Roger van Dyke hatte das kleine Team um sich geschart und war dabei, seinen Plan noch einmal zu erklären. „Was wir zuerst angehen sollten, ist die Frage, wie wir die Gasmischung berechnen müssen und vor allem, wie wir das Betäubungsgas zu den Notflutungstanks der Lebenserhaltung transferieren.“ Jaqueline Jefferson, beugte sich über das große Display der Technikstation, die auf Deck fünf untergebracht war. Hier war eines der Hauptkontrollzentren, die mit allen Schiffssystemen vernetzt waren und wo die Missionsplanungen durchgeführt wurden, um die Brückensysteme zu entlasten und den Dienst an diesem wichtigen Punkt des Schiffes nicht unnötig zu stören. Die Ergebnisse wurden dann zur Ausführung in den Brückencomputer geladen. „Zunächst möchte ich mal wissen, wie ich da einen Zugang herstellen soll? Wir sind ja nicht mal auf dem Schiff.“ Roger van Dyke setzte ein süffisantes Lächeln auf und ließ sich absichtlich ein wenig Zeit mit der Antwort; er wollte seine Karten nicht aufdecken, noch nicht. „Commander, das lassen Sie mal meine Sorge sein. Stellen Sie sich einfach vor, Sie könnten die Brücke der Yokohama mit unseren Kontrollen persönlich bedienen. Programmieren Sie eine Simulation. Wie würden Sie vorgehen?“ J.J. überlegte kurz und sagte dann: „Nun zuerst würde ich die Tanks verschließen und den Druck in den Notfallbefülleitungen ablassen. Dann würde ich über das Hauptsystem der Lebenserhaltung den Gasvorrat auf das Notsystem umleiten. Das ist ein normaler Vorgang, der eingeleitet wird, wenn die Lebenserhaltung für die Atmosphäre anderer Lebensformen angepaßt wird, das wird keiner bemerken. Danach könnten wir mit der Giftmischerei anfangen, sofern uns der Doktor den nötigen Zugangscode gibt.“ Damit fing sie an einige Befehle in die Konsole einzugeben und entsprechende Simulationsparameter anzulegen. Jaqueline Jefferson drehte sich um und schaute in das immer noch verärgerte Gesicht von Sun Chi, die ein paar Schritte hinter Ihr stand. Zögerlich holte Sun Chi einen kleinen Chip aus der Uniformtasche und steckte ihn in den Erweiterungsport der Wissenschaftsstation. „Ich weiß zwar immer noch nicht, wie Ihnen das was nützen soll, aber was soll’s... Computer, Freigabe für medizinische Notfallsysteme und Fremdgasreserven. Autorisation Lt. Commander Sun Chi stellvertretender Schiffsarzt, Gamma Epsilon vier Delta Tango.“ Ein kurzes Piepsen bestätigte die Annahme der Freigabe und Roger wandte sich an Jadzia Lansu, die geduldig gewartet hatte, aber stets genau verfolgte, welche Maßnahmen durchgeführt wurden. Es war ihr suspekt, wie dieser Plan ohne Anwesenheit einer Wartungscrew auf dem anderen Schiff funktionieren sollte. Sie überlegte intensiv, ob ihr oder ihrem Symbionten ein ähnlicher Fall aus der Vergangenheit bekannt war, konnte aber keinen Zusammenhang feststellen. Erst die dritte Aufforderung von van Dyke riß sie aus ihren Gedanken. „...Commander, könnten Sie sich bitte auf unsere gemeinsame Aufgabe konzentrieren?“ Schnell richtete sie sich auf und ließ ihre Hände über die Schaltflächen gleiten. „Setzen wir das Raumvolumen der Yokohama voraus und nehmen wir an, die jetzige Mannschaft hat sich auf dem ganzen Schiff verteilt. Nun müßten wir eine Blitzflutung durchführen, wie sie bei einem Hüllenbruch nach Stabilisierung der Kraftfelder ausgelöst wird. Gehen wir weiter davon aus, daß alle Anwesenden auf dem Schiff humanoiden Ursprungs sind, könnten wir die Vorräte in den Tanks um maximal fünf Prozent mit dem Betäubungsgas ergänzen. Das liegt noch deutlich unter der medizinisch kritischen Grenze, müßte aber reichen, um selbst ein klingonisches Targh dort drüben für mindestens fünfzehn Minuten außer Gefecht zu setzen.“
Roger van Dyke blickte nachdenklich auf die Werte, die auf dem Display abzulesen waren. „Nur fünfzehn Minuten, das ist in einem so weitläufigen Schiff selbst für uns ziemlich knapp bemessen. Wie weit können wir gehen, bevor wir Schäden an Körper und Geist riskieren würden?“ Roger van Dyke brauchte sich nicht umzudrehen, er wußte auch so, daß Sun Chi schon zum Sprung ansetzte, um ihm an den Hals zu fahren. Er fragte sich, welche kleine Geste ausreichen würde, um die Asiatin vollends aus der Fassung zu bringen. Trotz allem blieb er gefaßt und wartete auf die Antwort, während er Sun Chi deutlich hinter sich Ein- und Ausatmen hörte. „Die kritische Grenze liegt bei 10,2 Prozent. gemessen an einer schlechten physischen Verfassung. In diesem Fall wäre auch der stärkste Krieger für mindestens 45 Minuten im Land der Träume.“ Roger drehte sich zu Sun Chi und blickte sie ruhig an. Ihre Wut und Ohnmacht ob dieses Befehls, den der Captain ihr persönlich erteilt hatte, waren ihr deutlich anzusehen. Besonders am hübschen Hals der Asiatin konnte man nun die Halsschlagadern unter der Anspannung deutlich hervortreten sehen. Sie haßte van Dyke alleine schon für die Frage, die er gestellt hatte und war nahe davor, ihre Befugnisse als Schiffsarzt voll auszuspielen, die ihr in Abwesenheit von Darian Wells zur Verfügung standen. „Lt. Commander, ich weiß, daß ihnen diese Taktik zuwider ist. Können Sie eine Beimischung von maximal 7,5 Prozent aus medizinischer Sicht noch als vertretbar erklären?“ Damit hatte er ihr natürlich schon den ganzen Wind aus den Segeln genommen. Sie wußte, daß sie aus medizinischer Sicht und gegen ihre persönliche Überzeugung hier zustimmen mußte, zumal der geforderte Wert noch immer unter dem kritischen Bereich lag, der ohnehin an einer geschwächten Person orientiert war. Insbesondere überraschte es sie, daß van Dyke sie überhaupt noch nach ihrem Urteil fragte, da sie die Freigabe schon längst erteilt hatte. Sie mußte einräumen, daß sie diese radikale Maßnahme wesentlich kritischer gesehen hatte, als sie überhaupt angewendet werden sollte. Langsam beruhigte sich ihr fliegender Atem und sie antwortete: „Ja Commander, eine solche Mischung genügt den Sicherheitsanforderungen, um Schäden von den Personen abzuwenden.“ Jadzia änderte schnell die Werte und las das Ergebnis ab. „Das bedeutet für uns ein Maximum von 32 Minuten, schon viel besser um Ordnung in den Laden zu bringen.“ Die Chefingenieurin wandte sich wieder den Kontrollen zu, um die weitere Vorgehensweise zu programmieren. Als nächstes mußte die Leitung mit dem Gas unter Druck gesetzt und die Öffnungszeit der Tankventile errechnet werden, um das gewünschte Mischungsverhältnis herzustellen. Der Rest war reine Routine. Das Erzeugen eines Prioritätssignals, welches die ganze Aktion schiffsweit in Gang setzte und das anschließende Absaugen und der Frischluftaustausch durch die Systeme der Lebenserhaltung. „Noch irgendwelche Wünsche Commander?“ beendete J.J. ihre Eingaben und drehte sich mit einem Lächeln nach rechts, wo van Dyke auf dem zweiten Stuhl saß. Er setzte einen unschuldigen Blick auf und verlieh seiner Stimme einen Klang, wie man ihn bei einem romantischen Essen zu zweit erwarten würde, „Es wäre nett, wenn Sie die Schilde senken könnten Commander. Es ist immer so unangenehm, wenn man beim Beamen gegen eine Wand läuft.“ Auch wenn diese Beschreibung die Realität nicht einmal ansatzweise traf, mußte sie zugeben, daß ihr dieser Punkt im Eifer des Gefechts entgangen war. Schnell hatte J.J. die entsprechenden Änderungen gemacht und die Datei abgespeichert. Nachdem nun alle programmtechnischen Eingaben erfolgt waren begann sich die kleine Gruppe untereinander zu unterhalten. Lee Sun Chi machte nach wie vor einen sehr gereizten Eindruck, auch wenn Ihre Befürchtungen bei weitem nicht erreicht worden waren. Roger van Dyke bedankte sich bei allen und eilte auf die Brücke, um Captain Wikland darüber zu informieren, daß alle Vorbereitungen getroffen waren. J.J. folgte ihm schnell, sie wollte unbedingt in Erfahrung bringen, wie er diesen gewagten Plan in die Tat umsetzen wollte. Nachdem der Turbolift auf der Brücke gestoppt hatte, schlenderte Sie unbefangen an die Maschinenstation im hinteren Bereich der Brücke und schaltete die Kontrollen für eine Diagnose ein, die täglich mehrfach gemacht wurden, um eventuelle Fehler oder Abweichungen rechtzeitig zu erkennen. Sie sah zu, wie Roger van Dyke im Bereitschaftsraum des Captains verschwand. Schon wenige Minuten später erschien Wikland auf der Brücke und setzte sich mit ernster Mine in den Kommandostuhl. Seine Geste bedeutete van Dyke, neben ihm Platz zu nehmen. „Alarmstufe Rot, akustischer Alarm aus. Alle Mann auf die Kampfstationen. Lieutenant Alisha, öffnen Sie die Dateien der Yokohama und laden Sie den Schiffs-Kommandocode in Ihre Konsole. Wenn ich Ihnen die Anweisung gebe, starten Sie die Datei ‘Simulation Yokohama’, beeilen Sie sich.“ Alisha die Bolianerin drehte sich kurz um und ließ ein „Aye Captain.“ hören. Auf ihrem blauen haarlosen Kopf bildeten sich einige blasse Stellen. Obwohl sie schon seit langer Zeit die Konsolen der OPS in der Hauptschicht überwachte, war sie immer wieder ein wenig nervös, wenn solche besonderen Aktionen bevorstanden. Schnell und präzise führte sie die Anweisungen des Captains aus. Roger van Dyke hörte deutlich, wie Jaqueline Jefferson an der hinteren Maschinenkonsole den Atem schwer aus ihren Lungen entweichen ließ. Jetzt hatte sie anscheinend begriffen, wie Wikland und van Dyke die Crew des anderen Schiffes überwältigen wollten. Ihr fiel auch die Parallele hierzu wieder ein. Ein Captain der Sternenflotte, der legendäre James Tiberius Kirk, hatte vor über 80 Jahren von dieser Funktion Gebrauch gemacht. Es war einfach und genial, man benutzte den Zugangscode zum anderen Schiff um mit dem eigenen Computer wie mit einer Fernbedienung alle Systeme steuern zu können. Natürlich funktionierte das nur, wenn eine ungeübte Crew an Bord war, denn sonst wäre ganz schnell die manuelle Überbrückung mit dem Widerruf möglich. Aber mit dieser Crew könnte es tatsächlich klappen. Sie waren sicherlich nicht sehr geübt im Umgang mit der Technologie der Sternenflotte. Auch wenn Sie in der Lage waren das Schiff zu steuern und die Systeme einzusetzen, war diese spezielle Funktion sicher nicht Bestandteil ihres aktiven Wissens. Wikland holte noch einmal die aktuellen Scans von Maxine Dent ein und erkundigte sich bei Carah Pehl, wie sich die Kommunikation entwickelt hatte. Es schien so, als wären keine weiteren Überraschungen zu erwarten. Der Captain blickte noch einmal zu van Dyke und wandte sich dann an Alisha.
„Lieutenant, beginnen Sie jetzt!“ Damit lehnte er sich in seinem Sessel zurück und harrte der Dinge, die jetzt auf dem anderen Schiff geschehen sollten. Im Gedanken verfolgte er die Aktionen, die seine Crew so sorgfältig geplant hatte, das Aufschalten der Ablaß- und Füllventile, die Veränderung des Mischungsverhältnisses in den Tanks der Notflutung des Lebenserhaltungssystemes. Die ganze Aktion lief vor seinem geistigen Auge ab und die Zeit verstrich hundert Mal langsamer als üblich. Alle anderen Besatzungsmitglieder auf der Brücke waren angespannt aber keiner sagte ein Wort. Nur das leichte Piepsen der Konsolen und das unterschwellige Brummen des Warpantriebs erfüllte die Brücke. Die blinkenden Leuchtbänder in den Seitenvertäfelungen verteilten ihr rotes Licht über die Brücke und steigerten so die Nervosität nur noch zusätzlich. Die Stimme von Alisha durchbrach das Schweigen. „Commandocode gesendet, Aktion läuft, ...Schaltungen vollständig, ....Mischungsverhältnis in den Tanks geändert.“
Maxine Dent blickte auf ihre Kontrollen. Es waren keine Anzeichen dafür zu sehen, daß von Seiten der unrechtmäßigen Besitzer der Yokohama irgendwelche Gegenmaßnahmen ergriffen wurden. „Captain, es ist alles in Ordnung, keiner hat bislang etwas gemerkt.“ Auf Wiklands Gesicht zeigten sich noch immer sorgenvolle Falten. Er war zwar entschlossen, diesem Spiel ein Ende zu setzen, konnte aber nicht umhin, auch über die Folgen nachzudenken. Im Speziellen über die Folgen für die echte Crew der Yokohama, wenn die Piraten feststellen sollten, daß diese Aktion sie ausschalten sollte und noch schnell einen Funkspruch absetzen würden oder was sie den vier Technikern antun könnten.
„Captain, die Protokolle sind abgearbeitet. Notfallflutung auf Ihr Zeichen...“ kam die Stimme von Alisha und Wikland mußte sich erst noch einmal kurz sammeln. „Fluten Sie jetzt!“ sagte er mit energischer Stimme und beugte sich nach vorne, als ob er auf dem Hauptschirm etwas erkennen könnte, was ihm bislang verborgen geblieben war. „Decks geflutet Captain, das Gasgemisch hat sich im ganzen Schiff ausgebreitet. Absaugung und Flutung durch das Lebenserhaltungssystem in 15 Sekunden. Unser Team kann in vier Minuten hinüberbeamen.“ Wikland blickte fürs erste zufrieden in die Runde. Er sah Andy Duke seinen zweiten Offizier an und fand, daß es an der Zeit sei, ihm wieder einmal ein wichtiges Kommando zu übergeben.„Commander Duke, nehmen Sie sich ausreichend Leute des Sicherheitsteams und des Rescueteams mit. Sichern Sie die Brücke und sorgen Sie dafür, daß alle Nichtmitglieder der Sternenflotte arrestiert werden. Halten Sie sich streng an die Vorschriften. Das Letzte was wir jetzt brauchen können sind solche Schreibtischtäter, die uns wieder Unfähigkeit oder Eigenmächtigkeit vorwerfen. Informieren Sie mich, wenn Sie das Schiff gesichert haben. Und sehen Sie zu, daß Sie unser Technikerteam so schnell wie möglich zurückschicken. Die Krankenstation soll sich bereithalten, um die Folgen der Betäubung so gering wie möglich zu halten.“
Andy Duke sah den Captain an ohne seine Emotionen zu zeigen. Es war eine ungewohnte Situation, der Captain hatte bei wichtigen Außenmissionen fast immer den ersten Offizier mit der Leitung beauftragt und auch bei Rettungseinsätzen hatte immer Jadzia Lansu als Leiterin des Rescue Teams die Führung der Mission in der Hand. „Aye Sir, wir werden unser Bestes tun.“ antwortete Andy Duke und nahm ein wenig Haltung an. Er wußte, daß der Captain diese militärischen Formalitäten und Verhaltensregeln begrüßte, auch wenn er dies nicht immer zeigte. Andy deutete auf Ran Byrell und ließ ihn durch eine Geste seiner rechten Hand wissen, daß er zu seinem Team gehörte. Die beiden wandten sich um und verschwanden in Richtung Turbolift. „Ich glaube, das wird ihm gut tun.“ sagte Wikland zu van Dyke, nachdem sich die Tür des Turbolifts hinter den beiden anderen geschlossen hatte. Van Dyke konnte nur beipflichtend nicken, auch er hatte schon lange nach einer Möglichkeit gesucht, den zweiten Offizier ein wenig mehr zu fordern und gleichzeitig zu fördern. Obwohl er bereits auf der ersten Mission mit Andy Duke Freundschaft geschlossen hatte, war daraus bislang nicht mehr als ein paar Gespräche in der Bar geworden und ein gelegentlicher Treff bei den sportlichen Betätigungen in der Kampfsporthalle. Der Kontakt von Andy zu den anderen Offizieren war eher spärlich und Roger konnte einfach nicht den Grund für diese selbst auferlegte Enthaltsamkeit finden. Die Idee Wiklands, ihn nun mit dieser wichtigen Mission zu betrauen, ließ ein wenig Licht am Ende des Tunnels erscheinen.
