeschmorte Kupplung befand. Jaqueline kroch einige Meter weiter und kam an eine Abzweigung. Die Schotten waren geschlossen. Sie robbte weiter und konnte dann schon den Geruch von verschmortem Kunststoff wahrnehmen.
Als sie die Klappe erreichte bot sich ihr ein Bild der Zerstörung. Die Kupplung war nicht einfach durchgeschmort, nein, sie war unter der hohen Belastung einfach explodiert. Dabei hatte sie so ganz nebenbei noch ein Bündel ODN-Leitungen und einige transpolare Spulen mitgenommen, abgesehen von dem stark deformierten Schacht in dem sie untergebracht war. „Verdammt...“ fauchte J.J. „...da gebe ich mir die allergrößte Mühe diesen Kasten wieder zusammenzuflicken, und diese Kiste fällt an allen Ecken und Enden wieder schneller auseinander als ich die Schäden beheben kann.“
Sie war sichtlich geladen. Sie tippte auf ihren Kommunikator, „Ymoota, ich brauche hier einige transpolare Spulen. Schicken Sie jemanden los der mir vier von diesen Dingern hierher schafft, diese verdammte Kupplung ist explodiert, hier sieht es aus wie nach einem Bombenanschlag.“
J.J. war zwar richtig in Rage, aber sie gab sich Mühe ihre Anweisung sachlich und ohne Emotionen an den Maschinenraum weiterzugeben. Ymoota hatte im Maschinenraum aber schon richtig verstanden, wie es um den derzeitigen Zustand von J.J. bestellt war.
Sie bedeutete dem Fähnrich mit wenigen Gesten, daß er sich beeilen solle und die Dinge auf dem Diagnosetisch ablegen sollte. Wenige Sekunden später materialisierte sich neben J.J. ein Paket Spulen, sowie die notwendigen Werkzeuge zum Einbauen der Teile. Jaqueline Jefferson blickte erstaunt auf die technischen Teile neben sich und im selben Moment ertönte Ymootas Stimme aus dem Kommunikator.
„Oh, das hatte ich ganz vergessen zu erwähnen, Wir haben die schiffsinternen Transporter wieder hingekriegt. Da hatte in einem der Hauptsysteme tatsächlich ein isolinearer Chip gefehlt. Den hat wohl irgendein Witzbold als Andenken mitgenommen, Sonst war da nämlich nichts defekt.“
J.J. mußte Lächeln. Sie hatte schon damit gerechnet mehr als zwanzig Minuten in dem unbequemen Schacht ausharren zu müssen, nur um die benötigten Teile zu erhalten. Nun konnte sie sofort damit beginnen die Spulen einzusetzen und sich dann gleich wieder aus diesem Wartungsschacht befreien.
Entschlossen griff sie in die Verkleidung und löste die Überreste der Kupplung und der Spulen aus den verschmorten Halterungen.
Edison Carter kam mit einem Padd in den Maschinenraum und ließ es mit einem eleganten Wurf auf dem Diagnosetisch aufsetzen und bis hinüber zu Ymoota schlittern. Kurz vor dem Absturz über den gegenüberliegenden Rand kam es zum Stillstand. Beschwingt trat er an den Tisch und stützte sich auf der Kante mit beiden Händen ab. Er machte einen fertigen, aber glücklichen Eindruck.
„Alles erledigt, genau so wie es der Captain wünscht. Sobald wir hier wieder auf allen Leitungen Energie haben, kann der Zauber losgehen. Ich hoffe nur, der Captain hat sich gut überlegt, was er mit dieser besonderen Art der Steuerung überhaupt anfangen will. Alles was er mir aufgetragen hat, kann man auch über die einzelnen Konsolen machen. Wir haben genügend Leute und inzwischen tagelange Arbeit investiert, damit die ganzen Systeme wieder funktionieren.“

Ymoota lächelte den jungen Mann mit einem wissenden Blick an. „Der Captain wird schon seine Gründe haben: Ich bin zwar noch nicht so lange in dieser Crew wie Sie, aber ich weiß, daß er es liebt auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Ich bin sicher, es wird seinen Zweck erfüllen.“
Damit nahm sie das Padd auf und blickte auf die Eintragungen, die Carter abgearbeitet hatte. Es sah auf den ersten Blick sehr verwirrend aus, aber für Ymoota formte sich sehr schnell ein klares Bild aus den Eintragungen. Sie legte das Padd zurück und meldete sich noch einmal bei Jaqueline Jefferson.
„Ich habe hier alle Diagnosen abgeschlossen. Wenn Sie mit der Kupplung fertig sind, müßten wir so ziemlich alle relevanten Systeme wieder in Gang haben.“
Es dauerte einige Sekunden bis sich die Chefingenieurin meldete. „Das dauert noch einige Zeit, die Schäden an den Anschlüssen sind stärker als es aussieht.“
J.J. verfluchte die Kerle, die das Schiff in diesen Zustand versetzt hatten. Sie war zwar eine fähige Ingenieurin und es gab kaum eine Aufgabe die sie nicht übernehmen würde, wenn es um die technische Betreuung ging, aber diese teilweise unsinnigen Zerstörungen auf diesem Schiff hatten ihr schwer zugesetzt. Es war deutlich mehr Arbeit gewesen, die zerstörten oder beschädigten Anschlüsse zu reparieren, als das Replizieren und Einsetzen der neuen Bauteile.
„Sie wissen, daß wir vor der Ankunft auf der Station noch unsere Ruhephase einhalten sollen.“ kam die mahnende Stimme von Ymoota durch den Kommunikator. „Das sagen ausgerechnet Sie mir, die aus ihrem Quartier in den Maschinenraum gestiefelt kommen und fragen ‘Kann ich irgendwie helfen?’ Ist doch wohl klar, daß ich da nicht nein sagen kann oder? Mir geht es ähnlich wie Ihnen, wenn ich frei hätte, würde ich nur irgendwo sitzen und grübeln. Dann arbeite ich lieber bis es so weit ist.“
Sie machte eine kurze Pause und drückte den Phasenregulator auf den Anschlußpunkt.
„Aber jetzt mal ernsthaft, wenn diese Kupplung wieder funktioniert, komme ich raus und werde mich sofort aufs Ohr legen, versprochen. Aber Sie machen jetzt auch, daß Sie wegkommen.“
Ymoota mußte lachen.
„OK, ist ja schon gut, die Delta Schicht hat hier schon übernommen, bis morgen dann. Maschinenraum, Ende.“
Ymoota drückte auf ihren Kommunikator, klopfte Edison Carter auf die Schulter und schob ihn in Richtung Gang.
„Und das Gleiche gilt auch für Sie mein Bester, Sie stehen auch auf der Liste.“
Beide verließen den Maschinenraum und gingen zum nächsten Turbolift um in ihre Quartiere zu gelangen.