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Das Außenteam der Alexandria materialisierte sich an vier sorgfältig ausgewählten Stellen im Rumpf der Yokohama. Mehr als zweiunddreißig Männer und Frauen der Sicherheitsabteilung und des Rescue Teams hatte Keros über die verschiedenen Transporterräume gleichzeitig hinübergeschickt. Andy Duke, Chef der Sicherheitsabteilung war mit seinem dreiköpfigen Team direkt im Gang auf Deck zwei vor dem Turbolift zur Brücke erschienen und informierte ein letztes Mal seine Leute. „Seid wachsam, es könnte sein, daß einige nicht vollständig schlafen. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob sich irgendwelche anderen Rassen an Bord befinden, die eventuell größere physische Widerstandskraft besitzen. Zuerst checken, ob alle schlafen, dann alle Stationen sichern und zuletzt der Abtransport in die Sicherheitszellen. Die Phaser bleiben auf minimaler Betäubung und werden nur im äußersten Notfall eingesetzt. Alles klar?“ Ein kurzes Nicken aller Anwesenden bestätigte Andy, daß er sich auf sein Team verlassen konnte. Sie betraten den Turbolift und Andy, Ran Byrell und Jadzia Lansu stellten sich schußbereit an die Türhälften, bereit sofort zu reagieren, wenn sich der Lift öffnete. Andy gab den Befehl „Brücke.“ und der Lift setzte sich sanft in Bewegung, um die wenigen Meter zu überbrücken.
Die Tür öffnete sich und mit einem Sprung standen Ran, Andy und Jadzia auf der Brücke. Nichts regte sich. Insgesamt lagen neun Personen betäubt am Boden, zumindest auf der Brücke hatte der Plan hervorragend funktioniert. Andy deutete auf verschiedene Stationen und seine Leute verteilten sich. Nicht weit vom Turbolift lagen zwei Personen auf dem Boden. Sie schienen erst kurz vor der Aktion auf der Brücke angekommen zu sein, denn alle anderen waren an Ihren Stationen in die Bewußtlosigkeit gesunken. Ran Byrell hatte sich bereits davon überzeugt, daß der junge Mann an der taktischen Station tatsächlich im Land der Träume war und sicherte dann schnell die Funktionsflächen mit seinem Sicherheitscode gegen unbefugten Zugang. Dann heftete er dem Schlafenden einen mitgebrachten Kommunikator an die Brust und tippte ihn kurz an. Kurz darauf verschwand der Körper im blauen Licht eines Transporterstrahls. Keros hatte die Idee mit den speziell codierten Kommunikatoren noch kurz vor Beginn der Außenmission aufgebracht und sofort umgesetzt. Alle Piraten bekamen einen dieser Kommunikatoren angeheftet und damit konnten sie erfaßt und direkt in die Arrestzellen der Alexandria gebeamt werden. Auf die gleiche Weise verschwanden nach und nach die anderen Mitglieder der Piraten, die auf der Brücke Dienst getan hatten. Ran Byrell trat vor in die Mitte der Brücke und blieb neben dem Stuhl des Captains stehen, in dem eine hochgewachsene Gestalt saß, die in sich zusammengesunken war. Sie war mit einem dunklen weiten Umhang bekleidet und schien hier, zumindest zeitweise, das Kommando geführt zu haben. Ran Byrell gab dem Fremden einen kleinen Stoß. Der Körper fiel vornüber aus dem Stuhl und schlug hart auf dem Boden auf. Ran trat heran und drehte den auf dem Bauch liegenden um. Dabei fiel die Kapuze zurück und gab das Gesicht des Fremden preis, welches von vielen Knorpelunterwachsungen überzogen war. Der Bereich der Augen war umringt von diesen Knorpelhöckern, die Stirn war ebenfalls von solchen Verwachsungen gezeichnet. Auch am Hals setzten sich diese Verwüchse fort, die reptilienartige Schuppen aufwiesen und diese verschwanden unter der schwarzen Militäruniform. Die Hautfarbe war unnatürlich graunblau und zeigte mit Gewißheit die Herkunft des Mannes. Ran sprang augenblicklich in Angriffsstellung und zog seinen Phaser „Cardis!!!“ preßte er hervor. Es klang mehr nach einer Warnung als nach einer Feststellung und alle Anwesenden drehten sich abrupt um und blickten Ran Byrell und den am Boden liegenden Körper erstaunt und ungläubig an. Andy hatte sich als erster wieder gefangen. „Ran, stecken Sie die Waffe weg. Keine privaten Rachefeldzüge bitte!“ Nur widerwillig ließ Ran die Hand sinken und steckte den Phaser in seine Halterung zurück. Er konnte es einfach nicht verwinden, daß die Cardassianer auch hier präsent waren, die seit mehr als 50 Jahren seinen Heimatplaneten besetzt hielten und die Bevölkerung Bajors unterdrückten. Er hatte wie all die anderen Bajoraner einen abgrundtiefen Haß gegen alles und jeden aus dem cardassianischen Gebiet aufgebaut und würde auch in der Uniform der Sternenflotte jeden Cardassianer angreifen, gleich wo er Ihn zu fassen bekäme.
„Heften Sie ihm den Kommunikator an und dann ab mit ihm. Wir werden schon noch klären, was er hiermit zu tun hat.“ sagte Andy, der jetzt zu Ran Byrell getreten war und ihm seine Hand freundschaftlich auf die Schulter gelegt hatte, um ihn wieder zu beruhigen. Nach und nach waren die Meldungen der anderen Teams eingegangen, die im Maschinenraum und den Quartieren nach den Piraten gesucht hatten. Die einzelnen Stationen waren gesichert und es gab keine Veranlassung mehr, erhöhte Sicherheitsmaßnahmen auf der Alexandria aufrecht zu erhalten. Andy Duke betätigte seinen Kommunikator und informierten den Captain. „Außenteam an Alexandria. Captain Wikland, das Schiff ist gesichert. Alle Decks klar. Die meisten waren in Ihren Quartieren, nur einige hatten auf der Brücke und im Maschinenraum Dienst. Bitte richten Sie unserem Schiffsarzt Lee Sun Chi aus, Sie kann sich wieder entspannen, es hat keine Verletzten gegeben und die kleine Narkose scheinen, laut unseren Trikorderwerten, alle gut zu überstehen. Ach ja, wir haben noch eine kleine Überraschung erlebt. Einer der Besatzungsmitglieder ist ein Cardassianer!“ Bei diesem Satz war auch bei Carah Pehl an der Kommunikationsstation der Alexandria ein kurzes Aufflammen in den Augen zu erkennen, was sie sich aber an ihrer Körperhaltung nicht anmerken ließ. Wikland stand auf und blickte zufrieden zu van Dyke, der neben ihm stand und wandte sich dann an Andy Duke: „Das haben sie gut gemacht Commander. Sichern Sie alle Bereiche, lassen Sie ein Sicherheitsteam zurück und kommen Sie wieder an Bord. Wir müssen uns wohl mit unseren neuen Gästen ein wenig unterhalten, damit wir die Hintergründe erfahren. Außerdem fehlt uns noch die Crew der Yokohama. Wikland Ende.“ Der Captain war zufrieden. Gemessen am Aufwand war das Ergebnis recht anständig. Die gesamte Sache hatte nicht länger als dreißig Minuten gedauert und es war keiner zu Schaden gekommen. Ein Pluspunkt, den er sogleich für sich und seine Mannschaft verbuchte. Roger van Dyke baute sich neben Wikland auf und schaute ihn prüfend an. „Nun Captain, wie wollen wir jetzt weiter vorgehen?“ Wikland drehte sich zu seinem ersten Offizier um und machte eine ausholende Geste mit beiden Armen. „Lassen Sie unsere Gäste in den Zellen überwachen, vielleicht können wir einen oder mehrere Anführer erkennen und isolieren.“ Das war eine hervorragende Idee. Normalerweise war es ja üblich Gefangene oder Verdächtige sofort zu verhören, aber Wikland hatte seine eigene Strategie, er wartete erst einmal ab. In der Regel wurden die Arrestierten schon nach kurzer Zeit unruhig. Die Sperrfelder wurden auf höchste Stufe gestellt und die Sicherheitsleute aus den Zellenbüros abgezogen. Nun waren nur noch die einzelnen Zellen mit den Inhaftierten belegt, kein Sternenflottenpersonal weit und breit. Das sollte die Arrestierten nervös und unruhig machen, denn ohne einen Ansprechpartner war es auch nicht möglich Wünsche, Fragen oder Reklamationen zu äußern. Wiklands Taktik brachte schon nach kurzer Zeit das gewünschte Ergebnis.„So, eine einfache Sache, ja? Ich denke Sie sind Profis, wie kann Ihnen dann so ein Fehler unterlaufen?“ kam die knurrige Stimme von Gul Depat aus der rechten Zelle. „Imasov wo stecken Sie?“ rief der Cardassianer in den Zellenkomplex, als er auf seine Fragen keine Antwort bekam. Obwohl in jeder Arrestzelle nur zwei Liegen auf einem Raum von acht Quadratmetern untergebracht waren, hatten die Sicherheitsoffiziere Gruppen von je 12 Personen auf nur vier Zellen verteilt. Die restlichen Zellen dieses Sicherheitstraktes auf Deck 16 waren leer. Man hatte sogar darauf geachtet, daß die Zellen sich genau gegenüber lagen, so daß Blickkontakt zwischen den Häftlingen bestand. Wikland hatte den Transporterchef Keros angewiesen, die Personen ganz zufällig in die einzelnen Zellen zu verteilen. Langsam wurden die Freibeuter unruhig, der geringe Platz, die totale Ignoranz der Sternenflottenoffiziere und das demonstrative Verlassen des Zellenkomplexes trotz der Rufe einzelner Inhaftierter, ließ den Unmut zwischen den Leuten in den engen Zellen immer weiter anschwellen. Die Betäubung hatte bei vielen von ihnen unangenehme Begleiterscheinungen in Form von Muskelkater und Orientierungslosigkeit hinterlassen. Imasov, der in der Zelle gleich neben dem Eingang zum Zellentrakt untergebracht war, rappelte sich vom Boden auf und trat vor bis ans Sperrfeld. Der Cardassianer war in der Zelle schräg gegenüber untergebracht und blickte ihn mit einem grimmigen Gesichtsausdruck an. Er legte längst keinen Wert mehr darauf, seinen Kopf mit der Kapuze zu verdecken, was dazu führte, daß er über deutlich mehr Bewegungsfreiheit verfügte als alle anderen, da die Mithäftlinge in seiner Zelle einen gebührenden Abstand zu ihm hielten. Imasov blickte verächtlich in die Runde bevor er sich dazu herabließ, seinem Handelspartner zu antworten, allerdings zunächst mit einer Gegenfrage, die deutlich zeigte, daß er nicht zu den cleversten Köpfen zählte. „Verdammt, wo sind wir hier? Ist daß einer von Ihren verdammten Tricks Depat?“ Der Cardassianer, der ohnehin schon vor Wut kochte, schien in diesem Moment noch ein kleines Stückchen größer zu werden und sah aus, als wolle er zum Sprung ansetzen, um seinem Gegenüber an die Gurgel zu fahren. Er konnte sich aber im letzten Moment wieder fangen, da ihm klar wurde, daß er daß Sperrfeld ohnehin nicht überwinden konnte. „Wir sind auf einem Schiff der Föderation, eigentlich das, welches wir kapern wollten, wenn ich das richtig interpretiere. Oder meinen Sie vielleicht ich würde mich dieser unbequemen und erniedrigenden Situation aussetzen, nur um Sie zu unterhalten?“ In der Stimme von Gul Depat schwang höchste Verärgerung, Ironie und ein wenig Selbstmitleid mit, da die Temperatur in diesen Räumen der sensiblen cardassianischen Anforderung an ein angenehm warmes Klima in keinster Weise gerecht wurde. „Ihre Leute haben versagt Imasov. Und nicht nur das, wir haben anscheinend auch noch unser eigenes Schiff verloren. Imasov, wie gedenken Sie diesen Schaden wieder gut zu machen? Das Zentralbüro wird den vollen Preis zurückfordern, einschließlich einer nicht unerheblichen Aufwandsentschädigung. Und die wird aus Ihrem Kopf bestehen!“ Die angespannte Gestalt des Cardassianers in der Zelle gegenüber ließ den Händler zunächst nicht nervös werden. Die Sperrfelder verhinderten momentan Schlimmeres und die Föderation war dafür bekannt, daß sie niemanden zu Schaden kommen ließ. Im Gegenteil, Gefangene wurden in der Regel sehr zuvorkommend behandelt. Es sollte also kein Problem sein, einen seiner Teilhaber bei der Sternenflotte zu kontaktieren und sich schnell aus dieser unbequemen Lage zu befreien. Imasov strich mit den Händen durch seine ungepflegten Haare, die wie mit Öl eingestrichen alle aneinanderklebten. Er drehte sich um und bahnte sich einen Weg zur hinteren Wand, wo Lamott auf dem Boden saß, um sich von ihm anzuhören, warum das Entermanöver nicht funktioniert hatte. Die Taktik war doch so gut geplant gewesen und hatte beim Captain der Yokohama einwandfrei funktioniert. Außerdem war da die Übertragung von der eingenommenen Brücke, so daß man sich sicher gewesen war, alles fest im Griff zu haben.* * *Wikland und van Dyke traten aus dem Bereitschaftsraum des Captains und diskutierten leise miteinander. Mit wenigen Schritten hatten sie die Brücke auf dem Weg zum Turbolift überquert. „Captain, ich halte das für keine gute Idee. Die Yokohama sollte von einem Technikerteam geprüft und dann auf den Weg nach Hause geschickt werden.“ Wikland wandte sich an seinen ersten Offizier, der nur einen Schritt hinter ihm war: „Commander, ich lasse mir nicht schon wieder vorwerfen, meine Pflichten verletzt zu haben. Ich werde dieses Schiff übernehmen, die dazugehörige Crew wiederfinden und befreien wenn es nötig ist. Erst dann werde ich dieses Schiff auf den Heimweg schicken.“ Van Dyke sah zum erstenmal die Situation kommen, in der er dem Captain aus dienstlicher Pflicht mit allen Mitteln entgegentreten mußte. „Captain, Ihre Sicherheit hat Vorrang. Ich kann nicht zulassen, daß Sie sich mit diesem Schiff in Gefahr begeben. Und bedenken Sie Ihre Verantwortung gegenüber Ihrer Crew und der Alexandria. Eine Servicecrew könnte die Yokohama nach Hause bringen. Es ist nicht Ihre Aufgabe...“ Wikland unterbrach seinen ersten Offizier leise aber energisch. „Sie werden die Alexandria leiten, solange ich auf der Yokohama bin. Es ist das Vorrecht des Captains, auf eine Außenmission zu gehen. Es ist ein Schiff der Sternenflotte, da fühle ich mich so sicher wie Zuhause. Außerdem ist es ein Teil meines Plans, der, wie ich gestehen muß, zur Zeit noch einige Lücken aufweist, die sich aber sehr schnell schließen werden. Sie werden sehen Nummer Eins.“
Der Turbolift öffnete sich und Wikland trat ein. Er drehte sich zur Tür wo van Dyke noch immer stand und ihn verständnislos anblickte. „Lassen Sie mich den Einsatz leiten und bleiben Sie hier an Bord, Captain.“ Der Captain setzte sein schönstes Lächeln auf und antwortete „Das kann ich leider nicht dulden Nummer Eins.“, wobei ein geheimnisvoller Unterton in seiner Stimme mitschwang. Damit schlossen sich die Lifttüren und van Dyke stand allein vor dem Turbolift auf der Brücke.