„Commander, ich habe neue Meßwerte von der Station erhalten.“ meldete Corbal Mor von der Sensorenstation. Roger van Dyke wurde durch diese Information aus einem Dämmerzustand gezogen, in den er unbemerkt und langsam versunken war. Er horchte auf.
„Was gibt es Neues?“ wandte er sich ein wenig zur Seite, damit er mit ihm Blickkontakt aufnehmen konnte.
„So wie es aussieht, bewegen sich zwei der Energieanzeigen von der Station weg. Wenn wir weiter davon ausgehen, daß es sich um Schiffe handelt, dann sind gerade die beiden großen abgeflogen. Die Navigationssensoren geben natürlich nicht viel her, aber den Energiewerten zufolge scheint nur noch ein kleineres Schiff in der Nähe der Station zu sein.“
Roger nickte langsam,
„Das könnte unser Eintreffen deutlich erleichtern. Wir fallen weniger auf, wenn nicht so viele Schiffe da sind und uns mit den Sensoren zerlegen. Wenn unsere Vermutung stimmt, dann feilschen die ohnehin jetzt schon um die Bauteile, die sie aus diesem Schiff entnehmen können.“
Van Dyke fuhr sich mit der Hand durch seinen Bart. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß nicht mehr viel Zeit blieb, um noch eine ausreichende Ruhepause vor der Ankunft einzulegen. Eigentlich hätte er schon längst die Brücke übergeben sollen, Andy Duke hatte er schon vor Stunden in sein Quartier geschickt und auch Carah Pehl war schon zu Beginn der Delta Schicht abgelöst worden. Nur er saß noch immer im Kommandosessel und blickte auf den Hauptschirm, auf dem ihm die Sterne entgegenflogen.

„Scannen Sie weiter nur mit den passiven Sensoren und geben Sie mir Bescheid, wenn sich etwas Wichtiges tut.“
Roger van Dyke hörte die Worte, die er selbst gesprochen hatte und registrierte sie gleichzeitig als erster Offizier. Er war dabei die Brücke zu verlassen und das Kommando an Lt. Commander John Newton den Wissenschaftsoffizier abzugeben, der die Deltaschicht führte und bereits seit mehr als drei Stunden auf der Brücke war. Dennoch waren es genau die Worte, die Roger sonst veranlaßten, zumindest vorübergehend, die Fäden in die Hand zu nehmen. Irgendwie kam ihm die ganze Situation wie ein groteskes Déjàvu-Erlebnis vor. Er verdrängte die Gedanken, er war ohnehin inzwischen viel zu müde um noch hochphilosophische Theorien zu analysieren. Er stand auf, und bedeutete mit einer kleinen Geste dem Lt. Commander seinen Platz einzunehmen. Abgesehen davon, daß er nun wirklich eine Mütze voll Schlaf brauchte, war da noch das Problem mit der Ankunft an der Station, das er noch irgendwie ganz nebenbei geschickt lösen mußte.

Wikland blickte auf das Padd das ihm Commander Parker vor die Nase hielt. Es trug die klare Handschrift von Roger van Dyke, zumindest sinnbildlich, denn die digitalen Angaben waren die Antwort auf die schwere Frage, wie man sich der Station der Cardassianer nähern konnte, ohne unnötig Aufsehen zu erregen.
Das Andockmanöver vermeiden, sowie die anstehenden Aufgaben schnell und effektiv zum gewünschten Erfolg bringen konnte. Wikland tippte sich kurz durch den mehrere Seiten umfassenden Bericht, den er nach den einleitenden Worten gar nicht mehr ausführlich lesen mußte.
So offensichtlich war für ihn, welche Taktik der erste Offizier ausgewählt hatte. Ein genialer Plan, auf den er eigentlich hätte selbst kommen können. Sein Blick fiel auf den Chronometer und dann auf die Dateieintragung. Mit einem sorgenvollen Kopfschütteln quittierte er die Feststellung, daß der Commander auch nach der späten Ablösung auf der Brücke der Alexandria noch seinen Pflichten nachgekommen war.
Nachdenklich stöberte Wikland in seinen Erinnerungen, ob auch er einmal so gewesen war, bis zum Umfallen die letzten Reserven mobilisiert hatte, für das Schiff, den Captain, die Mission. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen erinnerte er sich an seine Zeit als erster Offizier auf der U.S.S. Calypso, in der er sicherlich nicht anders war. Mit einem leidvollen Seufzer stellte er aber auch fest, daß sich bis heute nichts daran geändert hatte.
Die Yokohama hatte sich hervorragend stabilisiert, alle Systeme waren wie gewünscht einsatzbereit und seine technische Crew hatte die ganzen Aufgaben fast in der vorausgesagten Zeit erledigt. Berücksichtigte man, daß sich bei den Reparaturen noch Erweiterungen herausgestellt hatten, die keiner vorher geahnt und kalkuliert hatte, war die Zeitvorgabe sogar eigentlich unterschritten worden, denn diese vielen kleinen und großen Hürden hatten immer wieder weiteres Material, zusätzlichen Personalaufwand und sorgfältige Nachkontrolle bedeutet.
Wikland war zufrieden. Die beiden Schiffe hatten mit Beginn der Delta Schicht auf die Licht Kommunikation umgeschaltet, die keine elektromagnetischen Emissionen erzeugte und die für die Übertragung verwendeten Positionslampen gehörten ohnehin zum gesamten Energiebild. Wer achtete schon auf den unregelmäßigen Rhythmus?
Wikland winkte Commander Parker zu sich heran, drückte ihm das Padd in die Hand und wies auf den Kommandosessel, aus dem er sich gerade erhoben hatte.
„Bereiten Sie alles vor, die notwendigen Daten finden Sie im Hauptrechner. Koppeln Sie die Systeme so, wie es Commander van Dyke vorgeschlagen hat. Ich will, daß diese Sache funktioniert, wenn wir morgen an der Station ankommen. Es könnte sein, daß unser aller Leben nur an diesem einen seidenen Faden hängt.“
Wikland nickte noch einmal in die Runde als Zeichen dafür, daß er sich jetzt zurückzog, dann verschwand er durch die Türhälften des Turbolifts und die Konzentration der Brückencrew fixierte sich wieder auf die Kontrolle der einzelnen Stationen.

Langsam glitten die beiden Schiffe auf die Station zu, die in ihren Abmessungen und Aufbauten Terok Nor wie ein Ei dem andern glich. Die Yokohama zog das viel größere Schiff der Nebula Klasse mit dem Traktor Strahl voran, der Station entgegen. Noch war die Station auf den Hauptschirmen nur ein kleiner Punkt, dessen Struktur lediglich bei maximaler Vergrößerung die Vielfalt an Details zeigte.
Die Alexandria folgte dem anderen Föderationsschiff wie ein Geist, der durch ein unsichtbares Band gefesselt war. Fast alle Lichter waren erloschen und verliehen dem Schiff ein ebensolches gespenstisches Aussehen. Lediglich die Warpgondeln glühten leicht in ihrem üblichen blauen Schimmer, der aber nur auf geringe Leistungsentfaltung schließen ließ. Der Ruf der Station erreichte die Yokohama gerade in dem Moment, als Wikland den Bericht der Deltaschicht über den Maschinenraum entgegennahm. Auf dem Hauptschirm wechselte das Bild und gab den Blick auf die Operationszentrale frei.
Yokohama, der Kommandant der Station Repok Nor, Legat Gelrath wünscht Sie zu sprechen. Antworten Sie.“

Wikland blickte an die Kommunikationsstation und nickte Ymoota zu, die vorher besprochene Schaltung zu aktivieren. Erst jetzt wurde auch an die Cardassianer eine Bildübertragung von dem Föderationsraumschiff übertragen. Der Kopf des Cardassianers, der die Verbindung hergestellt hatte verschwand abrupt zur Seite, weil sich eine andere Person vor der Kommunikationsstation positionierte, eine überhebliche Körperhaltung annahm und nach einer kleinen schöpferischen Pause zu fluchen begann:
„Imasov, Sie degerialische Hyäne, wo bleiben Sie so lange? Sie hätten schon vor mehr als einem Tag hier sein müssen. Haben Sie überhaupt kein Zeitgefühl mehr?“

Wikland wartete einige Sekunden bevor er antwortete. Er war sich sicher, daß die von Roger van Dyke benutzte Taktik funktionieren würde, aber es war doch weit mehr als nur eine einfache Täuschung.
„Entschuldigen Sie bitte, aber wir hatten einige Probleme mit den Systemen des anderen Schiffes. Wie Sie sicherlich erkennen, sind außer dem Warpkern fast alle Systeme inaktiv. Wir mußten das Schiff daher bis hierhin ins Schlepp nehmen, was angesichts ihrer sehr großzügigen Räumungsaktion auf der Yokohama nicht gerade leicht war. Zudem sind die übrigen Systeme in diesem Schiff auch nicht gerade in einem guten Zustand. Ich hatte Ihnen vorher schon gesagt, daß es nicht leicht sein würde.“
Der Kommandant der Cardassianer blickte auf den kleinen Monitor in den Konsolen der Kommunikationsstation. Das Gesicht des ungepflegten Mannes, welches darauf zu sehen war zeigte einen bedauernden Blick, der jedoch nicht über das sicherlich vorhandene unterschwellige Grinsen hinwegtäuschen konnte. Legat Gelrath war jetzt aber nicht in der Stimmung, sich von solchen kleinen Provokationen ablenken zu lassen. Lediglich die Annehmlichkeiten der vergangenen Nacht ließen Ihn einfach zu den wichtigen Dingen übergehen.
„Verdammt Imasov, sehen Sie zu, daß Sie hierher kommen und übergeben Sie uns endlich unser Schiff. Wir benötigen diese Technik dringend. Laut einem Bericht unseres Oberkommandos haben sich in der bajoranischen Provinz Antare Kalvar die Maquis für einen weiteren Aufstand gerüstet. Am besten wäre es, sie einfach mit diesem Föderationsschiff außer Gefecht zu setzen. Das könnte die Bajoraner noch weiter einschüchtern.“
Ymoota, die auf der Brücke der Yokohama stand konnte sich fast nicht mehr unter Kontrolle halten. Wikland hob seine linke Hand und machte eine beruhigende Geste, um ihr anzudeuten, daß sie nicht die Beherrschung verlieren sollte. „Das würden wir gerne tun Legat, aber wir haben einige Probleme mit den Kontrollen dieser Nebula Klasse. Wir konnten zwar eine Entermannschaft entsenden, die das Schiff in ihre Gewalt gebracht hat, aber anscheinend hat die Crew es irgendwie geschafft, alle Systeme zu sperren, das gesamte Schiff ist lahmgelegt. Meine Leute arbeiten fieberhaft an der Lösung dieser Aufgabe.“
Gelrath wurde ungeduldig.
„Dann schicken wir Ihnen ein cardassianisches Team um die Kontrollen zu umgehen. Das kann ja nicht so schwer sein. Wir stellen sofort eine Mannschaft zusammen.“
Mit wenigen Handzeichen bedeutete Der Legat seinen Guls und Glinns sich sofort darum zu kümmern.
„Wir hatten schon versucht ein weiteres Team aus Spezialisten hinüberzubeamen, aber dieses Schiff besitzt eine besondere Einrichtung, die nicht abgestellt werden kann. Eine Art Schutzschild, die es unmöglich macht an Bord zu beamen. Von den Leuten, die wir hinübergeschickt haben sind keine dort angekommen. Sie sollten sich diese Idee aus dem Kopf schlagen.“