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Wikland trat auf die Brücke der Yokohama, er war allein. Es war für ihn wie ein Sprung in die Vergangenheit. Die Modifikationen der Miranda Klasse hatten nur wenige Spuren an der Brückeneinrichtung hinterlassen, alles sah noch genauso aus wie früher. Nur der Stuhl des Captains machte inzwischen einen leicht abgenutzten Eindruck. Wikland sah nach vorne zur Conn Station, die nun verwaist wie alle anderen Stationen der Brücke im gedämpften Licht lag. Bilder aus seiner Zeit an der Akademie flammten wieder in seinem Kopf auf. Der Tag an dem er als Fähnrich zum ersten Mal die Verantwortung über die Conn Station übernommen hatte lag nun schon über 18 Jahre zurück. Es war nur ein kleiner Patroullienflug, den Wikland im Rahmen seiner Ausbildung begleitete, um die ersten Erfahrungen außerhalb des Simulators zu sammeln. Es war kein richtiges Kommando oder etwas ähnliches. Es war nicht einmal in seinem Dienstplan vermerkt worden. Aber, es war der erste Kontakt mit den echten Kontrollen eines echten Raumschiffs und solche Momente bleiben erfahrungsgemäß in der Erinnerung meist besonders intensiv haften.
Der Captain trat langsam nach vorn und schaute auf den Hauptbildschirm. Die Alexandria lag gegenüber im All und er blickte buchstäblich vom Beginn seiner Sternenflotten Karriere in die jetzt Realität gewordene Zukunft. Seine rechte Hand strich langsam über die Lehne der Conn Station. Von hier aus sah alles so vertraut aus. Die Brücke, die Kontrollen und sogar der Platz des Captains schien sich plötzlich mit Leben zu füllen. Wie Geister spielte sein Verstand die Personen zu dem Bild das er sah und die Offiziere, blaß und durchsichtig durchquerten die Brücke, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Geräusche, Stimmen, besonders die von Fähnrich Mareen Tereas fügten sich dem Tagtraum hinzu und jetzt öffnete sich der Turbolift. Jan Erik Wikland erwartete daß Captain Walter Kerolos mit steifem Schritt zu seinem Platz stakste. Aufgrund seiner besonders steifen Körperhaltung hatten die Kadetten ihn damals Besenstiel getauft. Das Zischen der Turbolifttüren zog Wikland förmlich an und er drehte sich um. Schlagartig verblaßten alle Bilder, Erinnerungen und Stimmen. Jadzia Lansu trat aus dem Lift und ging mit federndem Schritt auf Wikland zu. Schnell zog er seine Hand von der Lehne der Conn Station und bedauerte schon diesen Anflug von Sentimentalität, dem er sich für einen kurzen Moment hingegeben hatte.
Jadzia hatte jedoch die kleine Geste des Captains nicht bemerkt und erstattete Bericht. „Captain, wir haben eine Bestandsaufnahme gemacht. Das Schiff ist in einem katastrophalen Zustand. Viele Systeme wurden einfach aus den Halterungen gerissen, es gibt massenhaft offene Leitungen. Die Reservesysteme wurden bis auf die Hilfs-Antriebseinheiten auch schon komplett ausgebaut. Von den Verteidigungssystemen sind nur noch die oberen Phaserbänke aktiv. Keine Torpedos und Sonden mehr. Man könnte gerade meinen das Schiff wäre geplündert worden. Auch der Warpantrieb gibt nicht mehr viel her. Mir ist ehrlich gesagt schleierhaft, wie diese Leute das Schiff bis hierher bekommen haben.“ Wikland nickte wissend. Er hatte sich schon seinen Reim darauf gemacht, was hier geschehen war. Seine Gedanken kreisten um die tapfere Crew, die man sicherlich mit Gewalt vom Schiff gebracht hatte. Aber für seinen Plan, der noch immer einige weiße Flecken hatte, war es unerlässlich, die Yokohama wieder in Schuß zu bekommen und das ziemlich schnell. Mit besorgtem Blick wandte er sich an Jadzia. „Lt. Commander, wie ist Ihre Einschätzung, ist das Schiff flugtauglich?“ Jadzia blickte auf Ihr Padd, „Flugtauglich ja, aber das ist auch schon alles Captain. Es darf kein einziges System ausfallen, sonst gehen hier die Lichter aus. Kein Antrieb, minimale Verteidigung, kaum Lebenserhaltung, keine Notsysteme.“ Wikland drehte sich zum Hauptschirm, auf dem die Alexandria zu sehen war und überlegte einen Augenblick. Irgendwie mußte er den Zustand des Schiffes deutlich verbessern ohne dies nach außen hin preis zu geben. Die Piraten oder jetzigen Besitzer sollten ruhig in dem Glauben bleiben, nichts hätte sich verändert. „Lassen Sie eine Crew von der Alexandria kommen, die dieses Schiff wieder einsatzfähig macht. Und wenn ich sage einsatzfähig, dann will ich dieses Schiff auf alle Arten seiner Spezifikation nutzen können. Lt. Commander Hawkins soll sich darum kümmern, daß die wissenschaftlichen Geräte wieder einwandfrei funktionieren und vielleicht kann Sie den Computer- und Sensorlogbüchern die Flugroute entlocken. Lt. Commander Carter soll die Waffen wieder in Gang setzen. Geben Sie Commander Jefferson Bescheid, daß sie alle notwendigen Materialien bereitstellt. Die technische Crew soll zusehen, daß wir in 24 Stunden starten können.“
Jadzia war von dieser Anweisung wie vor den Kopf gestoßen. Sie dachte nach, ob sie sich vielleicht nicht klar genug ausgedrückt hatte oder der Captain möglicherweise nicht richtig zugehört hatte, was nicht zu seiner sonst bemerkenswerten Aufmerksamkeit passen würde. Sie ließ kurz den Kopf sinken, „Bei allem Respekt Captain, allein für die notwendigsten Reparaturen benötigen wir mindestens eine Woche, wenn nicht mehr.“ Wikland fuhr herum und Jadzia Lansu sah den entschlossenen Blick seiner Augen, als er Ihr schroff antwortete: „Dann lassen Sie jeder Gruppe genügend Leute zuteilen, wofür haben wir schließlich eine so üppige Crewliste? Ich erwarte die Abflugbereitschaft in 24 Stunden, das ist alles Commander.“ Damit setzte er sich in Bewegung und trat die wenigen Stufen hinauf, die zum hinteren Bereich der Brücke führten. Wortlos verschwand er im Turbolift und ließ die Leiterin des Rescue und Recovery Teams verwirrt und allein auf der Brücke zurück, die sich den plötzlichen Stimmungsumschwung des Captains nicht erklären konnte.
Als nächstes machte sich Wikland ein eigenes Bild vom Zustand des Schiffes. Das jedenfalls war die offizielle Anwort die er all denjenigen Crewmitgliedern gab, die ihm in den Gängen und Räumen begegneten. Insgeheim aber wollte er dieses Schiff in seinen Besitz nehmen. Die Yokohama machte wirklich einen erbärmlichen Eindruck. Mehr als zwei Stunden inspizierte er die einzelnen Decks. Überall im Schiff waren Wandvertäfelungen einfach abgenommen und wichtige oder wertvolle Bauteile aus den Systemen entnommen worden. Dabei hatte man sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie an den vorgesehenen Kupplungen oder Verbindungen zu trennen, sondern sie einfach herausgerissen. Es war Ihm klar daß er seiner Crew hier viel abverlangte, aber wie es nun mal seinem Charakter entsprach war sein wichtigster Gedanke nun die Rettung der Yokohama Crew. Das Schiff spielte in seinem noch immer sehr unvollständigen Plan eine primäre Rolle. Irgendwas sagte Ihm, das er dieses Schiff brauchte und da war noch diese Stimme aus früheren Tagen, die Ihn aufforderte das Kommando über dieses Schiff zu übernehmen, eine übermütige Stimme, zu der sich jetzt auch ein Gesicht formte, das von Fähnrich Mareen Tereas, die gemeinsam mit Ihm auf der Brücke gedient hatte und so wie es angehende Offiziere immer tun, hatten auch sie in Ihrer Kadettenzeit an der Akademie schon Zukunftspläne geschmiedet. Immer wieder diskutierten sie darüber, wie sie ihre Crew führen würden, wenn man Ihnen jemals ein Schiff anvertrauen würde. Mareen sagte damals zu ihm: „Übernimm doch einfach das Kommando, den Besenstiel kannst Du ja in den Schrank stellen, das wäre sowieso die bequemste Unterbringung bei seiner Körperhaltung...“ Und nun, mehr als 18 Jahre später sollte sich dieser Scherz in bittere Wahrheit verwandeln. Betroffenheit zeigte sich in Wiklands Gesichtszügen über die Tatsache, daß sich die Erfüllung dieser flapsigen Sprüche von damals unter diesen widrigen Begleitumständen ereignete. Der Captain hatte genug gesehen. Es wurde Zeit etwas zu tun. Er öffnete einen Kanal und rief Jaqueline Jefferson. „Commander, ich möchte, daß dieses Schiff wieder einsatzbereit gemacht wird. Wie sie den Berichten des ersten Teams in Kürze entnehmen können, fehlen hier sehr viele Teile. Am besten machen Sie sich selbst ein Bild davon. Ich möchte nachher in unserem Meeting Ihre Einschätzung hören.“ Jaqueline, die gerade auf der Brücke der Alexandria die routinemäßigen Diagnosen gestartet hatte, antwortete sofort. „Captain, ich habe bereits von Lt. Commander Lansu gehört, daß dort viele Bauteile einfach herausgerissen wurden. Wenn das stimmt, dann muß mir jemand beim Tragen helfen, so viele Teile passen nicht mal in meine ausgebeulten Hosentaschen.“ Wikland mußte unwillkürlich lachen. Der spontane Humor der Chefingenieurin war wirklich immer wieder erfrischend. „Commander, setzen Sie sich mit dem Frachtbereich in Verbindung, sie sollen einen der Industrie-Replikatoren zerlegen und ihn mit einem Shuttle hier herüber bringen, Wenn Sie ihn in Hangar eins aufbauen und anschließen, können Sie mehr als neunzig Prozent aller benötigten Bauteile hier replizieren. Das wird die Zeitspanne deutlich reduzieren und Ihre Hosentaschen schonen.“ Wikland wollte noch etwas hinzufügen, verkniff sich aber weitere Bemerkungen. „Verstanden Captain, Jefferson Ende.“ Damit brach die Verbindung ab. Die Industrie-Replikatoren der Sternenflotte waren die Antwort auf den immer größer werdenden Bedarf nach kompletten und komplexen Einheiten. Wenn keine Werft in der Nähe war, konnten mit einem solchen Gerät auch großvolumige Bauteile repliziert werden. Das sparte Lagerkapazitäten, die sonst für die vielen Einzelteile bereitgestellt werden mußten die man für alle Eventualitäten dabei hatte. Meist fehlte dann trotzdem ausgerechnet das entscheidende Teil, welches gerade ausgefallen war, auf der Bestandsliste. Die auf der Alexandria verwendeten Replikatoren hatten eine Breite von 6,1 Metern, eine Tiefe von 2,3 Metern und eine Höhe von immerhin 4,7 Metern. Deshalb war es unerläßlich sie für den Transport zu zerlegen. Auch ein Beamen mit dem Frachttransporter kam bei dieser Art der Technik nicht in Frage. Zur kompletten Baugruppe gehörten aber noch weitaus mehr Bauteile. Von den beiden Materie-Eingabe-Vorbereitungseinheiten über den Molekular-Algorithmenprozessor sowie den Matrix-Strahlemitter und eine zentrale Speicherbank war der Aufbau deutlich komplexer als die gewöhnlichen Nahrungsreplikatoren. Die benötigte Energiemenge allerdings auch. Der Verbrauch von 3,41 Kg Deuterium pro Betriebsminute würde ausreichen um eine ganze Stadt wie New Berlin auf dem Mond für mehr als 2 Tage mit Energie zu versorgen. Jetzt hatte Wikland das Gefühl, daß er alle notwendigen Weichen gestellt hatte. Er tippte seinen Kommunikator an und stellte erneut eine Verbindung zur Alexandria her. „Wikland an Alexandria, eine Person zum Beamen bereit.“ Fast zeitgleich mit der Bestätigung von Keros umhüllte der leichte blaue Schimmer den Körper des Captains und seine Konturen begannen zu verschwinden. Wenige Sekunden später stand er auf der Plattform in Transporterraum drei und blickte dem Bolianer Keros ins Gesicht, der Ihn freundlich grüßte und darauf wartete, daß Wikland den Transportbereich wieder frei machte. Noch immer beschäftigte Wikland die Frage, warum seine innere Stimme so vehement die Verwendung der Yokohama forderte. Im Prinzip hatte van Dyke recht, die andere Crew könnte man auch mit der Alexandria suchen, die ohnehin das einzige voll einsatzfähige Schiff war. Dennoch wollte ihn dieses Gefühl nicht verlassen, welches ihm beharrlich die Yokohama immer wieder ins Gedächtnis rief. Wikland hatte sich inzwischen auf den Weg gemacht um bei Avallia Sen, der Botschafterin von Sakras 5 vorbeizuschauen. Er hatte sie eine geraume Zeit lang nicht gesehen und wollte sich kurz mit ihr unterhalten, bevor er wieder auf der Brücke die Kontrolle übernahm. Als er auf Deck elf vor dem Quartier ankam und der Sensor seine Anwesenheit vor der Tür des Botschafterquartiers wahrnahm konnte er den leisen Rufton hören, der anzeigte, daß eine Person Einlaß begehrte. Als auch nach einigen Sekunden keine Reaktion erfolgte, drückte er die Sensorfläche neben der Türe ohne eine Antwort zu erhalten. Er überging die Protokolle mit seinem Autorisationscode und öffnete die Tür. Der Raum war leer. „Computer, lokalisiere Botschafterin Avallia Sen.“ wies der Captain die Schiffssysteme an. „Die Botschafterin befindet sich in ihrem Quartier“ war die prompte Antwort des Computers und Wikland erfaßte in diesem Moment den Grund dafür. Auf der schwarzen Platte des Tisches neben ihm lag der Kommunikator, den die Botschafterin wohl absichtlich abgelegt hatte. Wikland war befremdet, eigentlich dachte er, daß er Avallia Sen bereits gut kannte, aber dieses Verhalten konnte der Captain nicht einordnen. Ohne zu zögern wandte er sich um. „Wikland an Brücke, wissen Sie wo sich die Botschafterin Avallia Sen aufhält? Ihr Raum ist leer und sie hat den Kommunikator abgelegt.“ Obwohl es nur Sekundenbruchteile dauerte, bis sich die Brücke meldete, kam es Wikland vor als seien Stunden vergangen, die Ungeduld zehrte bereits jetzt an ihm. „Van Dyke hier Captain, Fähnrich Carlson ist sich sicher sie auf dem Weg zu Holodeck acht gesehen zu haben. Sollen wir ein Sicherheitsteam losschicken um sie zu suchen?“ Wikland atmete tief durch, „Nicht nötig Nummer eins, ich kümmere mich selbst darum. Ich bin in einer halben Stunde wieder auf der Brücke, informieren Sie die einzelnen Teams. Ich will Ergebnisse sehen und dann unsere weitere Strategie festlegen.“ Die Stimme von van Dyke kam aus dem Audiosystem. „In Ordnung Captain, es wird alles bereit sein. Brücke Ende.“
Wikland hatte mit wenigen Schritten den Raum verlassen und den Weg zum Turbolift zurückgelegt. Das Holodeck acht lag nur zwei Decks höher, nahe der Bar Lookout. Bereits zwei Minuten später, bog er um die Ecke des Ganges, der zum Holodeck führte. Ohne die Anzeige der aktuellen Simulation zu beachten ging er zielstrebig auf die Tür des Holodecks zu, die sich sofort öffnete. Wikland trat mit schnellen Schritten in eine sommerliche Landschaft ein und folgte einem kleinen Pfad, der durch dichte hochgewachsene Büsche führte. Obwohl er in Hinsicht auf die Natur sehr bewandert war, fiel ihm nichts Besonderes auf, während er weiter dem kleinen Pfad folgte. Erst als er auf die weite Lichtung trat, stutzte er. Das konnte doch nicht möglich sein. Vor sich sah er sein Haus in Schweden, welches sich schon seit vielen Generationen im Besitz der Wiklands befand. Dennoch konnte er niemanden sehen. Auf seine Rufe nach der Botschafterin erhielt er nur das Gezwitscher der Vögel zur Antwort und die Geräusche der Baumkronen, die leise im frischen Wind rauschten. Wikland hatte inzwischen die Lichtung überquert und stand vor seinem Anwesen. Zunächst wollte er ins Haus stürmen um die Botschafterin zu suchen, wurde aber von irgendetwas zurückgehalten, es war ihm unerklärlich. Diese Simulation hatte er schon seit sehr langer Zeit nicht mehr aufgerufen. Sie war eine sehr persönliche Angelegenheit, die Wikland sehr wichtig war. Er umkreiste das Haus, welches nah am steil aufragenden Bergrücken stand und folgte dem kleinen Weg, der an der Felswand entlang führte. Während sich auf der linken Seite das Felsmassiv immer höher auftürmte, konnte man auf der rechten Seite in das sonnige Tal hinabsehen, welches hinunterführte bis zum Fluß. Der Weg führte weiter bis zu einer Schlucht und verschwand darin. In Wikland breitete sich ein Unbehagen aus, welches immer mehr von ihm Besitz ergriff. Die Schlucht durch die er ging, wurde immer schmaler und dunkler. Dafür konnte man nun ein Rauschen vernehmen, welches anscheinend von einem hohen Wasserfall herrührte. Nach wenigen Metern sah man schon die weitreichenden Wasserfahnen im Licht der schmalen Sonnenstrahlen glitzern, die vereinzelt von oben in die Schlucht fielen. Der Weg endete in einem Kessel, der den Wasserfall in einem zirka 50 Meter großen Kreis einschloß. Das Wasser eines Baches fiel über mehrere Kaskaden mindestens 40 Meter in die Tiefe. Ein schmaler See nahm die Wassermengen auf, bevor sie durch eine Öffnung, die nur bis knapp über die Wasseroberfläche reichte, auf der gegenüberliegenden Seite im Fels verschwanden. Auf beiden Seiten des Wassers war in liebevoller Kleinarbeit ein wunderbarer Garten angelegt, es standen Bänke bereit und luden zum Verweilen ein. Avallia Sen saß auf der Bank direkt neben der Schlucht und blickte auf die herabstürzenden Wasserfontänen und auf die junge Frau, die in der Mitte der gebogenen Holzbrücke stand, welche den See überspannte und zum anderen Teil des Gartens führte. Sehnsüchtig blickte die junge Frau auf den Wasserfall, so als warte Sie auf ein Wunder, das von ihm ausginge. Ihre Hände lagen ruhig und entspannt auf dem Geländer der Brücke.
Wikland war enttäuscht, wütend, verwirrt und unentschlossen zur gleichen Zeit. Er wußte einfach nicht wie er reagieren sollte. Avallia Sen erhob sich und kam langsam auf ihn zu. Der Ärger in Wikland nahm überhand. Sein Blick fiel noch einmal auf die junge Frau auf der Brücke bevor er dem Computer seine Anweisung gab „Computer, Programm sofort beenden und mit persönlicher Autorisation von Jan Erik Wikland versehen.“ Die Simulation verschwand und mit ihr auch alle Geräusche, die eben noch die Luft erfüllt hatten. In der Stille stand Wikland der Botschafterin gegenüber und schaute sie mit strafenden Augen an. „Warum haben Sie das getan Botschafterin? Hat die Privatsphäre anderer Wesen bei Ihnen einen so geringen Stellenwert?“ wollte er von Ihr wissen, bevor sie jedoch antworten konnte hob er erneut an, um seinem Ärger Luft zu machen. „Dies ist eine private und sehr persönliche Simulation, die nicht für Spaziergänge anderer gedacht ist.“ Avallia Sen zuckte zusammen bei den harten Worten des Captains und ließ ihr Haupt sinken. „Ich wußte nicht, daß es sich um eine persönliche Datei handelt, ich wollte lediglich Ihr Zuhause sehen und der Computer hat auf meine Anfrage diese Simulation vorgeschlagen. Sie haben mir so viel von Schweden erzählt und unser kürzlicher Besuch auf dem Holodeck hat mich neugierig gemacht zu erfahren wie und wo Sie gelebt haben. Mehr war es nicht.“ Wikland ärgerte es, daß er nicht schon früher daran gedacht hatte einen persönlichen Schlüssel auf diese Datei zu legen. Er hatte die Simulation einfach von seinem letzten Schiff übertragen, auf der Alexandria hatte er sie noch nie aufgerufen. „Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht in den Programmen anderer herumzustöbern. Warum haben Sie mich nicht einfach gefragt? Ich hätte Ihnen mein Zuhause und den Besitz der Wiklands gerne gezeigt. Aber das Sie mich so hintergehen und diese Simulation während meiner Abwesenheit einfach aufrufen, hätte ich nie von Ihnen gedacht.“ Damit wandte er sich ab und verließ das Holodeck. Avallia Sen folgte ihm langsam und fragte leise. „Diese Frau auf der Brücke, war das...“ Der Captain hielt inne und ohne sich umzudrehen preßte er knapp und mürrisch ein „Ja!“ hervor, dann setzte er seinen Weg fort und eilte mit langen Schritten zum nächsten Turbolift.
Wikland hatte die Brücke nur zwei Minuten nach seinem Gespräch mit Avallia Sen im Holodeck erreicht. Noch immer zeigten sich tiefe Falten der Verärgerung auf seiner Stirn. Van Dyke nahm ihn am Turbolift in Empfang und ging mit ihm die wenigen Schritte bis zum Besprechungsraum im hinteren Teil der Brücke. Die Führungsoffiziere waren in Gespräche vertieft, die nun abrupt endeten, als Wikland sich auf seinem Platz niederließ. Alle konzentrierten sich zum Captain hin und warteten auf seine Fragen. „Na dann meine Damen und Herren, den Status und die Ergebnisse Ihrer aktuellen Aufgaben bitte!“ eröffnete Wikland die Runde und ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken. Er deutete mit einer offenen Geste seiner linken Hand auf Andy Duke an, daß dieser mit seinem Bericht beginnen sollte. Andy stand auf und umrundete den großen Tisch, der die Form eines rechtwinkligen Dreieckes hatte, dem man die Ecken gekappt hatte. Er stoppte seine Runde neben dem großen Wanddisplay und aktivierte den Schirm. „Wie Sie alle wissen, haben wir die Crew der Yokohama betäubt um unsere Offiziere zu retten. Dabei hat sich unser Verdacht bestätigt, daß eine fremde Gruppe das Schiff übernommen hatte und die ursprüngliche Crew verschleppt oder umgebracht wurde. Insgesamt haben wir vom anderen Schiff 44 Personen in die Arrestzellen transportiert. Gemeinsam mit dem Enterkommando haben wir also 48 Personen hier. Es handelt sich um einen zusammengewürfelten Haufen aus Söldnern, Piraten, Ausgestoßenen und Glücksrittern, die wohl in den umliegenden Systemen gestrandet sind. Wir haben alle auf engem Raum untergebracht um zu sehen, welche Personen sich als Anführer herausstellen, um danach eine Separierung vornehmen zu können. Da die meisten keine disziplinarische Ausbildung genossen haben war diese Individuenverachtende Art der Arrestierung nur von kurzer Dauer. Wir bekamen schnell das gewünschte Ergebnis. Es besteht keine Kommandohierarchie, aber die Frauen und Männer scheinen den Anweisungen der folgenden drei Personen Folge zu leisten:“ Der Wandbildschirm wechselte vom Föderationslogo zu einer Personalakte, die neben einigen Daten auch das Foto eines Mannes zeigte, der einen osteureupäischen Einfluß seiner Gene nicht vertuschen konnte.
„Toma Imasov, 43 Jahre, Handeltreibender auf Narkimo. Er handelt mit allem was er kriegen kann, verschachert es an jedweden der es haben will und bereit ist, den meist weit überzogenen Preis zu zahlen. Er wird auf einigen Föderationswelten bereits wegen Betrug, Diebstahl und verschiedener Sexualdelikte gesucht. Auf der Erde existiert noch keine Akte über ihn. Ihm werden einflußreiche Kontakte in verschiedene Kulturen nachgesagt. Er scheint viele der Gefangenen persönlich zu kennen, hat allerdings lediglich mittleren Einfluß auf die Leute. Nur wenige scheinen seine Autorität anzuerkennen, sie sind möglicherweise aus seinem persönlichen Umfeld zur Gruppe gestoßen.“ Wikland beugte sich etwas nach vorne, „Welche Informationen konnten Sie erlangen Lt. Commander?“ fragte der Captain mit fordernder Stimme und blickte Andy in der Erwartung einer positiven Äußerung an. Andy machte ein unzufriedenes Gesicht. „Tut mir leid Captain, aber seit dem die Folter abgeschafft wurde fehlen uns die notwendigen Druckmittel, um unnachgiebige Straffällige zum Reden zu bringen.“ versuchte Andy Duke die Stimmung etwas aufzuhellen, erntete aber nur einen düsteren Blick von Wikland, der ihm bedeutete, auf derartige Scherze in seinen weiteren Ausführungen zu verzichten. „Imasov ist ein sehr gerissener Bursche, er kennt sich gut aus im Föderationsrecht, weiß wo die Grenzen der Legalität verlaufen. Er beteuert lediglich Gast an Bord der Yokohama gewesen zu sein. Wie die Crew zu diesem Schiff gekommen ist, sei ihm völlig unbekannt. Außer seinem Namen und seiner derzeitigen Anschrift auf Narkimo konnten wir keine weiteren Informationen aus ihm herausholen.“ Der Captain schüttelte langsam den Kopf. „Das ist mehr als mager Lt. Commander. Was hat sich bei den Anderen ergeben?“ Andy wandte sich wieder dem Sichtschirm zu. Das Bild wechselte und zeigte einen kräftig gebauten Mann, der über eine sportliche und gut ausgebildete Figur verfügte Sein Blick zeigte wilde Entschlossenheit. „Natan Lamott, ein Mensch von der Sirius Kolonie. Zur Zeit verdingt er sich als Söldner. Er hat die Gruppe zusammengestellt, die die Yokohama geentert hat und war auch der Anführer der Gruppe, die auf die Alexandria gebeamt ist. Auch er wird in verschiedenen Welten der Föderation und der unabhängigen Systeme bereits gesucht. Ihm werden hauptsächlich Eigentumsdelikte zur Last gelegt, für eine Anklage fehlen allerdings bislang die Beweise, da ihm eine persönliche Verwicklung in die Angelegenheiten nie nachgewiesen werden konnte. Das dürfte sich jetzt ändern. Leider war auch er nicht gerade sehr gesprächig. Über den Grund der Mission, die Hintermänner und die direkten Auftraggeber hat er sich ausgeschwiegen.“ Andy machte eine kleine Pause um den Kollegen die Gelegenheit zu geben, sich auf den nächsten Kandidaten zu konzentrieren. Ganz bewußt hatte Andy diesen an die letzte Stelle seines Berichtes gestellt, da er wußte, daß nun die Emotionen hochkochen würden, was er am Anfang zwecks besserer Disziplin vermeiden wollte. Tatsächlich rutschten Ran Byrell und Carah Pehl sehr unruhig auf ihrem Stuhl umher, als die Akte des Mannes auf dem Display erschien. Das Bild zeigte einen Cardassianer in Militäruniform. Die reptilienartigen Halsansätze und die Knorpelhöcker im Gesicht waren unverwechselbar.
„Dieser Mann ist schweigsam wie ein Grab, er hat auf keine unserer Fragen auch nur ein Wort geantwortet. Aus den Unterhaltungen, die wir in den Arrestzellen aufgezeichnet haben wissen wir daß er auf den Namen Depat hört. Die Rangabzeichen seiner Uniform weisen ihn als Gul aus. Er taucht in einigen Aufzeichnungen der Bajoranischen Freiheitsbewegung auf und wird dort mit einer Position im Geheimdienst in Verbindung gebracht. Er stammt von Cardassia Prime und hat seit vielen Jahren die Erweiterung der cardassianischen Herrschaft in diesem Sektor unterstützt. Er ist möglicherweise ein hohes Tier, wie man so schön sagt, und verfügt zweifelsfrei über viele Informationen sowie weitreichende Verbindungen. Da wir aus Erfahrungsberichten der Enterprise die Umstände cardassianischer Verhöre unter Anwendung von Folter und Gewalt kennen, muß ihm der Aufenthalt auf diesem Schiff und die Verhörmethoden der Föderation wie ein Spaziergang vorkommen.“
Andy Duke kehrte zum Tisch zurück und drückte einige Tasten. Das Wanddisplay wechselte die Ansicht und zeigte nun die Akten der drei Personen nebeneinander an. „Wir haben selbstverständlich auch einzelne Leute der Gruppe einem Verhör unterzogen, aber auch hier sind wir mit unseren Methoden nicht weitergekommen. Die Rechte des Individuums, wie sie in den Regeln der Sternenflotte festgelegt sind, stecken uns enge Grenzen bei den Verhören und auch das Angebot der Straffreiheit hat bei keinem der Gefangenen zu einem kooperativen Verhalten geführt.“ Wikland blickte in die Runde seiner Offiziere und ließ einige Sekunden verstreichen, bevor er wieder zur Sache kam. „Nun damit kommen wir sicherlich nicht weiter. Wir benötigen präzise Informationen, wo die Crew der Yokohama von Bord gebracht wurde, damit wir prüfen und überlegen können, wie wir sie eventuell retten können, sofern sie noch am Leben ist.“
Wikland war aber auch auf die Informationen der anderen Offiziere gespannt. Er hoffte noch immer herauszufinden, wo die Originalcrew der Yokohama geblieben und warum all dies geschehen war. Er blickte Lee Sun Chi die stellvertretende Schiffsärztin an, welche die Aufgaben von Darian Wells in dessen Abwesenheit gewissenhaft und streng nach den Vorschriften übernommen hatte. Lee Sun Chi hatte sich so auf die Ausführungen von Andy Duke konzentriert und auf das Display gestarrt, daß sie Wiklands Informationswunsch erst bemerkte, als er sie direkt ansprach. „Doktor, gibt es irgend etwas aus medizinischer Sicht zu berichten?“ Lee löste ihren Blick von den Akten auf dem Bildschirm und sah den Captain an. „Nein Sir, die Aktion auf der Yokohama ist perfekt abgelaufen. Die Dosierung der Betäubung, die ich zunächst als zu gefährlich eingestuft hatte, gab unserem Team die Möglichkeit alle Fremden auf der Yokohama zu lokalisieren und in die Arrestzellen zu transportieren. Unser Außenteam hatte erwartungsgemäß einige Kopfschmerzen, die wir aber mit einem Hypospray schnell beheben konnten. Die Gefangenen sind ausnahmslos in guten physischen Zustand.“
Der Captain nickte und die junge Asiatin entspannte sich wieder ein wenig. Jaqueline Jefferson, die Chefingenieurin der Alexandria, die ihren Platz neben der Ärztin gewählt hatte, war sich bewußt, daß der Captain nun auch ihren Bericht erwartete. Sie hatte sich vorgenommen ihn unmißverständlich darauf hinzuweisen, daß eine Reparatur der Yokohama in der angegeben Frist unmöglich war.