Dem Cardassianer ging langsam die Geduld aus. Diesem schleimigen Handelsvertreter hatte er ohnehin nur äußerst ungern und nur auf Geheiß des Zentralkommandos dieses Schiff überlassen und es war ihm ein Greuel nun tatenlos zusehen zu müssen, wie sich Imasov als Besserwisser aufspielte.
„Dann werden wir das Schiff eben andocken und mit einem Trupp meiner Männer die nötigen Bauteile und Kontrollen umgehen.“
Erwiderte der Legat und blickte Imasov fest an, nicht bereit irgendwelche Konzessionen zu machen.
„Geben Sie uns einen Moment, wir checken das.“
sagte Wikland und schaute zu Ymoota, die ihm einen unbestimmbaren Blick zuwarf und die Kommunikation auf Stumm schaltete. Auch J.J., die hinter dem Captain stand hatte ihre Zweifel.
„Captain, wie will er das Schiff denn an die Andockschleuse bekommen? Wir sollten ihn irgendwie davon abbringen.“
Wikland schmunzelte.
„Nein Commander, der erste Schritt ist getan, er vertraut unserer Holosimulation. Er ist sich sicher mit Imasov zu sprechen, auch wenn wir seine Gesprächspartner sind und lediglich unsere Stimmen und unser Bild angepaßt werden. Wir müssen ihm einen Köder hinwerfen, den er schluckt und an dem er lange genug kaut um uns die nötige Zeit zu verschaffen. Wir haben da schon eine Idee...“
Wikland nickte Ymoota zu, die den Kanal wieder öffnete.
„Legat, es ist absolut unmöglich anzudocken, unsere Techniker können nicht einmal die Steuerdüsen aktivieren, die notwendig wären um einen Andockvorgang auch nur halbwegs sicher zu realisieren.“
Gelrath tobte fast auf der OPS der Station. Hatte doch dieser nichtswürdige Händler einfach die Übertragung beendet ohne ihn zu fragen. Diese Tatsache kratzte an seiner Autorität und ließ ihn im Ansehen seiner Mannschaft sinken. Er stellte sich schon vor wie die Guls, Glinns und die einfachen Soldaten sich hinter ihm das Maul zerreißen würden. Er fällte eine Entscheidung.
„Das ist ganz einfach, wir werden daß Schiff mit einem Traktorstrahl erfassen und ganz langsam zur Andockschleuse ziehen. Sie haben wohl noch nie etwas von der berühmten cardassianischen Präzision gehört, oder? Bereiten Sie Ihre Leute darauf vor, sie sollen uns so weit als möglich unterstützen. Ziehen Sie das Schiff bis über die Station und geben Sie es dann frei. Den Rest machen wir.“

Gelrath war mit sich zufrieden. Damit hatte er gezeigt, daß er wieder alle Fäden in der Hand hatte. Mit einem unüberhörbaren Befehlston wies er den Glinn neben sich an, eine technische Crew in die obere Andockschleuse des Pylons Nummer eins zu entsenden, beendete die Kommunikation und machte sich dann mit schnellen Schritten auf den Weg zu seinem Büro, welches einige Stufen höher lag um seinen Rang angemessen zu unterstreichen.