J.J. erhob sich und wies auf das Wanddisplay, welches nun erneut aufleuchtete. Eine schematische Darstellung der Miranda Klasse füllte den Bildschirm. J.J. drückte einige Tasten auf den im Tisch eingelassenen Sensorenfeldern und die Abbildung füllte sich mit orangen, roten und blauen Markierungen. Erst ganz zum Schluß fügten sich noch einige grüne Punkte hinzu. „Was Sie hier sehen, ist der derzeitige Status der Yokohama. Das Schiff ist schwerer beschädigt, als es zunächst den Anschein hatte. Um es medizinisch zu formulieren, es sind mehr schwere innere Verletzungen. Insgesamt 43 Primärsysteme sind so stark beschädigt, daß ein Betrieb unmöglich ist. Die Defekte erstrecken sich von kleinen Dingen wie Replikatoren bis hin zum Antriebssystem, Schilde, Waffen, Trägheitsdämpfungssystemen und anderen lebenswichtigen Einrichtungen. Die roten Markierungen zeigen diese Systeme, die absolut unbrauchbar sind. Die orangen Symbole immerhin 67 an der Zahl, sind Einrichtungen, die zwar selbst intakt, aber auf Grund der Entfernung wichtiger Baugruppen nicht einsatzfähig sind. Die blauen Markierungen weisen auf Sekundärsysteme hin, die als Sicherheit gedacht sind, aber aus eben genannten Gründen ebenfalls nur eingeschränkt genutzt werden können. Die wenigen grünen Markierungen geben die Systeme wieder, die vollständig einsatzbereit sind. Dies sind zumeist Systeme im Recyclingbereich, oder der interne Kommunikationskreis, die keine wichtigen oder neuen Technologien betreffen. Bei allem Respekt Captain, auch wenn ich eine Vielzahl meiner Leute auf dieses Schiff bringe wird es sich in 22 Stunden nur dann bewegen, wenn jemand aussteigt und schiebt.“ Die restlichen Offiziere schauten mit enttäuschter Mine auf die Darstellung an der Wand. Das ganze Schiff war übersät mit roten orangen und blauen Punkten. die wenigen grünen Systeme fielen kaum ins Gewicht. „Lt. Commander, ich habe nicht gesagt, daß dies eine leichte Aufgabe sein würde, aber ich benötige dieses Schiff, und zwar baldmöglichst und intakt.“
J.J. war sich über die Situation im Klaren. Selbst wenn das Schiff flugfähig werden würde, konnte keiner absehen was hier in diesem Sektor noch für Gefahren lauerten und so angeschlagen, wie sich die Yokohama derzeit präsentierte, war sie eine leichte Beute für jedermann. „Ich habe einen Instandsetzungsplan ausgearbeitet, bei dem wir die Reparaturen so eingeteilt haben, daß die Flugfähiggkeit zuerst wiederhergestellt werden kann. Unser Team ist bereits an Bord und trifft die nötigen Vorbereitungen für den Austausch der beschädigten Aggregate. Auf Grund der sehr unorthordoxen Methoden des Ausbaus mancher Bauteile ist die benötigte Reparaturzeit allerdings nur sehr schwer zu kalkulieren. Captain, Sie kennen mich, Herausforderung ist mein zweiter Vorname, aber bis wir die nötigsten Systeme einsatzbereit haben brauchen wir mindestens zwei Tage, selbst wenn wir rund um die Uhr doppelte Schichten schieben und das ist schon mehr als knapp.“ Der Captain nickte und bekräftigte seinen Wunsch um schnelle Instandsetzung. „Danke für Ihre blumigen Ausführungen Lt. Commander. Fangen Sie direkt nach der Besprechung mit den wichtigsten Sachen an und informieren Sie mich stündlich über den neuesten Status.“ Jaqueline Jefferson lächelte ihre Kollegen Lock und Sermin an, die nun an der Reihe waren Ihre Informationen zu präsentieren. Lt. Commander Sermin, der Leiter der Sondergruppe Computertechnik, die den hübschen Kosename ‘Elliot’ trug und Lt. Commander Lock, der Bezite, der die Sensorengruppe leitete, löschten den Schirm und Lock nahm ein Padd vom Tisch auf, um Bericht zu erstatten. Zuvor aktivierte er noch einmal sein Atemgerät, das einen kleinen Chlorschwall freisetzte und dann begann er mit seiner leicht näselnden Stimme die Aufzählung der Katastrophen im elektrotechnischen Bereich aufzuzählen. „Wie die Chefingenieurin bereits berichtet hat, sind viele Systeme nicht einsatzbereit, was jedoch nicht auf Defekte, sondern auf fehlende Bauteile zurückzuführen ist. Wir haben bei unseren Diagnosen festgestellt, daß fast ausschließlich hochwertige technische Aggregate entfernt wurden, teilweise mit erheblichem Schaden an der zurückgebliebenen Peripherie.“ Lock betätigte erneut sein Atemgerät. Das längere Sprechen fiel ihm in der fremden Atmosphäre immer noch schwer, auch wenn die Zusatzgeräte die notwendigen Fremdgase beimischten, die seine Spezies benötigte. „Im Computerkern wurden nahezu wahllos Speicherplatten entfernt. Die gesamten Logbücher der letzten Reisen sind gelöscht, ebenso die Sensorenlogbücher. Es ist absolut unmöglich mit den derzeitigen Daten den Kurs der Yokohama zurückzuverfolgen. Wir sind nicht einmal in der Lage, den ursprünglichen Ablauf des Auftrags wieder herzustellen, damit wir erfahren, wie das Schiff in diese Situation gekommen ist, beziehungsweise wie es zu der Übernahme durch die Piratengruppe kam. Wir haben mit der Sensorengruppe einige umfassende Abtastungen gemacht. Die Warppartikel reichen nur bis in den Orbit des Planeten. Entweder ist das Schiff mit Impulsantrieb hierher gebracht worden, oder es ist schon seit geraumer Zeit im Orbit, so daß die Partikel in der Zwischenzeit zerfallen sind.“
Wiklands Faust schlug auf den Tisch. Es war aber nicht das energische Aufschlagen einer von Willenskraft getriebenen Entscheidung, sondern eher ein kraftloser Akt der Resignation. Mit dem Bericht von Lock schien klar zu sein, daß sie sich vorerst einmal in einer Sackgasse befanden, zumindest was den Verbleib der anderen Crew betraf. Sermin hatte die Geste des Captains zur Kenntnis genommen. Der Vulkanier blickte den Captain an und sprach aus, was die Meisten am Tisch jetzt bewegte. „Unter logischen Gesichtspunkten kommt eher die letzte Variante in Frage. Ein Flug mit Impulskraft hätte viel zu lange gedauert. Ein Schlepp mit einem anderen Schiff hätte dessen Spuren hinterlassen müssen. Zudem wäre es sicher noch in der Nähe. Die Abtastungen zeigen aber keine weitere Präsenz. Wenn man alle zur Verfügung stehenden Informationen zusammenstellt bleibt nur eine Konsequenz: Das Schiff wurde mit Absicht an diesen Punkt geschickt um die Übernahme der Alexandria zu erleichtern. Man wußte, daß wir die Verfolgung des kleinen Schiffes abbrechen würden, wenn wir auf die Yokohama treffen. Außerdem würden wir bei einem Schiff der eigenen Flotte zunächst keinen Verdacht schöpfen. Berücksichtigt man den Zustand der Yokohama, so ist anzunehmen, daß unserem Schiff das gleiche Schicksal drohen sollte. Damit stellt sich die Frage nach dem Warum?“ Sermin machte eine bedeutungsvolle Pause und beobachtete die Reaktionen der Zuhörer. Immer wieder stellte er fest, daß sowohl die Menschen als auch die vielen anderen vertretenen Rassen ihre Gefühle nur unschwer verbergen konnten. Zu offensichtlich waren die Betroffenheit und das Unbehagen, genauso wie die Neugier in den Gesichtern der Anderen zu erkennen. „Auf Grund der vorgefundenen Situation kann es sich hier nur um Technologietransfer handeln. Irgendjemand hat ein hochgradiges Interesse an der ausgereiften und effizienten Technologie der Föderation. Die Piraten oder Söldner, zu welcher Gruppe auch immer sich die Arrestierten zählen mögen, sind nur Handlanger für einen weitaus größeren Machtapparat. Welchen Nutzen könnten diese Gruppe aus den Komponenten eines solchen Schiffes ziehen? Ein Verkauf würde sehr schnell die Spur auf sie lenken. Eigene Verwendung haben sie für derlei große Bauteile sicher nicht. Bleibt nur eine Kultur, die diese Technologien ohne Probleme in ihre eigenen Schiffe integrieren kann. Der Cardassianer wäre ein interessanter Kandidat für diese Schlußfolgerung.“
Die Ausführungen des Vulkaniers sorgten auf der einen Seite für zustimmendes Kopfnicken, aber bei einigen auch für abweisende Gesten. Wenn das alles so einfach wäre, dann hätte man diese Scharade schon viel früher durchschaut, da waren sie sich sicher. Lediglich der Captain und Roger van Dyke hielten sich mit Ihren Reaktionen bedeckt. Sie versuchten diese Hypothesen mit den eigenen Schlußfolgerungen zu verknüpfen und so ein Gesamtbild der Situation zu bekommen. Roger van Dyke nahm das Padd vor sich auf und wollte dem Captain Bericht erstatten, als dieser sich aufsetzte und mit der rechten Hand abwinkte. „Ersparen Sie mir den Rest Nummer Eins. Ich kann mir schon denken, welche Angaben in Ihrem Padd lauern.“
Wikland erhob sich und deutete damit an, daß die Besprechung beendet war. Die Offiziere formierten sich zu kleinen Grüppchen und diskutierten die gewonnenen Ergebnisse und Schlußfolgerungen. Der Captain kam hinüber zu van Dyke, der sich mit J.J. unterhielt, die einen ziemlich nervösen Eindruck machte. Trotz ihrer Begabung und dem Elan, den sie immer versprühte, war die vor ihr liegende Aufgabe nicht gerade leicht. Im Gegensatz zu sonst, wo die Anwesenden meist unverzüglich den Raum verließen, um Ihre Hauptaufgaben wieder aufzunehmen, hatten sich nun doch viele der Offiziere in kleine Diskussionen verwickelt und erörterten die verschiedenen Hypothesen und eigenen Standpunkte. Wikland, der immer noch gereizt und verärgert war, bemühte sich um eine entspannte Körperhaltung und zwang ein Lächeln auf seine Lippen. Als er sah, daß sich die Chefingenieurin von van Dyke verabschiedete, trat er zu ihm und sagte:
„Ehrlich gesagt, die Ergebnisse haben mich sehr enttäuscht Nummer Eins. Ich kann und will nicht daran glauben, daß es keine Möglichkeit geben soll, die Flugroute zurückzuverfolgen. Wie wäre es, wenn ich Sie und einen ausgewählten Stab Ihrer Wahl von allen derzeitigen dienstlichen Verpflichtungen entbinde und Sie sich noch einmal in Ruhe mit dieser Frage beschäftigen. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Hut, aus dem Sie einen Hasen hervorzaubern können. Ich verlasse mich auf Ihr Talent Mr. van Dyke.“ Roger war sich nicht ganz sicher, ob er sich freuen oder ärgern sollte. In der kurzen Zeit in der er an Bord war, hatte der Captain ihm schon viele wichtige Aufgaben übertragen. Wikland hatte ihn aber auch wiederholt darauf hingewiesen, daß er technische Tricks oder Bluffs nicht gerne sah und nun forderte er ihn auf genau dies zu tun. Er gebrauchte dabei sogar die Worte - Ich verlasse mich auf Ihr Talent - einen hohen Vertrauensbeweis, den man eigentlich nur Leuten entgegenbrachte, die man gut zu kennen glaubt und einzuschätzen weiß. Roger wischte die Gedanken beiseite und blickte Wikland an. „Captain, ich bin möglicherweise ziemlich kreativ und habe so manchen Zaubertrick auf Lager, aber ich weiß nicht, ob ich unter diesen Umständen das gewünschte Ergebnis erzielen kann. Die Erwartungen hängen ziemlich hoch.“ Wikland klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Eine weitere Geste, die der Captain nur sehr selten zeigte. „Wußten Sie eigentlich, daß Sie einen krankhaften Hang zur Untertreibung haben, Commander? Wenn ich es jemandem zutraue, dann Ihnen Nummer Eins.“ Roger konnte nicht anders, er mußte sich fügen. Diese Aufgabe mußte dem Captain sehr wichtig sein, andernfalls würde er nicht so beharrlich darauf bestehen, diesen Kurs wieder kenntlich zu machen. „Ich versuche mein möglichstes, Captain.“ erwiderte er und Wiklands unergründliche Mine zeigte einen Anflug von Entspannung. „Ich bin in meinem Bereitschaftsraum. Informieren Sie mich über das Ergebnis. Viel Erfolg!“ Wikland drehte sich um und war mit wenigen Schritten auf der Brücke. Andy Duke, der vor ihm aus dem Besprechungsraum getreten war, erteilte er im Vorübergehen ganz beiläufig die Anweisung: „Commander Duke, Sie haben die Brücke!“ Kurz darauf schloß sich die Tür des Bereitschaftsraums hinter dem Captain und Andy stand auf der Brücke, die nun wie bei mancher Nachtschicht unter seinem Kommando stand.
* * * Roger van Dyke hatte sich für Sermin den vulkanischen Offizier und Leiter der Computergruppe „Elliot“ und den Benziten Lock, der die Verantwortung für die Entwicklungsgruppe der Sensoren trug, entschieden. Er war sich sicher, dass eine kleine Gruppe konzentrierter und effizienter arbeiten konnte. Das technische Labor auf Deck fünf war erneut der beste Ort, um die diffizile Aufgabe anzugehen. Die zahlreichen Möglichkeiten auf Daten und Einrichtungen zuzugreifen machten diesen zentralen Raum geradezu zu einem optimalen Operationszentrum. Roger van Dyke ging noch einmal die einfache Aufgabenstellung durch. „Also, der Captain möchte wissen, wo die Yokohama in der letzten Zeit gewesen ist. Er will nach Möglichkeit den genauen Ort ermittelt haben um zu prüfen, ob sich dort Hinweise auf die Crew der Yokohama finden lassen. Sermin, versuchen Sie die Computerlogbücher zu sichten und wenn möglich zu restaurieren. Lock, Sie können das gleiche mit den Sensorlogbüchern machen. Achten Sie auch auf persönliche Eintragungen, die nicht in den offiziellen Berichten auftauchen und überprüfen Sie die Berichte der Wissenschaftlichen Labors. Ich werde mich noch einmal mit der Fragmentierung des Hauptcomputers beschäftigen. Viel Erfolg“ Damit nahm van Dyke an einer Konsole Platz und rief die Computer-Konfiguration der Yokohama auf. Sermin ging wortlos zum Bibliothekscomputer, um die Einträge aufzurufen. Es war eine schier unlösbare Aufgabe und seiner Meinung nach Zeitverschwendung, in den zerstörten Resten der Dateien nach Hinweisen zu suchen, aber er beugte sich der Befehlsgewalt. Insbesondere nachdem der Captain ihn kürzlich für einen aus menschlicher Sicht interpretierten Fehler gerügt hatte.
Die Suche nach Ergebnissen erwies sich dann auch tatsächlich als sehr schwierig. Während Sermin wenigstens einige belanglose Einträge ins Computerlogbuch teilweise wieder herstellen konnte, hatte Lock weniger Glück. Von den Sensorenabtastungen fehlte jede Spur. Er war nervös und seine Hände wurden fahrig als sie über die Konsole fuhren. Roger van Dyke blickte auf und sah Lock fragend an. „Ich komme nicht weiter. Selbst die routinemäßigen Scans sind völlig zerstört oder nicht mehr vorhanden. Nicht eine einzige Datei läßt sich wieder sinnvoll zusammenstückeln.“ Roger nickte verständnisvoll. „Ich weiß, ich habe auch noch nicht das gefunden was ich suche. Aber das Ganze sieht sehr Merkwürdig aus. Die Daten sind nicht gelöscht worden, sie sind einfach zerstört. das ergibt einfach keinen Sinn. Durch das entfernen der Speicherplatten sind wahllos Lücken im System der Datenstruktur entstanden.“ Van Dyke verschwieg allerdings, daß er auf eine höchst interessante Eintragung im Archiv der Yokohama gestoßen war, eine Information, die allerdings sehr alt war und für andere Augen bestimmt war. Sermin bestätigte die ausgearbeiteten Ergebnisse auf seine Weise mit einer typisch vulkanischen Antwort, die Lock und van Dyke klar machte, daß das unbekannte Schicksal der Yokohama Crew für den Vulkanier keine Motivation darstellte, seine Bemühungen zu verstärken. „Commander....“ wandte sich Sermin an Roger van Dyke, „...ich habe die Suche nach verwertbaren Angaben nun zum siebenunddreißigsten Mal abgeschlossen. Weder die interaktiven Subroutinen noch die komplexen logistischen Suchraster der vulkanischen Theorien versprechen Aussicht auf Erfolg. Es ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen, wenn wir hier unsere Arbeit fortsetzen. Das bisher erzielte Ergebnis steht in keiner Relation zur eingesetzten Energie und Zeit.“ Roger van Dyke mußte erst einmal tief Luft holen. Es war ihm bewußt, daß Vulkanier dazu neigten, jedwede Gefühlsregung zu unterdrücken, aber der Mangel an Einfühlungsvermögen, oder auch nur der fehlende Versuch Sermins, sich in die Situation der restlichen Crewmitglieder zu versetzen, ließ ihn erschauern. Roger überlegte kurz, was passieren würde, wenn es auf einer Außenmission zu Problemen käme und Sermin das Kommando über den Rest der Gruppe erhalten würde. Wäre es tatsächlich möglich, daß dieser Vulkanier gehen würde ohne den Versuch zu machen, ein verlorenes Mitglied der Crew zu suchen? Und all das nur, weil es aus logischen Gesichtspunkten nicht zu erwägen war? Van Dyke blickte den Vulkanier an, der ruhig an seinem Terminal stand und beide Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte. „Lt. Commander, auch wenn Ihnen unsere Art der Verbundenheit zu anderen Personen fremd ist, hoffe ich doch, daß Sie die Rettung von Individuen als eine hohe Priorität einstufen. Der Captain und ich tun das und das ist der Grund, warum wir alles daran setzen, hier ein Ergebnis zu erzielen. Auch ich habe bislang nicht viel gefunden, aber ich gebe nicht auf. Irgendwo ist der entscheidende Hinweis verborgen, der uns weiterbringt. Solange ich die Möglichkeit dazu habe, werde ich alles daran setzen, die notwendigen Informationen zu finden. Das ist übrigens auch Ihre Aufgabe, so hat es der Captain befohlen. Wenn Sie mit dieser Arbeit unzufrieden sind, steht es Ihnen frei, sich beim Captain darüber zu äußern. Ich bin sicher, er wird an Ihren Ausführungen über Sinn und Unsinn der Ressourcenverschwendung zur Lebensrettung sehr interessiert sein und ihm werden sicherlich mehr als zwanzig nordische Flüche und Verwünschungen einfallen, die Sie sich vom Universaltranslator ins Vulkanische übersetzen lassen können.“
Sermin hatte die unüberhörbare Spitze natürlich verstanden, er wertete den Gebrauch der Ironie in dieser Antwort als überflüssig. Eine einfache logische Begründung hätte ihm auch genügt. Roger sah aber auch ein, daß die Konzentration inzwischen auf dem Nullpunkt angekommen war. Er vertagte die weitere Suche auf den nächsten Morgen. So brachen Sie am späten Abend ihre Aufgabe ab, jedoch nicht ohne den Captain über die bislang erfolglosen Bemühungen zu informieren.
Die Hoffnung an die sich Wikland klammerte schien langsam dahin zu schwinden. Insgeheim hatte er immer noch mit einem Wunder gerechnet, aber auch ihm war klar, daß man aus den fraktalen Teilen der neueren Logbuch Dateien keine vollständigen Angaben mehr erwarten konnte. Die möglicherweise berechneten Näherungswerte, die aus zwei oder drei aufgefundenen Positionsdaten erzeugt wurden, waren nicht mehr als ein Schuß ins Blaue. Wikland beschloß, eine andere Quelle zur Erlangung der Positionsdaten zu nutzen. Seine Sinne schärften sich und konzentrierten sich auf ein Ziel. Schnell tippte er einige Informationen und Anweisungen in sein Tischterminal und übermittelte sie an die OPS Station. Dann stand Wikland auf, verließ seinen Bereitschaftsraum und betrat den Turbolift auf der Brücke. „Deck 16.“ gab er seinen Befehl an den Computer weiter und sofort setzte sich der Lift in Bewegung. Der Captain tastete nach seinem Kommunikator und stellte eine Verbindung zum Sicherheitsbüro her. Er teilte dem diensthabenden Offizier Mark Watson seine Wünsche mit und erhielt als Antwort ein knappes „Aye Sir, wird erledigt!“. Wenige Sekunden später öffneten sich die Türen des Turbolifts auf Deck 16. Der Gang war leer. Das war kein Wunder, die Delta Schicht hatte bereits vor drei Stunden die Brücke übernommen und inzwischen war längst Ruhe im Schiff eingekehrt. Die meisten waren in Ihren Quartieren und nutzten die wenigen Stunden bis zum nächsten Schichtbeginn, um etwas Schlaf zu bekommen. Wikland steuerte auf die Zentrale der Sicherheitsabteilung zu und der Fähnrich, der hinter dem Schreibtisch saß, sprang sofort auf und nahm eine angemessene Körperhaltung ein, als er den Captain sah. Wikland nahm die Geste dankbar zur Kenntnis. Zeigte sie doch, daß Respekt an Bord dieses Schiffes immer noch existierte. „Lieutenant Watson hat Raum sieben für Sie vorbereitet, er müßte gleich wieder hier sein, Sir!“ Wikland nickte verständnisvoll. Im selben Moment öffnete sich eine Tür auf der rechten Seite und Lieutenant Mark Watson betrat das Büro. „Guten Abend Captain, es ist alles bereit, sie können jetzt mit ihm sprechen, sofern er überhaupt bereit ist, den Mund aufzumachen.“ Wikland setzte sich in Bewegung, „Danke Lieutenant, es wird nicht lange dauern.“ Damit verschwand er durch die offenstehende Tür, die in einen langen Gang führte. Wikland hatte schnell den angegebenen Raum erreicht. Eine Wache deaktivierte das Sperrfeld, erst dann öffnete sich die Tür und Wikland trat ein. Er registrierte das Schließen der Türhälften und das leise Geräusch des wieder aktivierten Sperrfeldes. Der Besprechungsraum war nur mit dem notwendigsten ausgestattet. Ein Tisch, sechs Stühle und einige in der Tischplatte eingelassene Bedienelemente bildeten zusammen mit dem kleinen Wandschirm die ganze Einrichtung. Der Mann der Wikland gegenüberstand, hatte sich zur Wand gedreht und zeigte dem Captain nur den Rücken. Er war groß und hatte eine kräftige Statur. Die schwarze Militäruniform die er trug, war eindeutig cardassianischen Ursprungs und auch er selbst konnte seine Herkunft nicht verbergen. Die Muskelstränge, die aus seinen Schultern zum Hals führten, hatten ein reptilienartiges Aussehen und zeigten Schuppenbildung. Die schwarze Uniform lief von den Schultern bis zur Hüfte zu einer Spitze zusammen und bildete somit ein großes Dreieck. Das Ganze sah aus wie eine Rüstung. Weder Wikland noch der Cardassianer hatten bislang ein Wort gesprochen. Die wenigen Sekunden die bislang verstrichen waren, wirkten aufgrund der Stille wie eine Ewigkeit. „Sie sind also Gul Depat...“ brach der Captain nun die Stille. Langsam drehte sich die Gestalt um und Wikland konnte nun das Gesicht erkennen. Die Knorpelerhebungen auf der Nase, der Stirn und rund um die Augen gaben dem Mann etwas unheimliches, aber Wikland ließ sich von solchen Dingen nicht beeindrucken. Die Uniform bildete auch auf der Vorderseite ein großes Dreieck, welches durch speziell geformte Kanten noch hervorgehoben wurde. Ein weiter Kragen ließ Platz für die knorpelüberwachsenen Muskelstränge, die von den Schultern zum Hals führten. Einige Schriftzeichen waren auf der rechten Brust in die Uniform integriert und das Symbol der cardassianischen Union prangte am rechten Arm. „Wer will das wissen?“ fragte der Cardassianer mit tiefer und überheblicher Stimme. „Ich bin Captain Jan Erik Wikland, Kommandant der U.S.S. Alexandria der Vereinten Föderation der Planeten, und ich bin derjenige der die Fragen stellt. Ich weiß, daß die cardassianische Union ein etwas rauheres Klima zum Befragen von Gefangenen vorzieht. Wenn Sie wünschen, kann ich eine solche Situation auf einem unserer Holodecks erzeugen, ich bin aber der Ansicht, daß wir uns auch wie zivilisierte Individuen unterhalten können. Das sollte auch Ihrer Rasse nicht fremd sein.“ Der Cardassianer lächelte mit schmalen Lippen, nickte knapp und trat einen Schritt vor an den Tisch, an dem Wikland Platz genommen hatte. „Captain, ich bin Ihr Gefangener. Es steht Ihnen frei Fragen zu stellen, aber woher wollen Sie wissen, ob ich etwas zu sagen habe?“ Wikland ließ sich langsam in seinen Stuhl zurücksinken und blickte gelassen über den Tisch. „Nun einige wenige Kleinigkeiten sind Ihnen sicher bekannt. Zum Beispiel würde mich interessieren, wie Sie an Bord und vor allem in den Besitz der U.S.S. Yokohama gekommen sind. Soweit mir bekannt ist, haben wir keinen Vertrag über den Austausch von Technologie oder gar den Verkauf von ganzen Schiffen an Cardassia vorgesehen.“ Gul Depat stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Dieses Schiff ist ohne Genehmigung in den cardassianischen Hoheitsraum eingedrungen. Sie wollten sich nicht zurückziehen als wir Sie dazu aufgefordert haben. Da mußten wir Sie entern und übernehmen.“ Wikland tippte auf den Sensorflächen des im Tisch eingelassenen Panels einige Befehle ein und stand dann auf. Der kleine Wandschirm flammte auf und zeigte eine Region des Weltalls. Auf der rechten Seite war ein großer Bereich hellblau unterlegt und mit einer weißen Grenzlinie umrandet. Der Captain deutete auf die Abbildung. „Die Grenzen des cardassianischen Reiches verlaufen hier, wie Sie wissen Gul Depat.“ Mit der rechten Hand tippte Wikland eine neue Sequenz auf der Bedienfläche des Wandschirms. zwei kleine Punkte zeigten sich in der linken unteren Ecke, weit ab des hellblauen Bereichs. „Das ist unsere Position, weit ab von Ihrem Hoheitsgebiet Depat. Also erklären Sie mir was das alles soll.“ Ein gurgelndes Lachen stieg aus der Kehle des Cardassianers heraus, als wolle er damit andeuten, daß die Kenntnis der Föderation so unzureichend war. „Das cardassianische Hoheitsgebiet erstreckt sich noch viel weiter in alle Richtungen. Unser Reich expandiert. Die Grenzen...“ Gul Depat machte eine abfällige Geste. „...nichts als Striche in einer Datei!“ Wikland versuchte noch immer ruhig zu bleiben, obwohl die Wut in ihm bereits deutlich hervortrat. Die nordischen Gene taten das Übrige dazu, seinen Blutdruck ins Unermeßliche steigen zu lassen. Er verlieh seiner Stimme mehr Autorität und Lautstärke. „Depat, erzählen Sie mir keine Ammenmärchen. Wenn die Cardassianer die Yokohama geentert haben, warum schippert dann ein Haufen heimatloser Halunken mit einem halb ausgeschlachteten Schiff durch den Weltraum und versucht sich auf meiner Alexandria einzuschleichen? Warum sind Sie dann der einzige Cardassianer an Bord? Halten Sie uns für so blöde und begriffsstutzig? Ich will wissen, was mit der anderen Crew passiert ist, wo sie ist und woher dieses Schiff kommt. Wo ist Ihre Basis?“ Wiklands Laune hatte sich zusehend verschlechtert. Zwar hatte er einen Einstieg in eine Konversation gefunden, aber Sie war geprägt von Taktieren, Beleidigungen und Fehlinformationen. Er wollte endlich die Wahrheit wissen. „Lassen Sie mich doch mit Ihrem Geschwätz in Ruhe. Was soll das Ganze? Glauben Sie wirklich ich würde Ihnen verraten wo wir herkommen? Und gesetzt den Fall ich täte es, was glauben Sie dort zu finden? Die andere Crew? Die ist längst tot. Wir brauchen keine Gefangenen. Sie würden nicht einmal in die Nähe unseres Stützpunktes kommen, er wird streng bewacht. Da schlüpft keine Maus durch, schon gar kein Schiff dieser Größe. Sie kommen ohnehin nicht nach Hause zurück. Unsere Verbündeten werden Sie früher oder später aufgreifen und überwältigen. Dann werden wir uns nehmen was wir brauchen.“
Wikland konnte sich nur noch mit äußerster Konzentration unter Kontrolle halten. Er versuchte sich äußerlich nichts von seiner Erregung anmerken zu lassen, als er ganz nah an den Cardassianer heran trat. „Das bleibt noch abzuwarten. Das erste Mal haben Sie ziemlich jämmerlich versagt. Und da hatten Sie noch das Überraschungsmoment auf Ihrer Seite. Abgesehen davon, Sie werden wohl eine lange Zeit Ihr cardassianisches Reich nicht wiedersehen. Wir halten nämlich sehr viel davon, Gefangene zu machen. Manchmal sind sie ein gutes Faustpfand, wenn man in mißliche Lagen kommt...“ Gul Depat ließ wieder sein gräßlich gurgelndes Lachen hören. „Sie wollen mir drohen Captain? Da fürchte ich mich aber ganz schrecklich. Die Gefängnisse der Föderation sind ein Spaziergang für mich. Sie wissen, daß wir Cardassianer ganz andere Standards gewohnt sind.“ Wikland lächelte süffisant und fügte zu seiner vorherigen Drohung einen interessanten Unterpunkt hinzu „...nun wenn Sie überhaupt in einem Gefängnis der Föderation ankommen. Ich könnte Sie auch einfach von der Gefangenenliste streichen und eine kleine inoffizielle Party genehmigen. Wußten Sie eigentlich, daß auf diesem Schiff insgesamt 43 Bajoraner stationiert sind? Ich glaube die würden sich freuen, Sie persönlich kennenzulernen.“ Einen kurzen Moment lang blitzten die Augen des Cardassianers unruhig auf und er schien verunsichert. Er versuchte es mit gleichgültiger Mine zu überspielen, aber der Captain hatte es schon bemerkt. Er war zufrieden, daß dieser Schachzug seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Aber das Spiel war noch nicht vorbei. Wikland drehte sich um und ging zur Tür. „Ich lasse Sie in den Arrestierungstrakt zurückbringen. Für den Anfang reicht es sicher aus, wenn ich die Temperatur in Ihrer Zelle ein wenig absenke. Die Woltanier vom Eisplaneten werden das sicher begrüßen. Sie sind schließlich in der Überzahl und Sie wissen ja, daß der Unterliegende einer demokratischen Entscheidung sich der Mehrheit anpassen muß.“ Gul Depat hob stolz den Kopf an. „Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“ knurrte er zu Wikland, der den Signalgeber der Tür betätigte. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Ran Byrell und zwei weitere Sicherheitskräfte betraten den Raum. Depat machte instinktiv einen Schritt zurück als er die drei Bajoraner mit den gezogenen Waffen sah. Wikland hatte dafür gesorgt, daß die abholende Crew nur aus dieser Rasse bestand. Ein kleines Extra, welches er sich ganz bis zum Schluß aufgehoben hatte. Er drehte sich um und lächelte „Depat, wußten Sie, daß mein taktischer Offizier eigentlich nur eine kleine charakterliche Schwäche hat? Er kann Cardassianer auf den Tod nicht ausstehen. Er neigt zu unberechenbaren Wut- und Gewaltausbrüchen. Achten Sie auf Ihren Rücken, wenn Sie zur Zelle zurückgehen.“ riet Wikland dem Cardassianer und verließ den Raum. Auch wenn die Antworten nicht das waren, was er sich erhofft hatte, war er mit dieser kleinen Show zufrieden. Insbesondere die Nachricht über den Tod der anderen Crew, sah er immer noch als Ablenkung und Täuschung an. Einzig über Ran Byrell machte er sich Sorgen. Die Information die er Gul Depat noch im Hinausgehen gegeben hatte, entsprachen in gewisser Weise der Wahrheit und es lag ein gewisses Risiko in dieser speziellen Taktik. Andererseits wußte er, daß er sich auf seine Crew verlassen konnte. Er hatte den Wert des Cardassianers für die weitere Vorgehensweise als sehr hoch angesetzt und war sich sicher, daß auch Ran Byrell einen direkten Befehl nicht verletzen würde. Dennoch hoffte Wikland inständig, daß er mit seiner Annahme nicht falsch lag.