Wikland drehte sich zu Ymoota um.
„Lieutenant, bereiten Sie alles für unsere Ankunft vor, ich werde kurz mit Commander van Dyke sprechen. Wir müssen noch eine kleine Überraschung für die Cardassianer vorbereiten.“
Der Captain warf noch einen prüfenden Blick über die Brücke der Yokohama und verschwand dann im Turbolift. Leider hatten die Schiffe der Miranda Klasse keinen Bereitschaftsraum. Daran hatte sich auch durch die zahlreichen Modifikationen und den Austausch des Brückenmoduls nichts geändert.
Wikland hielt es aber für besser, das bevorstehende Gespräch mit seinem ersten Offizier nicht in der Öffentlichkeit der Brücke zu tätigen, auch wenn dort die loyalsten Mitglieder seiner Crew dienten.
Während er sich auf den Weg zu seinem Quartier machte, dachte er über das zurückliegende Gespräch mit dem cardassianischen Legat nach, der wohl dem gut ausgeklügelten Plan und der Holosimulation seiner Kumpane aufgesessen war. Hoffentlich hielt dieser Eindruck auch noch an, wenn man auf der Station eingetroffen war. Immerhin waren die Aufgaben, die sie an Bord der Station erledigen wollten nicht gerade einfach und beanspruchten eine gewisse Zeit, in der es vorteilhaft wäre unentdeckt zu bleiben.
Der Wunsch des Cardassianers, die Alexandria an die Station anzudocken könnte hier ein gefährliches Element in die Situation bringen. Immerhin befanden sich auf dem Schiff der Nebula Klasse mehr als 1200 Personen, für die er die Verantwortung trug. Wikland eilte durch die Gänge. Ihm kamen nur wenige Crewmitglieder entgegen. Alle Stationen waren bereits mit doppelten Schichten besetzt und nur einige, wenige Techniker waren immer noch damit beschäftigt, die sekundären Schaltkreise zu reparieren, damit man im Falle eines Problems ein Backupsystem hatte.
Wikland hatte sein Quartier erreicht und trat durch die Tür, die sich direkt hinter ihm wieder schloß. Der Captain ließ sich sofort am Schreibtisch nieder und schaltete das Tischterminal ein. Es dauerte einige Sekunden, bis der Bereitschaftsraum der Alexandria auf dem Display erschien und Roger van Dyke im Blickwinkel der Kamera auftauchte. Er nahm am Schreibtisch Platz und dreht das Terminal ein wenig herum.
„Captain, ich kann mir schon vorstellen, was Sie so sehr besorgt, daß sie mich kontaktieren.“
Wikland verzog sein Gesicht. Seine persönlichen Gewohnheiten, wie auch seine meist unterdrückten Gefühle waren für seinen ersten Offizier schon lang kein Geheimnis mehr.
„Ja, ich mache mir echt Sorgen. Was ist, wenn wir die Situation unterschätzt haben Nummer Eins? Sie wissen, wie viele Zivilisten wir an Bord haben, wir müssen eine Entscheidung treffen. Sie kennen mich, es ist keine Unsicherheit, Entschlußlosigkeit oder gar Feigheit, sondern ein letztes Abwägen der Risiken und der Sorge um die Menschen die mir anvertraut wurden.
Entweder weiterzumachen oder den schnellen Rückzug anzutreten. Noch könnten wir uns gefahrlos und gemeinsam mit der Yokohama aus der Affäre ziehen. Die Station kann uns nicht folgen und das Scoutschiff wird nicht viel Gegenwehr bieten.“
Roger van Dyke setzte seine vertrauensvollste Mine auf. Er wußte, daß er den Captain jetzt nicht mit seinen zugegebenermaßen ausgefallenen Ideen blenden konnte. Also setzte er auf die einzige Karte, die Erfolg versprach.
„Captain, bei allem nötigen Respekt. Ich weiß genau wie Sie sich fühlen und glauben Sie mir, seit gestern verstehe ich Sie besser als je zuvor. Es ist ein Unterschied, ob man als erster Offizier oder als Captain in diesem zentralen Stuhl sitzt. Die Blickweise verändert sich enorm.
Trotzdem bin ich der Meinung, wir sollten unseren Plan ausführen. Wir haben die Risiken sorgfältig abgewogen, eine unglückliche Wende oder die Entdeckung einzelner Teams haben wir in unserer Taktik berücksichtigt. Alles ist so organisiert, daß wir im Falle eines Mißerfolgs innerhalb von 60 Sekunden diese Station verlassen können.
Wir sollten unsere Chance nutzen und unsere Kameraden suchen und befreien, die mit ziemlicher Sicherheit auf dieser Station festgehalten werden. Nahezu jeder Captain der Sternenflotte würde das für seine Kameraden tun und das ist es, was unsere Kraft und unsere Stärke ausmacht. Das Leben hat für uns einen Wert, einen Wert den wir so hoch schätzen, daß wir unser eigenes riskieren um ein anderes zu retten. Diese Eigenschaft sollten wir nicht verlieren.“

Wikland hatte die Worte von van Dyke gehört und zugelassen, daß sie Zugang zu seinen Gedanken fanden. Erinnerungen an früher flammten in Wiklands Kopf auf. Die Calypso, vier Männer gefangen in einem Shuttle, ohne Antrieb, Schilde, Lebenserhaltung und ohne Hoffnung. Inmitten eines Gefechts dahintreibend, dem Zufall und dem Schicksal überlassen. Die Idee eines mutigen ersten Offiziers und die Bereitschaft des Captains, dieses Risiko zu wagen.
Eine große Schleife zu fliegen, das Schiff zu drehen und im Rückwärtsflug das Shuttle in den Hangar treiben zu lassen, wie den Seetang in das Maul eines Walfisches. All das zu wagen, inmitten eines Kampfes, bei dem man seine Gegner nicht eine Sekunde aus den Augen lassen durfte. Der Captain schüttelte diese Gedanken ab und blickte wieder konzentriert auf den Schirm des Terminals. Nur wenige Sekunden waren vergangen. Er nickte verständig.
„So ist es Nummer eins. Wir haben unsere Entscheidung schon längst getroffen und genau wie damals mein Captain stolz war, niemanden im Stich zu lassen, so werde auch ich sie nicht zurücknehmen. Bleibt nur noch die Frage wie wir das Andocken vermeiden. Sie hatten mir eine Lösung versprochen.“