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Das blaue Gesicht des Bolianers leuchtete förmlich, als er van Dyke und Carah Pehl wieder wohlbehalten und in bester Stimmung auf der Transporterfläche der Alexandria materialisiert hatte. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, seit dem sie auf die Brücke des anderen Schiffes gebeamt hatten. Carah hielt eine kleine flache Speicherkarte in der Hand, die üblicherweise als Zwischenspeicher in Padds eingesetzt wurde. Keros der Transporterchef war etwas verwirrt. Momentan war eigentlich jeder bemüht, Materialien zur Yokohama zu bringen und nicht irgendwelche ausgebauten Sachen zurückzubringen. Wie auch immer, die Tatsache, daß der Erste Offizier und die Bajoranerin so guter Laune waren, ließ vermuten, daß etwas Positives vorgefallen war. Leise unterhielten sich Roger und Carah auf ihrem Weg durch das Schiff. Inzwischen hatte die Alpha Schicht begonnen und auf den Gängen herrschte geschäftiges Treiben. Das Ziel der beiden war offensichtlich das Astrometrische Labor, welches Aufschluß geben sollte über die alles entscheidende Frage, ob dieser Fund tatsächlich das gewünschte Ergebnis bringen konnte. Im Labor wurde nicht gearbeitet. Roger und Carah Pehl betraten den schmalen Steg, der in die Mitte des kreisrunden Raums führte und Roger van Dyke aktivierte die Astrometrie.
„Computer aktiviere Darstellung der umliegenden Sektoren und markiere die Position der Alexandria und Yokohama.“ Ein kurzer Signalton ertönte und dann überspannte die Simulation des Weltraums die Wände, Boden und Decke. Planeten, Sonnen, alle katalogisierten Objekte wurden, sofern Daten vorlagen, dreidimensional dargestellt oder als Markierung an ihrer Position abgebildet. Carah Pehl gab die kleine Karte an Roger van Dyke, der sie in ein Interface schob, mit dem üblicherweise die Padds geladen wurden. „Computer analysiere die Daten und projiziere gefundene astrometrische Werte in die Simulation.“ Eine Reihe von kleinen gelben Markierungen entstand in der Simulation. Carah Pehl stieß einen verhaltenen Freudenschrei aus, und auch Roger van Dyke ließ bereits ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen erkennen. „Computer, verbinde die festgestellten Punkte und füge die restlichen Informationen hinzu. Symbolisiere erkennbare Daten oder Protokolle.“ Die Veränderungen die sich nun in der Abbildung zeigten zauberten ein breites Grinsen in Roger van Dykes Gesicht und die Kommunikationsoffizierin freute sich ebenfalls, auch wenn sie sich jetzt wieder in der Gewalt hatte. Roger tippte seinen Kommunikator an und stellte eine Verbindung her. „Roger van Dyke an Captain Wikland. Würden Sie uns die Ehre geben und an unserer spontan eröffneten Himmelsparty in der Astrometrie teilnehmen?“ Es dauerte einen Moment, bis Wikland die Information mit der unverkennbar humoristischen Einlage richtig eingeordnet hatte, dann aber tönte seine Stimme über das Audiosystem: „Ich bin auf dem Weg Nummer Eins, ich hoffe Ihre Aufforderung hat einen wichtigen Grund und ein positives Highlight.“ Der Captain war natürlich schon längst informiert über die kleine Extratour, die van Dyke und Carah Pehl unternommen hatten. Er versuchte die angespannte Situation möglichst originell aufzulockern. Allerdings war es nicht schwer zu erkennen, daß die Lage sich besserte. Die Art, mit der Roger van Dyke den Captain zu sich gebeten hatte, implizierte bereits einen Silberstreif am Horizont.
Schon wenig später betrat Wikland die Astrometrie und blickte in die Simulation der umliegenden Sektoren. Im linken Bereich waren zwei kleine Abbildungen zu sehen, die der Alexandria und der Yokohama. Wikland trat vor bis zum Steuerpult, wo Carah und Roger standen. Wikland war nicht verwundert die beiden hier zu sehen. Er hatte schon am Morgen beim Betreten der Brücke bemerkt, daß Carah Pehl fehlte und dafür Ymoota Aalia an der Kommunikation saß, obwohl sie nicht zum Dienst eingeteilt war. „Wenn Sie mich bitte nicht länger auf die Folter spannen würden Commander. Haben wir nun ein Ergebnis oder nicht?“ Roger drehte sich zur Konsole und betätigte einige Sensorflächen. Ausgehend von der Yokohama reihten sich in unregelmäßigen Abständen Punkte aneinander, die durch eine dünne Linie verbunden waren. Über den Punkten leuchteten Zahlen auf, Symbole und Raumkoordinaten. Wikland war beeindruckt. Zum erstenmal seit vielen Stunden fiel die Anspannung in ihm langsam ab. Sie hatten tatsächlich einen Erfolg erzielt. „Wie sind Sie zu diesen Angaben gekommen und was zum Teufel ist das überhaupt?“ wollte der Captain wissen und blickte seinen ersten Offizier fragend an. Roger wies auf Carah Pehl, „Unsere Kommunikationsoffizierin hatte eine blendende Idee und das ist das Ergebnis. Am besten erklärt Sie Ihnen das selbst.“ Damit schob er Carah ein wenig vor und bedeutete Ihr damit, den Captain aufzuklären. Carah war durch den Dienst auf der Brücke schon lange ein wichtiges Mitglied der Commandocrew. Sie hatte bereits in vielen Situationen durch schnelles Handeln zum Gelingen einer Mission beigetragen. Auch auf der letzten Reise hatte sie durch ihre schnelle Auffassungsgabe die Lichtcodezeichen erkannt und entsprechend gehandelt. Trotz alledem war sie ein wenig verlegen, als Sie nun über ihre eigene Idee und Leistung Bericht erstatten sollte. „Eigentlich wollte ich Commander van Dyke nur den Bericht zum Schichtwechsel bringen, so wie ich das immer mache. Dabei hat er mir erklärt, wo das Problem liegt, daß alle Daten gelöscht sind und so weiter...“ Sie machte ein kleine Pause und überlegte, wie sie es ausdrücken sollte, entschloß sich dann einfach es so zu schildern, wie sie es erlebt hatte. „...ich weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin, aber plötzlich war da diese Erinnerung an meine technische Ausbildung im Kommunikationszentrum der Akademie. Es gibt neben dem Hauptcomputer und den Ersatzsystemen noch weitere Speichermodule, die inzwischen durch die fortschreitende Technik fast in Vergessenheit geraten sind...“ Wikland wurde ungeduldig. Bei allem Respekt, er wollte endlich das Ergebnis wissen, „Kommen Sie bitte zum Punk,t Lieutenant.“ unterbrach er die junge Frau heftiger als er es eigentlich gewollt hatte. Carah Pehl, riß sich zusammen und drehte sich zur Konsole. „...selbstverständlich, entschuldigen Sie Captain. Die Kommunikationskonsole speichert alle Daten der Konversationen inklusive der Audiodaten und der visuellen Aufzeichnungen im Hauptcomputer. Dabei werden selbstverständlich auch die Standardzeit, die genaue Position, das aktivierte Terminal sowie das Übertragungsprotokoll mitgesichert. Was viele nicht wissen ist, daß aus Gründen der Kalibrierung die Komstation ein eigenes Protokoll in einem eigenen, variablen Speicher in tabellarischer Form sichert, der unabhängig von den anderen Systemen arbeitet. Egal was im Hauptcomputer gelöscht oder geändert wird. Der Speicher der Komstation ist ein reiner Schreibspeicher. Er wird nur mit Informationen gefüllt, man kann ihn nicht auslesen oder löschen. Es ist alles auf dieser Karte hier!“ Damit hielt sie den flachen Speicherchip hoch, den sie von der Yokohama mitgebracht hatte. Die Bajoranerin aktivierte die Konsole und zusätzliche Informationen tauchten in der Simulation auf. „Was wir hier sehen, ist die Auswertung der Tabellenwerte, wann eine Kommunikation geführt wurde, wie lange sie dauerte und mit welchem Protokoll verschlüsselt wurde. Wie Sie sehen können ist die Bahn der Yokohama gefüllt mit Kommunikationen, die auf cardassianischem Protokoll beruhen. Dieser Sektor hier...“ Sie vergrößerte einen Ausschnitt und markierte einige Punkte „...hat eine besondere Bedeutung. Erstens hat das Schiff hier für fast drei Tage pausiert und zweitens ist der Kurs vom letzten Föderationskontakt bis dorthin fast schnurgerade. Was ziemlich genau bestimmen läßt, seit wann die Yokohama unter der Kontrolle der Entermannschaft steht.“
Wikland nickte zustimmend und blickte die beiden anerkennend an. „Das ist es. Da muß der Unterschlupf der Söldner oder Piraten sein. Dort werden wir als erstes nach unseren vermißten Kameraden suchen. Das ist eine ausgezeichnete Leistung, Lieutenant. Ich werde mir das merken. Wir haben ein neues Ziel. Nummer eins, erkundigen Sie sich nach dem Stand der Reparaturarbeiten auf der Yokohama. Wir starten sobald sie flugbereit ist. Das ist alles.“ Wikland fuhr herum und verließ mit langen Schritten die Astrometrie, gefolgt von Carah Pehl und Roger van Dyke, der noch schnell die Systeme deaktivierte.
Wikland hatte noch einmal alle Führungsoffiziere in dem Besprechungsraum auf Deck eins zusammengerufen. Er erläuterte kurz die gefundenen Daten und hob nochmals die Leistung von Carah Pehl hervor. Dann war er gespannt auf den Statusbericht von Jaqueline Jefferson. Die Chefingenieurin stand auf, aktivierte den Wandschirm und rief die Grafik auf, die sie schon vor zwei Tagen genutzt hatte, um den Zustand des Schiffes zu erklären. Nachdem sie sicher war, daß sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte, berührte sie eine Sensorfläche am Wandschirm und viele der mit roter Farbe als defekt gekennzeichneten Systeme zeichneten sich grün ab. Einige andere wechselten auf Orange oder gelb. „Wie Sie sehen, konnten wir einige relevante Systeme bereits wieder in Gang setzen. Der Antrieb ist generell bereits funktionstüchtig, aber in den Versorgungsleitungen fehlen noch ein paar Meter Kabel und einige ODN Kupplungen. Die unrechtmäßigen temporären Besitzer waren nicht sehr wählerisch in der Art der Demontage. Der Schaden stellte sich als wesentlich höher heraus, als er in den Diagnosen dargestellt wurde. Wir verdanken es ohnehin nur der Idee des Captains, daß wir mit dem Industrie-Replikator die meisten der benötigten Teile direkt vor Ort herstellen konnten. Wir haben zwar 70 Prozent des Rohmaterievorrates der Yokohama benötigt, aber dafür ist Sie auch in zirka zwei Stunden flugbereit. Einige Teile, die speziell für die Miranda Klasse konstruiert wurden sind nicht replizierbar. Wir haben uns etwas einfallen lassen, um die Bauteile der Nebula Klasse anstelle dieser zu verwenden. Es waren einige aufwendige Anpassungen notwendig, aber sie werden funktionieren. Wir sollten allerdings eine Route wählen, die uns nicht gerade in Kämpfe verwickelt, denn die Schilde reichen gerademal um den kosmischen Staub vom Schiff fernzuhalten und die Waffen haben weder Steuerung noch Energie.“
J.J. machte eine kleine Pause und wechselte die Ansicht auf dem Display. Eine Tabelle erschien und gab Aufschluß über die noch offenen Reparaturen, den Materialbedarf und die benötigte Zeitspanne. Die junge Frau wischte einige Strähnen ihres aschblonden Haares aus dem Gesicht und drehte sich zum Tisch um. „Bis das alles wieder im Lot ist werden wahrscheinlich mehrere Wochen vergehen, aber der Plan ist sortiert nach Wichtigkeit, nötiger Zeit und effizienter Reparaturmethode. Das heißt, mit dieser Reihenfolge haben wir den größten Nutzen.“ Ein anerkennendes Raunen ging durch den Raum. Wikland bedachte J.J. mit einem vielsagenden Blick. „Commander, Sie haben gute Arbeit geleistet, Sie können sich jetzt wieder bis auf Weiteres um die Aufgaben auf der Alexandria kümmern. Lassen Sie die Teams wieder zurückkehren, wir nehmen eine neue Einteilung vor. Ich behalte mir aber vor Sie bei Bedarf wieder auf die YOKOHAMA zu holen. Ich habe entschieden, selbst das Kommando über die YOKOHAMA zu übernehmen. Commander van Dyke wird die Alexandria befehligen. Ich habe hier eine Auswahl an Crewmitgliedern, die ich gerne mit auf das andere Schiff nehmen möchte: Lt. Commander Hawkins und einen Stab von zirka 22 Personen, Sie ist bewandert im Umgang mit Waffensystemen und soll sich um die Torpedos kümmern. Lt. Commander Carter benötige ich zum wiederherstellen der Phaser mit einem Team von mindestens 24 Personen. Lt. Commander Duke, stellen Sie ein Sicherheitsteam zusammen, ich will mindestens 60 Mann zur Absicherung aller Decks und der Brücke dort drüben haben. Lt. Commander Jefferson, es wäre gut, wenn Sie 20 gute Leute aus der Technik beisteuern könnten. Nehmen Sie welche, die gut improvisieren können. Es muß nicht alles nach Bauplan eingebaut werden, ich will nur daß es funktioniert.“ Die Offiziere waren nicht schlecht erstaunt, der Captain hatte eine Crew zusammengestellt, die ohne Mühe mit diesem Schiff in den Kampf hätte ziehen können. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß ein Schiff der Miranda Klasse eine Standardbesatzung von lediglich 220 Offizieren hatte, war dies eine sehr aufwendige Kontrollmannschaft. „Ach ja, und geben Sie der Leiterin des Rescue & Recovery Teams Bescheid, sie soll sich mit 15 Ihrer Leute auf der Krankenstation einrichten, man weiß ja nie, was so passiert. Nummer Eins, sorgen Sie dafür, daß ich eine fähige Brückencrew bekomme.“ Andy Duke wollte gerade ansetzen den Captain darauf hinzuweisen, daß es doch sicherlich nicht nötig sei, dieses Kommando selbst zu führen, aber Roger van Dyke packte seinen rechten Arm noch bevor Andy ihn heben konnte. Roger schüttelte langsam mit dem Kopf und bedeutete Andy sein Vorhaben aufzugeben. Er wußte ganz genau was der Hintergrund war und ganz tief in seinem Inneren konnte er Wikland gut verstehen. Da war eine ganz besondere Anziehungskraft, die den Captain schon zu Anfang auf dieses Schiff gezogen hatte. Roger lächelte in sich hinein. „Wir werden mit beiden Schiffen zu den festgestellten Koordinaten fliegen und die Lage sondieren. Ich bin mir sicher, daß dort eine Station oder aber ein wichtiger Sammelpunkt der Cardassianer ist. Dort werden wir nach der vermißten Mannschaft suchen, wie es unsere Pflicht ist, als treue Offiziere der Sternenflotte. Ich werde keinen Kameraden im Stich lassen, auch wenn ich mich dafür wieder von solchen Sesselwärmern anzählen lassen muß. Es ist meine Überzeugung, daß dies auch jeder andere Sternenflottenoffizier für uns tun würde, befänden wir uns in einer solch mißlichen Lage. Das ist alles. Gehen Sie auf Ihre Stationen, wir starten in Kürze.“
Die Offiziere lösten ihren Blick vom Captain und standen auf. J.J. erklärte Lock noch einmal genau, wie die vielen Beschädigungen die Instandsetzungen behindert hatten, während Sermin sich die Aufstellung der noch offenen Reparaturen ansah. Der Captain und Roger hatten sich dem Ausgang zugewandt und wollten den Raum gerade verlassen. Vor der Türe blieben Sie kurz stehen und van Dyke sagte leise zum Captain „Übrigens, bei der Prüfung der Logbücher der Yokohama sind interessante Informationen zu Tage gekommen. Die meisten neuen Einträge sind ja wie Sie wissen fragmentiert oder zerstört, da einfach Speicherplatten aus dem Computerkern entfernt wurden. Die meisten alten Eintragungen sind jedoch vollständig erhalten, was uns natürlich bei unserer jetzigen Aufgabe nicht weiterhilft. Aber Ihr kleines Geheimnis bezüglich der Yokohama ist bei mir in guten Händen. Ich habe es separiert und mit Prioritätssperre versehen.“ Wikland blickte seinen ersten Offizier fragend und leicht verwirrt an, noch immer kreisten seine Gedanken um die kommende Aufgabe und den Stützpunkt der Cardassianer. „Nun, Captain Walter Kerolos war ein sehr penibler Mann, er hat alle Diensteinteilungen protokolliert...“ Roger machte eine kleine Pause die den fragenden Blick des Captains noch bohrender werden ließ. „...auch die Einteilungen zur Aufsicht der Conn!“ Roger war sich bewußt, daß der Captain diese Episode seiner Karriere nicht in der Crew breitgetreten haben wollte, aber er war der Ansicht, daß Wikland wenigstens ein Recht darauf hatte zu erfahren, daß diese Art von Information vorhanden war. Schließlich würden später sicher noch Andere auf die Daten der Yokohama zugreifen wollen, speziell bei der sicherlich folgenden Prüfung durch die Sternenflotte nach Abschluß dieser Mission. Wikland streckte sich, atmete noch einmal tief durch und antwortete „Ich verstehe Nummer Eins!“ Damit drehte er sich zur Tür um, die sofort öffnete und er trat auf die Brücke hinaus.
Keine zwei Stunden später waren alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Wikland hatte einige wenige Dinge in eine handliche Tasche verpackt und in den Transporterraum bringen lassen, um sie mit den anderen Teams auf die Yokohama beamen zu lassen. Der Captain stand auf der Brücke vor seinem Sessel und blickte auf den großen Hauptschirm. Das Schiff der Miranda Klasse hatte bereits Abflugposition eingenommen und lag halb rechts vor der Alexandria. Roger van Dyke kam von der zweiten Wissenschaftsstation, die im hinteren Bereich der Brücke lagen und trat neben Wikland. „Es ist alles bereit Captain, die Teams sind drüben und haben die Arbeit bereits aufgenommen. Der Antrieb ist hochgefahren. Wir werden mit maximal Warp sechs fliegen können. Das ist für die Yokohama leicht zu schaffen und gibt uns noch ein wenig Zeit für Reparaturen während der Reise. Insgesamt werden wir voraussichtlich zwei Tage brauchen, wenn nichts unvorhergesehenes passiert.“ Wikland hatte dem kurzen Bericht aufmerksam zugehört. Er wandte seinen Blick vom Hauptschirm ab und schaute seinen ersten Offizier an. „Gut Nummer eins, richten Sie unsere Langreichweitenscanner nach vorn aus und suchen Sie nach einer Station. Achten Sie darauf, daß Sie nur Navigationsscans und keine aktiven Abtastungen machen. Wir wollen doch nicht, daß man unsere Absichten zu früh entdeckt oder?“ Roger räusperte sich, „Nein natürlich nicht Captain. Wir werden vorsichtig sein.“ Wikland lächelte. Er war sich darüber im Klaren, daß seine Crew wie immer effizient und professionell arbeiten würde, auch wenn er nicht an Bord war. „Das hoffe ich Commander. Bringen Sie mir mein Schiff wieder in einem Stück zurück und vor allen Dingen, lassen Sie mich nicht hängen mit diesem alten Schmuckstück da drüben.“
Wikland machte eine Geste indem er seinen Kopf kurz zum Hauptschirm drehte. Roger reichte dem Captain die Hand, „Ich verspreche es. Wir werden immer an Ihrer Seite sein und alles tun um Schiff und Crew zu sichern.“ Wikland trat einen Schritt zur Seite und ließ seinen Blick noch einmal über die gesamte Brücke schweifen. Es wirkte fast wie ein Abschied, dabei war es nur eine etwas längere Außenmission. Trotzdem wurde Wikland das Gefühl nicht los, daß er seine liebgewonnene Alexandrianie wieder in dieser Pracht erleben würde. „Computer...“ begann Wikland langsam, „...übertrage Kommandocodes zur Schiffsführung an den ersten Offizier, Commander Roger van Dyke. Autorisation Wikland, Alpha-Eins-Beta-Gamma-Drei. So Commander, die Alexandria gehört Ihnen. Denken Sie daran was ich Ihnen bei Ihrem Dienstantritt gesagt habe...“ Roger nickte. „Ich werde Sie gut behandeln, dann wird Sie uns auch sicher und wohlbehalten zurückbringen.“ Wikland lächelte zustimmend und wandte sich ab. Er freute sich, daß seine Worte, die er seinem damals neuen ersten Offizier ans Herz gelegt hatte, Zugang zu dessen Handeln und seiner Einstellung gefunden hatten. Mit wenigen Schritten war er zum Turbolift gelangt und in der Kabine verschwunden.
Die Brückencrew hatte dem Gespräch der beiden keine weitere Beachtung geschenkt und war mit den Vorbereitungen für den bevorstehenden Abflug beschäftigt. Alisha die Bolianerin hatte an der OPS noch einmal alle Daten der kommenden Mission geprüft und die Positionsdaten an die Navigationskonsole weitergegeben. Esteban Ramirez, der junge Lieutenant hatte sich an der Conn eingefunden und ging die Protokolle durch. Alles schien in Ordnung zu sein. Roger positionierte sich vor dem Stuhl des Captains und ließ sich schwungvoll hineingleiten. Entspannt lehnte er sich nach hinten und blickte auf den großen Hauptschirm. Aber es war anders als sonst. Schon oft hatte er bei Missionen oder während der Nachtschicht auf all den Schiffen auf denen er gedient hatte, in diesem besonderen Stuhl gesessen und nie dieses eigenartige Gefühl wahrgenommen. Es schien ihm als seien die Brückengeräusche diesmal vollkommen anders. Unruhiger, warnender und irgendwie aufdringlicher. Er wischte den Gedanken beiseite, aber schon wenige Sekunden später schien ihn dieses unangenehme Gefühl von neuem zu befallen. Es ließ sich nicht verdrängen. Roger fragte sich warum es diesmal so anders war. Lag es tatsächlich nur daran, daß der Captain die Kommandocodes übertragen hatte. Roger glaubte im Allgemeinen nicht an derlei abergläubischen Nonsens, der gelegentlich von einigen alten Hasen auf den Empfängen erzählt wurde. Oder glaubte er vielleicht doch daran? vielleicht ein klein wenig? Eine Stimme war zu hören, weit weg und unerreichbar. Roger beschloß sie zu ignorieren. Die Stimme kam erneut, dünn und unwirklich drang sie durch einen dichten Schleier in seine Ohren „Captain, bereit zum Abflug. Befehle?“ Sein Verstand prüfte die Worte und verwarf sie. Der Captain war auf der Yokohama. Seine Gedanken lösten sich und verloren sich im Raum. Wieder hörte er diese Stimme, die nun merkwürdig vertraut klang „Captain...“ Roger riß sich zusammen und langsam kam seine Konzentration zurück. Esteban Ramirez hatte sich bereits zu ihm umgedreht und blickte ihn fragend an. „Die Yokohama ist Abflugbereit Captain, sollen wir starten?“ Roger setzte sich abrupt auf. „Ja...äh...O.K. Alles bereit zum Start. Lt. Ramirez, beschleunigen Sie und halten Sie Maximalgeschwindigkeit von Warp sechs. Achten Sie darauf ob die Yokohama mitkommt.“ Ramirez aktivierte seine Kontrollen und ließ ein „Aye, Captain!“ hören. Erst jetzt wurde es Roger bewußt. Wann immer die Kommandocodes auf einen Offizier übertragen wurde, wurde dieser zum Captain des Schiffes. Die Crew sprach ihn als den führenden Offizier unabhängig von seinem tatsächlichen Rang wie selbstverständlich mit ‘Captain’ an. Ein ungeschriebenes Gesetz, das sich aus der Zeit der ersten Segelschiffe auf der Erde bis heute gehalten hatte. Die Alexandria beschleunigte und verschwand in einem kleinen Blitz inmitten der Dunkelheit des Alls.
„Nun, dann wollen wir mal sehen was dieses Baby alles kann.“ sagte Wikland und trat in die Mitte der Brücke. Der Raum war deutlich kleiner als auf der Alexandria, aber er hatte die gleiche Funktionalität. Er überlegte kurz nahm dann aber nicht auf dem Captains Stuhl Platz, sondern trat einige Schritte nach vorn und gab dem Fähnrich an der Conn ein Zeichen. Dieser machte sofort den Platz frei. Wikland setzte sich und fing an die Kursdaten sowie die Startsequenz für den Flug einzugeben. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, daß er die Conn bediente, tippte er die Koordinaten für den Flug zu der Position der vermuteten fremden Station ein. Mit einem schwungvollen Druck auf die Aktivierungstaste bestätigte er seine Befehle. Aber anstatt einer Beschleunigung erfolgte zunächst keine direkte Reaktion, außer, daß auf dem Bildschirm das Gesicht einer jungen attraktiven Frau im Rang eines Fähnrichs auftauchte. „Hallo Jan-Erik, Du hast es also tatsächlich geschafft und das Kommando über diesen inzwischen wohl noch viel älteren Kahn übernommen und dazu auch noch das Ruder selbst in die Hand zu nehmen, das entspricht ganz Deinem Stil. Haben Sie den Besenstiel in Rente geschickt oder hast Du das Schiff einfach geentert? Na ja, ist auch egal, ich gratuliere Dir jedenfalls zu Deinem Rang als Captain, oder bist Du gar schon Admiral?“ Ein feines Lächeln umspielte das Gesicht der jungen Frau, die eine kleine bedeutsame Pause eingelegt hatte. „Du kannst Dich gleich wieder beruhigen, diese Nachricht habe ich bei unserem ersten Flug auf diesem Schiff aufgezeichnet, sie ist an Deinen Namen und Autorisationscode gekoppelt und erreicht Dich nur, wenn die Eingangs genannten Umstände eingetroffen sind. Sicher fragst Du Dich, wie ich wissen konnte daß Du an der Conn sitzt? Nun das ist ganz einfach. Bestimmt weißt Du noch, daß ich meinen Abschluß in Zeitsteuerung und Pulsfrequenzabtastung mit einer absoluten Bestnote gemacht habe. Der Rhythmus Deiner Finger beim Eintippen der Befehle hat Dich verraten. Außerdem habe ich gewettet, daß Du es Dir nicht verkneifen kannst selbst zu Navigieren, wenn Du die Gelegenheit dazu bekommst. Ich schätze ich habe gewonnen. Grüß mir die Sterne und nimm dich in Acht vor Leuten mit vorbestimmten Erwartungshaltungen.“ Die junge Frau, die Wikland eindeutig als Mareen Tereas identifizierte, salutierte zum Abschluß und warf ihm noch eine Kußhand zu, dann verschwand die Aufzeichnung und das Schiff beschleunigte ziemlich unvermittelt. Wikland sah sich um. Die gesamte Brückencrew war von der Nachricht so fasziniert, daß keiner sich in der Zwischenzeit die Frage gestellt hatte, warum das Schiff auf die Befehle des Captains nicht direkt reagiert hatte. Still konzentrierten sich alle wieder auf die eigene Station, keiner stellte eine Frage. Wikland fühlte wie sich Unbehaglichkeit in ihm breit machte. Aber es passierte nichts, keiner steckte die Köpfe zusammen, keine verstohlenen Blicke. Die Crew der Alexandria war professionell genug, diese offene Botschaft an den Captain als Teil seines Privatlebens anzusehen und aus dem Gedächtnis zu streichen, auch wenn es eine sehr originelle Methode der Kommunikation war. Nachdem Wikland die Kursdaten nochmals überprüft hatte und das Schiff auf dem Weg war, übergab er die Conn wieder an den dafür eingeteilten Fähnrich, der noch immer neben der Konsole stand. Wikland setzte sich langsam in den Stuhl des Captains. Obwohl ihn hierbei, gerade nach den soeben gehörten Worten, ein besonderes Gefühl oder eine Erinnerung an seinen damaligen Dienst auf diesem Schiff hätte erfassen sollen, blieb er merkwürdigerweise innerlich ganz ruhig. Gedankenversunken dachte er über die Worte von Mareen nach, die ihn erneut an die alten Zeiten erinnerten. Auch an den Professor der Akademie, der immer erwartete, daß die Kadetten den Hörsaal in alphabetischer Reihenfolge betraten und dessen Unterricht einem immer gleichbleibenden Ablauf folgte. Plötzlich fiel ihm ein warum er dieses Schiff so unbedingt brauchte. Wikland öffnete einen Kanal zur Alexandria.
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