Roger van Dyke entspannte sich und lehnte sich in dem bequemen Stuhl zurück.
„Nun Captain, man hat uns so viel über die cardassianische Präzision erzählt, mal sehen wie gut die wirklich ist. Ich hab da schon einen netten Einfall, diesmal ganz konventionell aber sehr überraschend. Ich gebe Ihnen Brief und Siegel, daß die nur einen Versuch machen werden. Ansonsten können wir dann unseren Zeitplan sowieso vergessen. Aber ich denke das wird schon klappen.“
Wikland atmete tief ein und blickte auf das Display in dem er Roger van Dykes entspannt platzierten Körper sah, mit einem feinen Lächeln auf den Lippen. Das war genug für Ihn. Er ahnte schon, daß hinter der Stirn seines ersten Offiziers ein ganz ausgefuchster Plan entstanden war und eigentlich taten ihm die Cardassianer schon jetzt leid, daß sie nicht wussten, was da auf sie zukam. Und wenn er es nüchtern betrachtete, wollte es Wikland auch gar nicht wissen.„In Ordnung Nummer eins. Veranlassen Sie alles Nötige und viel Glück. Wir bleiben in Verbindung, damit unsere Mission zur richtigen Zeit starten kann.“










Kapitel 24

„Wie lange noch?“ fragte van Dyke, als er aus dem Bereitschaftsraum wieder auf die Brücke trat. Maxine Dent blickte von Ihren Kontrollen auf und drehte sich zum ersten Offizier um. „Noch zwanzig Minuten, dann sind wir über der Station. Der automatische Vorgang der Energieabschaltung wird ab jetzt in genau 27 Minuten erfolgen.“
Roger nickte dankend und nahm wieder in dem zentralen Stuhl auf der Brücke Platz. Noch immer durchspielte sein Kopf die vor Ihnen liegende Situation und die einzelnen Unteraufgaben, die von den verschiedenen Teams zu erledigen waren. Keine der Aufgaben war leicht, und schon gar nicht ungefährlich.
Selbst wenn man davon ausging, daß die Crew der Yokohama auf der Station gefangengehalten wurde verblieben immer noch mehr als 300 Personen, die nicht der Sternenflotte angehörten und somit dem gegnerischen Lager zugerechnet werden mußten.
Zugegebenermaßen war das nicht gerade eine üppige Mannschaft für eine Station dieser Größe, aber es war damit zu rechnen, daß alle wichtigen Stellen gut gesichert waren.
Roger tippte auf seinen Kommunikator.
„Brücke an Krankenstation, wie weit sind Sie mit der Strahlenimpfung der Außenteams?“ es dauerte einen Moment, dann drang die Stimme der stellvertretenden Schiffsärztin aus dem Audiosystem,
„Hier spricht Lee Sun Chi Commander. Wir haben alle Teilnehmer des Außenteams bereits behandelt, bis auf Sie. Ich habe Lieutenant O’Reilly zu Ihnen auf die Brücke geschickt, um Ihnen die entsprechende Impfung zu verabreichen. Ich möchte hinzufügen, daß ich es nach wie vor nicht für eine gute Idee halte, wenn Sie das Schiff verlassen.“
Roger mußte lächeln,
„Das ist doch mein Text, wenn ich mit dem Captain rede Doktor, den können Sie nicht einfach gegen mich verwenden.“ sagte er mit humorvollem Unterton und strich sich mit seiner rechten Hand durch den gestutzten Vollbart.
„Aber ich weiß was Sie meinen Doktor. Ich werde mich vorsehen. Denken Sie bitte an die Injektoren und die Transponder, ich will daß wir schnell sein können. Noch haben wir wenig Informationen über die Abschirmung der cardassianischen Station und ich will so schnell wie möglich da wieder raus sein.“
Der Turbolift öffnete sich und Lieutenant O’Reilly betrat die Brücke. Zielstrebig ging sie auf den Commander zu und verabreichte ihm die Injektion, die Lee Sun Chi vorbereitet hatte.
„Das ist alles schon fertig. Die Transpondercodes habe ich schon an Keros und Commander Jefferson weitergegeben, auch wenn mir schleierhaft ist, wie Sie das zu unserem Vorteil nutzen wollen.“
Roger lächelte und sagte,
„Das lassen Sie mal meine Sorge sein, und wenn Sie so wißbegierig sind, dann lesen Sie doch einfach mal unsere Logbücher, da finden Sie vielleicht was Sie suchen. Brücke, Ende.“

Roger war ein wenig ruhiger geworden. Alles lief nach Plan, das gab ein wenig Sicherheit. Probleme hätten ihn zwar auch nicht von seiner Richtung abgebracht, wären aber bestimmt zusätzliche Hürden gewesen, die er jetzt nicht gebrauchen konnte.
Der erste Offizier stand auf und ging zur Wissenschaftsstation im hinteren Bereich der Brücke. Er wies den Computer an die Daten der Schiffsstruktur zu laden und gab einige Werte ein.
Auf dem Schirm erschien eine dreidimensionale Darstellung der Alexandria und Roger startete die Simulation. Das Ergebnis zauberte ein leichtes Schmunzeln in seine Mundwinkel, aber es war nur der erste Ansatz der Idee. Er veränderte die Grundwerte und schon sah das Ganze vielversprechender aus. Die Cardassianer würden staunen.
Roger nahm noch ein paar Feineinstellungen vor, übertrug dann die Daten in ein Padd und ging langsam nach vorne zur Steuerungskonsole. Esteban Ramirez hatte sich in seinem Stuhl bequem zurückgelehnt. Es gab kaum etwas zu tun, wenn man von einem Traktorstrahl gezogen wurde. Roger reichte ihm das PADD,
„Ich möchte, daß Sie genau das machen, wenn ich Ihnen die Anweisung gebe.“
Ramirez schaute kurz auf das Padd, und dann auf seine Kontrollen. Ein schmerzvoller Blick wanderte zu van Dyke und dann nach vorn zum Hauptschirm, auf dem die Yokohama zu sehen war.
„Das wird Captain Wikland gar nicht gefallen, aber es wird seinen Zweck erfüllen.“ erwiderte er und ein schmales Grinsen entstand auf seinem Gesicht. Dann machte er sich daran, die Eingaben in seine Station zu tippen, damit er später alles mit einem einzigen Tastendruck erledigen konnte.
Zufrieden wandte sich Roger van Dyke um und ging zu seinem Platz zurück. Die Station war mittlerweile auch ohne Vergrößerung schon gut zu erkennen und es konnte nur noch wenige Minuten dauern, bis man sie erreicht hatte. Die Außenteams hatten ihre Ausrüstung zusammengestellt und warteten auf den beiden Schiffen auf ihren Einsatz. Sowohl Keros auf der Alexandria, als auch Thomas Winters auf der Yokohama hatten ihre Zielpunkte im Stationsinneren geortet und die Transporter eingestellt. Sie warteten nur noch auf den Befehl zum Aktivieren.
Wikland war geschickt im Annähern an die Station. Ohne Zögern hatte er einen Kurs direkt zum Pylon eins gewählt, um die Alexandria in angemessenem Abstand zu plazieren. Beide Schiffe hatten verlangsamt, so daß sie nun ganz langsam die letzten hundert Meter zurücklegten. Roger van Dyke hatte alle Systeme auf Standby geschaltet, so daß der Schwindel mit den nicht funktionierenden Kontrollen nicht auffallen würde. Das ließ ihm jedoch wenig Handlungsfreiheit für überraschende Aktivitäten.

Erneut flammte der Bildschirm der Yokohama auf und zeigte das Gesicht des Stationskommandanten.
„Imasov, geben Sie das Schiff frei und sorgen Sie dafür, daß ich mit Gul Depat sprechen kann. Sofort.
Ich will wissen, warum Sie so lange weg waren und ich traue Ihnen nicht über den Weg. Meine Spezialisten werden das Schiff jetzt andocken und dann wird unser Team Ihren Leuten zeigen, wie man so ein Schiff übernimmt.
Föderationstechnik ist auch nicht viel schwerer zu beherrschen wie Cardassianische. Stoppen Sie das Schiff und gehen Sie in einen engen Orbit um die Station.“
Noch bevor Wikland auf die Forderungen des Cardassianers etwas erwidern konnte, war auch schon die Übertragung beendet. Wikland tastete nach seinem Kommunikator,
„Nummer eins, es ist soweit. Die Cardassianer haben sich gerade bei mir gemeldet. Unsere Außenteams sind bereit. Sagen Sie Bescheid, wenn es losgehen kann.“
Roger hatte sich inzwischen im vorderen Bereich der Brücke platziert. Er stand genau auf dem Symbol der Sternenflotte, welches im Teppich des Bodenbelags eingearbeitet war. „Verstanden Captain, auch unsere Leute sind bereit. Wenn der Andockvorgang mißlungen ist, beamen wir hinüber. Dann wird die Verwirrung am größten sein und kaum einer wird auf die Kontrollen achten.“
Erwiderte Roger van Dyke und warf einen Blick in die Runde. Alle arbeiteten konzentriert an den einzelnen Stationen. „Commander, wir werden von einem Sensorenstrahl gescannt!.“ berichtete Ramirez, während er gespannt auf die Kontrollen seiner Station achtete.

Im Andockbereich des oberen Pylonen eins von Repok Nor hatten sich zehn Cardassianer bereitgemacht um den Auftrag des Legaten auszuführen, die Alexandria zu betreten und die Kontrolle über dieses stolze Schiff zu übernehmen. Es waren die besten Männer, die Gul Relkar abstellen konnte.
Sie hatten schon umfangreiche Erfahrung mit Föderationstechnologie, die aus der Yokohama entfernt worden war und nun in den Lagerräumen und den Labors der Station zu finden war. Die Männer hatten bereits den Bereich der Luftschleusen betreten, der direkt oberhalb des kleinen Kontrollraums am Pylon lag. Die dicken Zahnradtüren waren alle geöffnet und gaben den Zugang zu der letzten Schleusentür frei.
Leise sprechend tauschten Sie die Erlebnisse des vergangenen Abends aus und blickten gespannt durch die kleinen Fenster hinaus auf das Schiff, welches gleich angedockt werden sollte. Unten im Kontrollraum waren zwei Techniker damit beschäftigt, den Traktorstrahl zum Andocken des Föderationsschiffes einzustellen. Der Rumpf der Alexandria lag groß und bedrohlich vor der Schleuse und man konnte bereits die Andocköffnung auf Deck neun des Schiffes erkennen, welche auf der zwei Uhr Position an der rechten Seite der Untertassensektion angeordnet war.
Der Traktorstrahl setzte ein leicht grünes Licht frei und erfaßte den gesamten Rumpf. Langsam bewegte sich die Alexandria und begann zu driften. Zunächst waren die Techniker damit befaßt die richtige Höhenlage herzustellen und so sank das Schiff um einige Meter pro Sekunde nach unten.
Ganz präzise wurde darauf geachtet, daß sich der Abstand zum Andockpylon nicht veränderte. Nach annähernd fünf Minuten hatten die Cardassianer das Schiff genau vor der Andockschleuse positioniert.
Kurz war zu erkennen, wie die Außenbeleuchtung der Station ein leichtes Aussetzen zeigte, sich aber sofort wieder stabilisierte. Die beiden Techniker im Kontrollraum rekalibrierten die Emitter und der Traktorstrahl setzte erneut ein. Langsam zog er das Schiff zum Pylon heran, und der Abstand schmolz auf unter hundert Meter.

Roger van Dyke hörte die ständige Ansage von Maxine Dent, die den Abstand aktualisierte.
„Neunzig Meter...achtzig Meter...siebzig Meter...noch sechzig Meter...“ Roger drehte sich zu Ramirez um.
„Jetzt Lieutenant...“ rief er und blickte auf den Hauptschirm, der den langsam näher kommenden Pylon zeigte. Ramirez hatte die Sensorfläche auf seinem Display fast gleichzeitig mit van Dykes Befehl berührt. Preßluft schoß in die Backbord-Andockluftschleuse auf Deck neun und erhöhte den Druck in dem kleinen Raum innerhalb von Sekundenbruchteilen auf über 2.500 Bar. Kurz darauf öffnete sich die Außenschleuse um fünf Prozent der Fläche und ließ den Überdruck schlagartig ins All entweichen.
So unscheinbar diese Aktion war, so wirkungsvoll war sie. Der plötzliche Druckabbau in der Schleuse auf der stationsabgewandten Seite wirkte wie eine Schubdüse und beschleunigte die Untertassensektion ruckartig in Richtung Pylon. Die Cardassianer registrierten sofort die höhere Beschleunigung des Schiffes, machten einen verzweifelten Versuch den Traktorstrahl umzukehren und zu verstärken.
„Abbrechen!!! Gegensteuern!!! Kehren Sie den Strahl um und verstärken sie Ihn!“ rief der Cardassianer im Kontrollraum seinem Kollegen zu. Aber die automatischen Systemprogramme versagten einen zusätzlichen Energieaufwand um den Strahl zu verstärken.
Sie hatten keine Chance, dem auf sie zudriftenden Schiff entgegenzuwirken, und nur Sekundenbruchteile später schlug die Außenhülle der Alexandria in den Pylon von Repok Nor ein.

Die Luftschleuse des Pylons wurde so stark deformiert, daß die äußere Tür der Belastung nicht mehr standhielt und zerbarst.
In Sekundenbruchteilen wurde der gesamte Bereich dekomprimiert und das cardassianische Technikerteam in die Kälte des Raums gerissen. Das gleiche Schicksal ereilte die beiden Techniker im Kontrollraum, der ebenfalls durch den Anprall beschädigt wurde und dessen Wand zerriß wie ein Blatt Papier.
Der Einschlag erschütterte die gesamte Station. Das war der Moment auf den Roger van Dyke gewartet hatte, er drückte seinen Kommunikator und rief:
„Keros beamen sie uns rüber, jetzt ist der beste Zeitpunkt. Geben Sie der Yokohama Bescheid. Sermin, Sie übernehmen die Brücke, ich bin bald zurück. Halten Sie sich an die Weisungen und wenn Fragen bestehen wenden Sie sich an den Captain. Kein Alleingang, haben wir uns verstanden?“
Noch während der Vulkanier mit dem Kopf nickte war Roger van Dyke bereits in das blaue Schimmern des Transporterlichts eingehüllt und verschwand von der Brücke.

„Verdammt was war das denn?“ rief Gelrath den es fast von den Füßen gerissen hätte. Der Glinn an der OPS blickte verstört auf zu dem Legat und erstattete Bericht.
„Das Schiff hat unseren Pylonen gerammt und hat die Andockschleuse und den Kontrollraum zertrümmert. Der gesamte Bereich ist luftleer. Wir haben das Technikerteam und das Kontrollteam verloren.“
Auf dem Bildschirm der OPS tauchte das verärgerte Gesicht eines Cardassianers auf.
„Legat, was haben Sie vor? Wollen Sie das Schiff in seine Einzelteile zerlegen? Ich dachte wir wollen damit noch eine wichtige Schlacht schlagen.“ dröhnte die Stimme von Gul Depat durch den Raum.
„Wir werden das Schiff wieder von der Station wegziehen, anscheinend ist Ihre Mannschaft mit solchen Manövern doch nicht so vertraut, wie Sie meinem Partner so vollmundig versprochen haben.“
Gelrath war aufgebracht, diese Enttäuschung war nicht gerade das was er jetzt brauchte. Zudem war dieser Gul sehr vorlaut und brachte ihn erneut bei seinen Leuten in eine unangenehme Situation. Er wollte eigentlich direkt in die Offensive gehen und den Gul aufgrund seines höheren Rangs zurechtweisen, aber es gab momentan andere Probleme, der Luftverlust mußte gestoppt und ein Reparaturteam auf den Pylon geschickt werden.

„Glinn Renak, versiegeln Sie den Andockbereich und schicken Sie ein Reparaturteam da hoch, ich will sobald als möglich diese Schleuse repariert haben. Wenn wir wieder an der Hauptenergie sind wiederholen wir dieses Manöver und dann will ich, daß es funktioniert.“ schnaubte der Legat einen der cardassianischen Offiziere an, drehte sich knapp um und verschwand in sein hochgelegenes Büro.
Eilige Betriebsamkeit erfüllte die OPS der Station. Hektische Rufe und ungeduldige Eingaben in die Kontrollkonsolen begleiteten die nächsten Minuten, in denen sich die Mannschaft darauf konzentrierte die Probleme einzudämmen, die sich durch die Kollision ergeben hatten.
Sie war zum ungünstigsten Zeitpunkt eingetreten, den die Station überhaupt erleben konnte. Gerade vor zwei Minuten hatte der Computer die Kontrolle der Energiesysteme übernommen, damit die Umsetzung des Energiekerns erfolgen konnte. Der Einfluß über die primären und sekundären Energiesysteme war damit nahezu null. Es war schon ein Wunder, daß der Computer genügend Energie bereitstellte, um die Schleusen und Schotts zu schließen, damit der Druckabfall nicht die ganze Station erreichte. Keinem fielen die geringfügigen Schwankungen in den Abschirmfeldern auf, deren Kontrollen verwaist waren, da sich alle Offiziere auf der OPS den dringlichen Problemen widmeten, die der Legat so deutlich betont hatte.


Nach oben


counter gratis

(C) 2010 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken