Kapitel 10 - 14

Kapitel 10

Auf Narkimo, im Nermas System hatte gerade die Morgendämmerung eingesetzt. Es würde noch lange dauern, bis Sonne den Horizont überschritt. Langsam verzogen sich die letzten Regenwolken und ein Stück freier Himmel blitzte über den Kämmen der nahen Gebirge auf.
Erstes Leben erfüllte die Gassen der Altstadt, in der sich die Einwohner bis tief in die Nacht zu amüsieren pflegten. Trotz aller Sorgfalt konnte selbst diese Gegend, die zu den besseren Vierteln zählte, keinen vertrauenserweckenden Eindruck erzeugen.
Die Lieferanten kamen mit ihren kleinen Antigraveinheiten zu den Geschäften und lieferten die Waren an, die für das Tagesgeschäft und die kommende Nacht benötigt wurden. Für große Shuttles oder mobile Lastentransporter waren die schmalen Gassen dieser Gegend viel zu eng. So blieb den Händlern keine Wahl, als ihre Lieferungen mit kleinen Plattformen zu Fuß zu den Geschäften und Kneipen zu bringen, die sich hier befanden.
In der Luft hing noch immer der Geruch des letzten Regenschauers, der eine gewisse Frische hinterließ. Die reine Luft täuschte über die heruntergewirtschaftete Stadt hinweg und vermittelte den Eindruck der Erneuerung.
Regen war hier auf Narkimo an der Tagesordnung, wenn er nicht schon mitten am Tag einsetzte, so begann es spätestens mit der Abenddämmerung leicht zu nieseln und im Laufe der Dunkelheit waren richtiggehende Wolkenbrüche die Regel.
Langsam hellten sich mit dem fortschreitenden Tagesanbruch die dunklen Ecken auf und die langen Schatten der Häuser begannen zu verblassen. Die schmale Straße, die zum Kai am Fluß führte, war menschenleer. Doch jetzt stapfte ein untersetzter Mann in einem dunklen Mantel das alte Pflaster hinunter zur Brücke, die vom Kai aus einen weiten Bogen zum anderen Ufer schlug.
Obwohl ihm klar war, daß er schon lange erwartet wurde, schien er nicht sonderlich in Eile zu sein und betrachtete sich in aller Ruhe die Auslagen in den Schaufenstern der Geschäfte, die von Bekleidung bis zu hochtechnischen Geräten alles feilboten, was man fürs Überleben auf einem so unwirtlichen Planeten brauchte. Niemand interessierte sich für die ungepflegte Gestalt, die allein die enge Gasse hinunter lief, einen Zigarrillostummel ausspuckte und um die nächste Ecke bog.

Sein Geschäftspartner wartete unterdessen am Fundament unter der Brücke und ging ungeduldig auf und ab. Die lange Kutte mit der schweren Kapuze verhüllte seine Gestalt völlig. nicht einmal die Augen waren zu erkennen. Lediglich die Schritte seiner festen Stiefel hallten von dem Fundament und der Brücke wider. Es waren harte und unnachgiebige Töne, die einen spontan an das Geräusch von Militärparaden erinnerten.
Für die Abwicklung des Handels hatte man sich hier schon vor einer halben Stunde treffen wollen, der Fremde selbst war schon mindestens eine Stunde hier. Die Ungewißheit und die Neugier hatten ihn schon vor Tagesanbruch hierher getrieben.
Endlich sah er den Mann, der aus der schmalen Gasse um die Ecke bog und auf ihn zukam. In ihm schien er denjenigen zu erkennen, auf den er wartete.
Mit schnellen Schritten ging er ihm entgegen, war jedoch immer darauf bedacht, den Schutz der Brücke nicht zu verlassen, die sich über ihm zur anderen Seite des Flusses erstreckte.
Als der Mann vor ihm stehenblieb entwich dem hochgewachsenen Fremden zunächst ein leiser Fluch, doch dann hatte er sich wieder in der Gewalt.
„Hören Sie Imasov, ich schätze es nicht, wenn man mich immer wieder warten läßt. Wenn Sie sich nicht an die verabredete Zeit halten können, dann suche ich mir einen anderen Händler!“ zischte er seinen Gegenüber an.
Imasov zog ein beleidigtes Gesicht und antwortete zugleich in der ihm eigenen Art.
„Nun, wenn Sie jemanden kennen, der über ähnlich gute Beziehungen verfügt, um ihnen das Gewünschte zu verschaffen, ist das sicherlich einen Gedanken wert. Aber zufällig ist mir bekannt, das ich auf dieser verrotteten Kugel, die viele hier so hochtrabend Planet nennen, der Einzige bin, mit dem Sie solche Transaktionen abwickeln können.“

Der große Fremde in dem Umhang ließ ein verächtliches Knurren hören und kam dann gleich zum Kern der Sache.
„Die Ware, die Sie geliefert haben ist für uns... sagen wir mal, zufriedenstellend gewesen. Wir haben bereits damit begonnen, die interessantesten technischen Eigenheiten in unsere wissenschaftlichen Labors zu transportieren, um weitere Studien zu betreiben.“
Imasov, der sich ebenfalls in den Schatten der Brücke zurückgezogen hatte, sprach leise, als hätte er Angst entdeckt zu werden. Ein völlig überflüssiges Empfinden, denn hier kümmerte sich so gut wie keiner um die Dinge der anderen. Das Rechtssystem war schon vor langer Zeit zusammengebrochen und Ordnungshüter hatte man schon seit Jahren nicht mehr in den Straßen gesehen.
„Hören Sie, meine Partner und ich können Ihrem Wunsch um allerneueste Technik entsprechen. Ein besonders wertvoller Posten ist gerade verfügbar geworden. Ich bin sicher, Sie haben auch daran Interesse, oder?“

Das mobile Display welches er seinem Kunden entgegenstreckte zeigte eine Abbildung der Nebula Klasse und wies einige Beispiele der eingesetzten Technologien aus. Mit einem schmierigen Grinsen wartete Imasov auf die Beantwortung seiner Frage, während er sich selbstsicher die kalten Hände rieb.
Sein Gegenüber ließ sich seine Überraschung und Freude jedoch nicht anmerken. Zudem war es Imasov auch nicht möglich die Augen oder sonstige Details seines Gesprächspartners zu erkennen. Lediglich die Stimme ließ ihn erkennen, daß es derselbe Mann war, dem er kürzlich in der Bar gegenüber gesessen hatte.
„Sie wissen ganz genau, daß wir an dieser Technologie interessiert sind, aber der Preis ist indiskutabel.“ erklärte die Gestalt in der Kutte mit verärgertem Unterton.
Imasov sah seinen Verhandlungspartner an und überlegte, ob dieser Ihn wohl nur an der Nase herumführen wollte. Da er aber weder Gesicht noch Gestik erkennen konnte blieb Ihm nur sein gutes Gespür, das Ihn bislang bei solchen Dingen nie im Stich gelassen hatte.
Der Fremde machte eine abweisende Bewegung mit seiner rechten Hand und drehte sich um. Er schickte sich an seinen Heimweg anzutreten, ohne Imasov noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Nun stand dieser einige Sekunden unter der Brücke und sah mit dem Verschwinden des Fremden auch das Geschäft seines Lebens wie Sand durch die Finger rinnen. Hart hallten die Schritte des davoneilenden Fremden unter der Brücke.
„Halt!“ schrie Imasov Ihm hinterher.
„Das können Sie mit mir nicht machen.“
Damit setzte er dem Fremden nach, der bereits gut fünfzig Meter zurückgelegt hatte.
„Sie wissen genau, daß meine Partner schon wieder auf Ihre Bezahlung warten mußten. Wissen Sie eigentlich, wie sich das auf meine Reputation auswirkt? Ständig muß ich mir irgendwelche Ausreden einfallen lassen, warum Sie noch nicht bezahlt haben. Der Preis beinhaltet daher einen gewissen... Risikozuschlag.“
Der Fremde hielt inne, drehte sich aber noch nicht zu dem herannahenden Imasov um.

Noch während dieser zu seinem Handelspartner aufschloß, hantierte er an dem mobilen Anzeigegerät und veränderte einige Angaben.
„Hier, daß ist das Beste was ich Ihnen bieten kann, vorausgesetzt Ihre fälligen Zahlungen und dieser Betrag befinden sich spätestens heute abend in meinem Besitz.“ sagte Imasov etwas außer Atem, beugte sich nach vorne und stützte seine linke Hand auf sein Knie, während er mit der rechten das Display hochhielt und mehrmals tief durchatmete.
Der Mann in der Kutte griff nach dem Infodisplay und drehte sich langsam zu Imasov um.
„Wie Sie wissen, sind Geschäfte für mein Volk Ehrensache.
Wir sind für unsere pünktliche Bezahlung bekannt. Allerdings habe ich mir das Recht genommen, die jeweilige Ware erst eingehend zu prüfen, bevor ich meiner Regierung die Anweisung zur Zahlung gab. Morgen früh nach Sonnenaufgang wird der Gegenwert für Sie bereit liegen und keine Minute früher. Ich will genau wissen, wie Sie sich die Übernahme und Lieferung dieses Objektes vorgestellt haben. Wenn Sie mich hinters Licht führen wollen, dann werde Ich Sie mit bloßen Händen in Stücke reißen.“

Die Tatsache, daß sein Partner diese Wort langsam und mit einem drohenden Unterton zwischen den Lippen hervorpreßte, ließ Imasov noch kleiner werden, als er ohnehin schon wirkte.
Sich windend wie ein Aal, schlich der Händler mehrmals um den Fremden herum, unschlüssig, ob er ihm trauen konnte und ihm seinen gut ausgeklügelten Plan offenbaren sollte, bis dieser Ihn mit einem lauten:
„Imasov, entscheiden Sie sich.“ in die Realität zurückholte.
„Nun Gut, ich hätte es Ihnen ohnehin erzählt, es geht nämlich nicht ganz ohne Ihre Hilfe...“

Die Anzeigen der Wissenschaftsstation wechselten in der Schnellübersicht von einem Datensatz zum anderen, aber mehr als das, was schon aus den bisherigen Scans hervorgegangen war ließ sich auch aus den neuen Daten nicht ableiten. Drei Lebenszeichen waren in dem kleinen Flugobjekt festzustellen, das der Alexandria vorauseilte.
Bislang war der Kurs konstant geblieben und Maxine Dent hatte Informationen über die nächstliegenden Sternensysteme aus der Stellarkarthografie abgerufen. Neben ein paar unbewohnten Klasse-L Planeten lagen nur drei kleine Monde und ein Planetensystem mit zwei bewohnten Welten auf ihrem Kurs.
Die Planeten zählten zu einem System am Rande der Föderation, nahe des Bereiches, den die Yokohama erkunden sollte. Der Planet Harbat, auf dem die Wissenschaftler abgesetzt werden sollten, lag noch zwei Sektoren weiter im Niemandsland zu den freien Welten, die noch nicht der Föderation beigetreten waren.

Roger van Dyke saß nun schon seit mehr als zwölf Stunden auf dem Platz des Captains und beobachtete die Geschehnisse auf der Brücke. Die Verfolgung des kleinen Schiffes war zum langweiligen Langstreckenflug geworden.
Trotz des hohen Potentials der Alexandria, die immerhin Warp 9,993 erreichen konnte, war es mit aller Taktik und Geschicklichkeit nicht gelungen, den Abstand zu dem kleinen Schiff zu verkürzen.
Immer dann, wenn Die Alexandria ein wenig mehr beschleunigte, wurde auch der Gegner schneller, verlangsamte man, ließ auch das andere Schiff sich wieder auf gleichen Abstand zurückfallen. Das Ganze glich einen Katz und Maus Spiel. Anscheinend war die Höchstleistung des kleinen Flugobjekts auch nicht deutlich besser als die der Alexandria, sonst hätten die Flüchtenden sicher die etwas höheren Geschwindigkeiten beibehalten.Wikland kam aus seinem Raum, stellte sich neben van Dyke und schaute auf den Bildschirm, der in seiner Mitte bei maximaler Vergrößerung das kleine Schiff zeigte, das vorausflog. Roger ließ seine rechte Hand flach auf das Seitenpanel des Stuhles fallen und stand auf.
„Wer weiß wie lange das noch dauert, das Beste wird sein, wenn wir die Brücke der Delta Schicht überlassen und uns selbst eine Mütze Schlaf gönnen.“
Wikland nickte zustimmend und winkte Lock dem Benziten, der für die Leitung der Deltaschicht auf der Brücke eingeteilt war. Lock war bereits seit 3 Stunden auf der Brücke, da aber Roger van Dyke die ganze Zeit noch den Platz in der Mitte gewärmt hatte, hielt sich Lock dezent im Hintergrund und führte seine wissenschaftlichen Auswertungen weiter, die er während des Tages begonnen hatte.
Jetzt kam er nach vorne, wobei er eine leichte Wolke Chlorgas mit sich zog, die aus seinem Atemgerät stammte. Er drückte noch einmal den Sensor und nahm einen tiefen Zug des Luft Chlorgemisches in seine Lungen auf.
„Ich übernehme Commander.“ sagte er und nahm das Padd entgegen, welches van Dyke ihm reichte.
„Sollte sich an dem Zustand etwas ändern, informieren Sie den Captain und mich können Sie auch ruhig wecken.“ erklärte Roger, verabschiedete sich kurz und folgte dann dem Captain der sich schon auf dem Weg zum Turbolift befand.

Lock ließ sich langsam in den Stuhl des Captains sinken und blickte in die Runde der diensthabenden Brückenoffiziere. Fähnrich Telamis, ein Vulkanier, hatte sich an der taktischen Station aufgebaut und ging die Sicherungsprotokolle der Waffensysteme durch. Ymoota Aalia hatte sich wie so oft für die Nachtschicht eingetragen und saß an der Kommunikationsanlage.
Alle Versuche eine Verbindung mit der Yokohama aufzubauen waren bislang ergebnislos geblieben. Lieutenant Commander Stephanie Hawkins, die kleine quirlige Italienerin mit den kastanienbraunen langen Haaren, hatte ihre Kollegin Maxine Dent an der Wissenschaftsstation abgelöst und die Conn wurde jetzt von Fähnrich Harumi Miyaoka bedient. Neben ihm saß Sven Carlson, der die OPS beaufsichtigte.
Lock drückte erneut seinen Auslöser und sog das entstehende Luft-Chlorgemisch tief ein. Alles schien in bester Ordnung zu sein. Die Crewmitglieder, die auf der Brücke Dienst taten, hatten schon oft mit ihm eine Deltaschicht abgeleistet und Lock wußte, daß er sich keine Sorgen machen mußte.
Es sei denn, dieses kleine Schiff vor ihm würde irgendwelche unüberlegten Aktivitäten starten. Aber bislang flog es genau wie die letzten Stunden ohne Kursänderung einfach geradeaus, immer in Richtung des Harbat Systems, am Rande der Föderationswelten.Das Biotop wirkte unheimlich im dunklen Dämmerlicht. Nur kleine Markierungsleuchten, die im Boden steckten ließen den schmalen Pfad erkennen, der sich durch das Dickicht schlängelte. Einige Nachtaktive Vögel unterhielten sich in den Baumwipfeln und kleine putzige Nagetiere überquerten den Kiespfad auf ihrer Suche nach Nahrungsmitteln.
Das Plätschern von Wasser ließ auf einen Bach ganz in der Nähe schließen, aber ein entferntes Rauschen deutete auch auf einen Wasserfall hin. Der Pfad durchdrang die dichten Sträucher und mündete in einem sorgfältig angelegten Garten, der mit vielen Blumen und fremdartigen Gewächsen bepflanzt war.
Der kleine Bach, der sich durch die Wiese schlängelte, fügte sich harmonisch in die Landschaft ein und alles sah aus, als sei man direkt von einem Haus in die angrenzende Natur hinausgetreten.
Das leise plätschernde Wasser hatte seinen Ursprung in einem See, der sich vor einer hohen Wand aus Naturstein befand und in den die glitzernden Fluten in vielen Kaskaden hineinstürzten.
Wikland und Avallia Sen, die Botschafterin von Sakras 5, saßen auf der kleinen Bank gegenüber des Wasserfalls im Arboretum der Alexandria und betrachteten das Spiel aus Wasser und Licht. Um diese Zeit war es immer absolut ruhig, denn die Geschäftigkeit der an Bord lebenden Menschen und anderen Humanoiden hatte sich, bis auf wenige Ausnahmen, an den Tag-/Nachtrythmus angepaßt.
Neben den für die Schiffsführung wichtigen Abteilungen wurde lediglich in den Laboren der wissenschaftlichen und biologischen Abteilungen rund um die Uhr gearbeitet, um die entsprechenden Ergebnisse in minimalster Zeit zu erreichen. Die restliche Crew sowie die Zivilisten hatten sich um diese Zeit schon längst zu Bett begeben und auch die Gartenpfleger hatten sich auf Wiklands Wunsch hin zurückgezogen. Sie würden ihre Arbeiten später erledigen.
Nachdem der Captain minutenlang stumm dagesessen hatte und in die glitzernden Tropfen der Wasserkaskaden gestarrt hatte, sprach Avallia Sen aus, was sie schon lange bewegte.
„Ich weiß, Sie sind nicht froh darüber, daß ich bleibe. Aber ich möchte in Ihrer Nähe sein und ich will mehr über Sie und Ihr Volk erfahren. Es ist nicht nur die Tatsache, daß ich mich in Ihrer Nähe wohl fühle, in Ihnen einen Seelenverwandten sehe oder Ihre Vorliebe für die Natur teile. Es ist mehr als das.“
Jan Erik Wikland hörte die Worte und sie drangen in seinen Kopf ein, erweckten Bilder zum Leben, die er schon lange vergessen glaubte.
Eine junge Frau, die vergnügt über eine Wiese lief. Ein Picknik am Rande des Wasserfalls, gemütliche Stunden vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Anwesen im Norden Europas. Musik, Bilder, der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen, es war ein wahrer Sturm, der durch seine Gedanken tobte. Erst als die Botschafterin Ihn ein zweites Mal ansprach, erfaßte Wikland wieder die Realität.
„Wie?...nein, ich bin nicht sauer. Ich muß nur daran denken, daß dieses Leben im All eigentlich nicht die richtige Umgebung bietet, um einen angemessenen Rahmen für eine gemeinsame Beziehung zu schaffen. Die ständigen Schichtwechsel, jeden Tag an einem anderen Ort, unbekannte Gefahren, ständige Verpflichtungen. Und auch wenn Sie es nicht glauben wollen Botschafterin, die Tatsache, daß Sie bleiben erschwert meine Pflichten zusätzlich.“
Avallia Sen wandte sich zu Wikland und zog ihr langes blaues Kleid zurecht. Ihr Scharfsinn war sehr ausgeprägt und hatte manchmal schon den Anflug von Eigenschaften, die sonst nur den Councelorn zur Verfügung standen.
„Sie sind immer noch so ausweichend in der Beurteilung der Situation Captain. Es ist nicht die Tatsache, daß Sie statt bisher fünf, ab jetzt für sechs Botschafter verantwortlich sind. Es ist die Tatsache, daß uns beide etwas ganz besonderes verbindet. Das ist es, was Ihnen hier Angst macht.“
Wikland setzte sich auf. Ein wenig zu spontan, als daß es natürlich gewirkt hätte. Man konnte fast sehen, wie unwohl er sich fühlte.
„Ich habe keine Angst, so etwas ist mir fremd. Ich mag es nur nicht, wenn man mich bei wichtigen Entscheidungen für mein Schiff übergeht.“

Die Botschafterin hatte nur zu genau seine derzeitigen Gefühle analysiert und auf den Punkt gebracht. Es war wirklich so, daß er sich zu dieser Frau hingezogen fühlte. Eine Tatsache, die er noch vor wenigen Wochen mit einem Hinweis auf seine verstorbene Ehefrau als unmöglich angesehen hätte. Doch heute mußte er zugeben, daß er schon eine gewisse Zuneigung empfand, die ihn mit Selbstzweifeln und alten Erinnerungen quälte und ihm oft die Fähigkeit zur Konzentration raubte. Ja, es schien fast so, als hätte er sich verliebt, aber noch wollte er es sich und vor allem dem Rest des Universums nicht eingestehen.




Kapitel 11

„Brücke an Captain Wikland. Sir, wir empfangen erste gesicherte Daten über die Yokohama!“
Mit einem Ruck richtete sich Wikland in seinem Bett auf. Es war höchstens zwei Stunden her, daß er sich zur Ruhe begeben hatte, aber das Gespräch mit Avallia Sen hatte seine Nachwirkungen hinterlassen. Stärker als zuvor tauchten Bilder aus der Vergangenheit im Kopf des Captains auf, seine Frau, sein Haus, das Gesicht des Diebes, der den Tod seiner jungen Familie zu verantworten hatte. Noch immer war dieses Kapitel in Wiklands Leben nicht zum Abschluß gekommen und er zweifelte daran, daß er jemals darüber hinwegkommen würde.
„Wikland hier, was gibt es Commander Lock?“ fragte der Captain, während er darauf bedacht war, so schnell wie möglich in seine Uniform zu schlüpfen.
„Die Sensoren haben eine Energiesignatur der Sternenflotte erfaßt, und der Transpondercode gehört eindeutig zur Yokohama.“
Wikland zog seine Jacke zurecht und hakte den Verschluß am Kragen ein. Ein kurzer prüfender Blick in den Spiegel zeigte zwar ein übermüdetes Gesicht aber eine perfekt sitzende Uniform.
„Ich bin in einer Minute bei Ihnen Commander. Informieren Sie bitte auch Mr. van Dyke.“
Bereits bei diesen Worten schloß sich die Tür des Quartiers hinter dem Captain.Nur drei Minuten später stand der Captain auf der Brücke und blickte auf den Hauptschirm. Noch immer war das kleine Schiff vor Ihnen und flog mit hoher Warpgeschwindigkeit in Richtung Randgebiet.
Lock stand auf und trat einige Schritte zur Seite, um dem Captain Platz zu machen. Er aktivierte seinen Chlorgasspender und atmete tief durch, bevor er mit seiner leicht näselnden Stimme seinen Bericht begann.
„Wir nähern uns dem sechsten Planeten des Nermas Systems. Vor ungefähr einer halben Stunde empfingen wir fraktale Signaturen, die unsere Aufmerksamkeit erregten. Die Langreichweitensensoren bestätigten dann unsere Vermutung, daß es sich bei den Signaturen um Sternenflotten Wellenformen handelt.
Zur Zeit sind wir bei aktueller Geschwindigkeit noch zirka 10 Minuten von der Quelle entfernt, aber es besteht kein Zweifel, daß es sich um die Yokohama handelt, Sir. Wir haben bereits versucht eine Kommunikation aufzubauen, hatten damit aber bislang keinen Erfolg.
Wir sind nicht einmal sicher, ob die Yokohama unseren Ruf überhaupt erhalten hat. Gesetzt den Fall ihre Kommunikation ist tatsächlich gestört, dann könnten Sie vielleicht auch nichts empfangen.“ schloß Lock seine kurze Erklärung.
Wikland hatte sich auf seinem Platz niedergelassen und auch van Dyke war inzwischen auf der Brücke erschienen.
„Ich möchte wissen, woran es liegt, daß immer noch keine Kommunikation aufgebaut werden kann. Lassen Sie Elliot das prüfen, ich erwarte das Ergebnis in fünf Minuten.“
Der harte Ton des Captains ließ keinen Zweifel daran, daß ihm diese Information sehr wichtig war.
Commander Lock nickte kurz und ging in den hinteren Bereich der Brücke, um die Kollegen umgehend zu informieren. Elliot war nämlich nicht, wie man annehmen könnte, eine Person, sondern eine Wissenschaftsgruppe, die sich auf Computertechniken, insbesondere die Interkommunikation zwischen den verschiedenen Computerkernen, spezialisiert hatte.
Dieses ehrgeizige Projekt hatte die Leistungsfähigkeit der Computerkerne an Bord der Alexandria so weit gesteigert, daß ein einziger Kern die gesamte Kontrolle des Schiffs übernehmen konnte, bei voller Funktionalität. Die Interkommunikation ermöglichte eine multiple Kreuzrelation zwischen den Kernen, so daß komplexe Abläufe und Suchalgorythmen gleichzeitig ablaufen konnten.Lt. Commander Sermin, der durch den Benziten per Kommunikator informiert wurde, bestätigte die Aufforderung Locks in gewohnt kurzer und emotionsloser Weise, eben typisch vulkanisch.
Die notwendigen Einstellungen führte er direkt von dem Terminal in seinem Raum aus, um nicht noch Zeit für den Weg zur Brücke zu verschwenden. Die Verknüpfung der Langreichweiten- und Spezialsensoren mit den Computersubroutinen brachte schnell erste Auswertungen auf den Bildschirm der Wissenschaftsstation zwei auf der Brücke, die von Lt. Commander Lock überprüft wurden. Bereits nach drei Minuten ließen sich die gewonnenen Daten zu einer sinnvollen Aussage zusammenfügen.
„Captain...“ kam die Stimme des Benziten von der zweiten Wissenschaftsstation, während sich wieder ein leichter Chlorgeruch ausbreitete,
„...die Auswertung zeigt, daß die Kommunikationsgeräte der Yokohama vollständig energielos sind. Das bedeutet, die Crew kann weder unsere Rufe empfangen, noch darauf reagieren. Die Sensoren der Yokohama sind allerdings intakt. Berücksichtigt man die etwas ältere Ausstattung, so dürften Sie dennoch seit mindestens drei Minuten von unserer Anwesenheit in diesem Sektor wissen.“
Im selben Moment veränderte sich die Situation.
„Captain, das kleine Schiff geht unter Warp!“ rief Stephanie Hawkins von der Hauptwissenschaftskonsole herüber. Die Alexandria verlangsamte ebenfalls auf Impuls und sah das kleine Schiff, welches sie fast einen ganzen Tag verfolgt hatten, nun ganz dicht vor sich. Der Planet, der zum Nermas System gehörte, machte einen unfreundlichen Eindruck. Viele Wolkenbänder bedeckten die Oberfläche und an einigen Stellen konnte man die Blitze von weitreichenden Gewitterfronten sogar aus dem Weltraum ausmachen.
Plötzlich drehte das kleine Schiff ohne erklärbaren Grund nach Backbord ab und beschleunigte voll. Die Erklärung für diesen plötzlichen Wandel kam gleichzeitig mit der Meldung von Lt. Commander Hawkins. Die Yokohama tauchte unvermittelt aus dem Warptransfer genau gegenüber der Alexandria auf und stoppte in angemessenen Abstand.
„Voller Stop Fähnrich.“ ordnete Wikland energisch an und stand auf. Gebannt schaute er auf den Bildschirm, der die Yokohama in all ihrer Größe zeigte, offensichtlich unversehrt wie es den Anschein hatte.
Das Schiff der Miranda Klasse lag da, als wäre es nie weg gewesen und als wäre es die selbstverständlichste Sache im Universum, daß sich zwei Schiffe der Föderation an diesem fernen Punkt der Galaxie treffen.„Captain, das fremde Schiff entkommt.“ meldete sich Sven Carlson von der OPS. In Erwartung weiterer Befehle blickte er den Captain fragend an, eine Hand noch immer auf der Konsole, um die Verfolgung des kleinen Schiffes wieder aufzunehmen.
„Schon in Ordnung Lieutenant, unser Auftrag lautet die Yokohama zu finden, nicht kleine Piraten zu schnappen. Und so wie es aussieht, haben wir jetzt den ersten Teil unserer Aufgabe erfüllt. Lt. Ymoota, ich möchte eine Kom-Verbindung zur Yokohama und zwar schnell.“
Die junge Bajoranerin versuchte es auf allen Frequenzen und Kanälen, aber die Subraumkommunikation fand kein Echo bei der Yokohama. Der Bildschirm, der mit der Aufschaltung der Kom-Kanäle aktiviert worden war, zeigte nur Schnee und wirre Muster, aber eine Bildübertragung kam nicht zustande.
Plötzlich töne eine Stimme durch die Brücke, hohl und blechern wie durch eine lange Röhre geschickt.
Yokohama ruft Alexandria bitte kommen!“ Wikland drehte sich zu Ymoota, die sich so schnell umwandte, daß der lange schwarzer Zopf auf ihrer Schulter landete.
„Radiowellen, eine uralte Form der Kommunikation. Nur Audio. Langsam, begrenzte Reichweite, schlechte Qualität, aber es funktioniert.“ erklärte sie und blickte den Captain belustigt an.

Wikland konnte ein Lächeln nicht vermeiden. Er drehte sich zum Bildschirm, der auf ein kleines Zeichen von ihm wieder die Außenansicht und damit das gegenüberliegende Schiff der Miranda Klasse zeigte.
„Hier spricht Captain Jan Erik Wikland Captain der U.S.S. Alexandria, schön von Ihnen zu hören. Die Sternenflotte macht sich Sorgen um Sie, deshalb hat man die gute Fee geschickt um mal nach dem Rechten zu sehen. Wie geht’s denn so bei Ihnen, abgesehen davon, daß Ihre Kommunikation nicht funktioniert?“

Es rauschte ein wenig in der Verbindung und einige Störgeräusche veranlaßten Ymoota dazu, die Lautstärke ein wenig zurückzunehmen.
„Hallo Captain Wikland, hier spricht Captain Edward Griendling von der Yokohama, schön von Ihnen zu hören. Kann man nicht mal in Ruhe angeln gehen, ohne daß Mama gleich einen Suchtrupp losschickt?“ meldete sich eine angenehm klingende Stimme zu Wort.
„...wir hatten gerade die Wissenschaftler auf Harbat abgesetzt, als die elenden Subraumwandler ausfielen. Nun ja, daran ist man ja gewohnt auf einem Schiff der Miranda Klasse, das lernt man schon in der ersten Klasse der Akademie, daß man solche Dinger immer im persönlichen Gepäck bei sich hat.
Womit wir allerdings nicht gerechnet hatten, war die Tatsache, daß diese Subraumwandler beim Abrauchen auch noch die ODN-Leitungen und den Frequenzmodulator mit in die ewigen Jagdgründe nehmen würden. Meine Techniker kriechen noch immer durch die Jeffriesröhren um eine provisorische Notverbindung herzustellen.“ fuhr die frische und aufmunternde Stimme von Captain Griendling fort und ließ die Anspannung der Crew auf der Alexandria auf ein erträgliches Maß absinken.

„Ich verstehe. Wir hatten auch unser kleines Problem, das uns eigentlich wohl ganz ungewollt in Ihre Richtung geführt hat. Irgendwie ist es den Insassen dieses kleinen Schiffes gelungen, eine getarnte Person ins Innere unseres Schiffes zu beamen. Es war uns möglich sie zu lokalisieren, bevor die oder derjenige Schaden angerichtet hat, aber sie ist uns entwischt bevor wir sie greifen konnten. Das kleine Schiff mit dem sie geflohen sind, haben wir bis hierher verfolgt.“ erklärte Wikland, während er sich zu Ymoota umdrehte, da die Verbindung immer schlechter wurde.
Es dauerte einen Moment, bis Captain Griendling sich wieder meldete. Die akustischen Störungen, die anscheinend durch die Gewitter in der Atmosphäre verursacht wurden, waren so groß, daß nur Knacken und Rauschen über die Audioanlage kam.
„Ja, als unsere Sensoren feststellten, daß Sie sich in unsere Nähe bewegten, beschlossen wir Ihnen entgegen zu fliegen. Das kleine Schiff hat anscheinend die nackte Panik ergriffen, als Sie gemerkt haben, daß sie es jetzt mit zwei Föderationsschiffen zu tun bekommen. Natürlich haben wir uns ehrlich gesagt auch ein wenig Hilfe bei unserem Problem erhofft.“ Wikland nickte kurz und fragte dann:
„Wie können wir Ihnen helfen Captain?“

Die sympathische Stimme von Captain Griendling kam wieder durch die Audioanlage,
„Nun ein anständiges Essen wäre nicht schlecht. Wissen Sie, die Replikatoren funktionieren leider nicht ohne die Querverbindung zu den ODN-Leitungen und die Notrationen sind inzwischen schon ganz schön unbeliebt. Aber mal im Ernst, wir würden Ihre Hilfe bei der Instandsetzung der Kommunikationsanlage sehr schätzen und warten Sie mit Ihrem Bericht an die Sternenflotte noch eine Weile, sonst müssen wir alle gleich wieder die Arbeit aufnehmen.“ gab Captain Griendling scherzhaft zur Antwort.
Wikland trat einige Schritte vor und stand jetzt vor dem großen Sichtschirm der Brücke.
„Das ist doch selbstredend Captain. Wissen Sie was, ich habe eine fabelhafte Idee. Die Nacht war ohnehin nicht die Beste, es ist jetzt knapp acht Uhr morgens, die richtige Zeit um einen neuen Tag mit einem verschwenderischen Frühstück zu beginnen. Warum beamen Sie nicht herüber zu uns und während wir uns ein wenig unterhalten, können unsere Ingenieure sich den Schaden auf Ihrem Schiff ansehen.“
Ein leises gurgelndes Lachen drang von irgendwoher durch die Kommunikationsverbindung nachdem Wikland geendet hatte, dann war wieder die Stimme des Captains der Yokohama zu hören.
„Eine ganz ausgezeichnete Idee Captain Wikland. Ich werde in wenigen Minuten mit meinem Stab zu Ihnen kommen, stellen Sie schon mal den Kaffee warm. Yokohama Ende.“
Wikland blickte in die Runde.
Gespannt hatten alle das Gespräch zwischen Wikland und dem Captain des anderen Schiffes verfolgt. Das kleine Schiff war schon lange verschwunden und die Mitglieder der Brückenbesatzung waren erleichtert, daß man die Yokohama doch noch in einem Stück gefunden hatte. Einige hatten schon das Schlimmste befürchtet.
Der Captain drehte sich zu van Dyke.
„OK das wars, alles wieder an die Arbeit. Commander, bitte nehmen Sie unsere Gäste im Transporterraum drei in Empfang, ich bin sicher, sie werden, genau wie wir, viele Fragen haben. Lieutenant Ymoota, kontaktieren Sie die Chefingenierin und teilen Sie mit, daß wir die Yokohama gefunden haben. Berichten Sie von den Problemen, die Captain Griendling beschrieben hat und informieren Sie sie darüber daß wir Hilfe leisten wollen. Sie soll ein Team zusammenstellen. Ich bin in meinem Raum, rufen Sie mich wenn unsere Gäste eintreffen.“




Kapitel 12

Laut hallten die Schritte von den hohen Wänden wider, als der Offizier die Halle des Sternenflotten Hauptquartiers durchquerte. Sein Schritt war schnell, zielstrebig und vermittelte die Autorität eines erfahrenen Mannes. Dennoch konnte man an den fahrigen Schritten eine gewisse Besorgtheit ablesen. Es war diese Art von Gang, die den Überbringern von schlechten oder eiligen Nachrichten eigen war und der dem aufmerksamen Beobachter signalisierte, daß sich hier etwas zusammenbraute.
Die üblichen militärischen Grüße, die dem Offizier aufgrund seines Ranges von anderen Mitgliedern der Sternenflotte entgegengebracht wurden, quittierte er allenfalls mit einem leichten Kopfnicken und ging unbeirrt auf den vierten Korridor zu, der von der Haupthalle in den Westflügel führte.
Die mobile Anzeigeeinheit, eine kleinere Version der Standard-Tischcomputer, hielt er unter seinem linken Arm mit leicht verkrampften Griff fest.
Seine Kollegen blickten dem sonst so aufgeschlossenen und freundlichen Mann mit Unverständnis hinterher, als er sie einfach wortlos in der Halle stehen ließ. Gerade noch rechtzeitig erreichte er den Turbolift, der am Beginn des Flures den Zugang zu den oberen Stockwerken ermöglichte, bevor sich die Türen schlossen.

Mit einem kräftigen Schwung flog die Tür zu Admiral Henrys Büro auf und sein hochgewachsener blonder Freund Admiral Jorgensen stand mitten im Raum. Thomas Henry, der gerade die Terminplanung für die kommende Woche prüfte schaute auf und begriff sofort.
„Tja Fähnrich Valerie, ich glaube Sie kriegen das mit der Terminüberschneidung schon hin, ich verlasse mich da voll auf Ihre bisherigen Erfahrungen. Sie haben meine terminlichen Verpflichtungen bislang immer gut in den Griff bekommen...“
Damit komplimentierte er seine Adjudantin aus dem Büro, wobei er sie höflich wie ein vollkommener Gentleman bis zur Tür geleitete, ohne Ihr auch nur die Chance zu geben, mit Fragen oder Anmerkungen zu reagieren. Die Tür fiel sanft und ohne Geräusch hinter ihr ins Schloß.
„Nun mein Freund was verschafft mir die Ehre Deines unerwarteten Besuchs?“ fragte Admiral Henry und sah seinen alten Freund mit prüfendem Blick an. Sven Jorgensen hatte sein mobiles Interface bereits auf dem Tisch abgestellt und aktiviert.
„Du hattest Recht Thomas, es gibt einen Maulwurf in der Föderation. Er versorgt abtrünnige Welten und Handeltreibende mit Informationen über Föderationstechnologie. Ich würde sogar sagen, daß es hier nicht bei den Informationen bleibt.“

Admiral Henry hatte seinen immensen Schreibtisch umrundet und sich auf seinem Stuhl niedergelassen. Er griff nach der Karaffe mit Fruchtsaft und füllte zwei Gläser. Eines davon schob er seinem Freund zu, der jedoch noch immer konzentriert auf die Fakten seines Interfacedisplays blickte.
„In den vergangenen fünf Monaten sind neben den Ferengifrachtern sieben Schiffe in diesem Sektor verschwunden. Davon alleine drei Schiffe der Föderation. Ein Raumschiff der Oberth Klasse, die U.S.S. Belgarion, angeblich in einem Asteroidenfeld durch Kollision zerstört. Die U.S.S. Havanna, ein kleiner Transporter der Sydney Klasse, durch einen Subraumriß beim initiieren des Warpantriebs explodiert. Die U.S.S. Yosemite, einfach spurlos verschwunden und außerdem wird die U.S.S. Yokohama ebenfalls seit geraumer Zeit vermißt. Auch sie sollte dieses Gebiet durchqueren, um Wissenschaftler auf Harbat abzusetzen. Das kann einfach kein Zufall sein.“

Jorgensen drehte das Display zu Thomas Henry um, damit dieser die Angaben auf dem Schirm lesen konnte. Viele der Eintragungen waren mit den Angaben verknüpft, die der Admiral vor wenigen Tagen aus diesem Büro mitgenommen hatte, um Sie durch seine Spezialisten prüfen zu lassen.
Admiral Henrys Gesichtsausdruck verdunkelte sich mehr und mehr mit jeder Zeile und jedem Hinweis, den er las. Er blickte Jorgensen an, der unruhig vor dem Tisch auf und ab ging.
So kannte er den alten Haudegen überhaupt nicht. Sven ‘der alte Schwede’ wie Thomas ihn damals immer zu nennen pflegte, war eigentlich immer der integere besonnene Offizier gewesen, der seine Pflichten sorgfältig und nach den Regeln der Föderation erledigte. Deshalb paßte das heutige Verhalten überhaupt nicht zu ihm.

Thomas Henry fixierte seinen Freund solange mit seinem festen Blick, bis dieser letztendlich stehenblieb und ihn anschaute.
„Was ist los Sven, warum läufst Du hier auf und ab wie ein waidwunder Tiger?“
Admiral Jorgensen drehte sich zu Thomas Henry und stützte sich mit beiden Händen auf der ausladenden Schreibtischplatte ab.
„Weil man meinen Neffen mit seinem Schiff dorthin geschickt hat und er keine Ahnung von dem hat, was da möglicherweise auf ihn zukommt.“

Admiral Henry ließ sich betroffen in seinen Stuhl zurücksinken. Jan Erik, der kleine Junge, der ihn damals gelegentlich besucht hatte.
Sven Jorgensen hatte ihn manchmal mit in das Ausbildungszentrum der Flotte gebracht. Schemenhaft erinnerte sich der Admiral an den kleinen Abenteurer, der sich schon damals besonders für das Kampfsporttraining in der Akademie interessiert hatte. Innerlich zählte er die Jahre, die vergangen sein mußten. Es waren mindestens fünfundzwanzig, wenn nicht sogar achtundzwanzig Jahre gewesen.
„Jan Erik ist da draußen?“ fragte Thomas Henry verblüfft.
Sven Jorgensen straffte sich und zog seine Uniform gerade.
„Ja genau, er befehligt die U.S.S. Alexandria, einen unserer Technologieträger. Abgesehen von der Sorge um meinen Neffen muß ich Dir sicher nicht erklären was passiert, wenn das eintrifft, was ich anhand dieser Fakten vermute.“
Damit deutete er auf die Angaben, die noch immer auf dem Display des mobilen Interfaces standen und ein klares Bild abzeichneten. Verrat.
„Was schlägst Du vor?“ wollte Admiral Henry wissen.
„Eine gute Frage, Ich wollte, ich hätte darauf eine Antwort. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Eine Subraum Nachricht benötigt alleine schon zwei Tage, bis sie über die Relaisstationen dort hingelangt.
Wenn es tatsächlich einen Maulwurf in der Föderation gibt, dann könnte er sogar verhindern, daß diese Nachricht die Alexandria erreicht.
Ein anderes Schiff zu schicken, keine besonders geniale Idee. Es würde mindestens eine Woche von einer Randbasis brauchen, bis es auch nur in der Nähe wäre und dann ist da noch der Faktor der Ungewißheit, was dort auf die Leute wartet.“

Admiral Henry nickte wissend. Er konnte die Bedenken seines alten Freundes teilen und seine Sorgen nachvollziehen. Sven Jorgensen hatte sich inzwischen auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch niedergelassen und beide saßen für eine Weile stumm und in Gedanken versunken vor den Hinweisen, die bedrohliches erwarten ließen.
Plötzlich hob Thomas Henry seine rechte Hand
„Ich hab’s!“ sagte er und deutete mit seinem Zeigefinger auf Sven Jorgensen.
„Wenn wir keine direkte Nachricht schicken können, dann müssen wir halt stille Post spielen. Ich kenne einen Kollegen, der mir noch einen Gefallen schuldet, der wird unsere Botschaft weiterleiten, so daß es nicht auffällt.“

Der Admiral drückte einige Sensorflächen auf seinem Schreibtisch und die Stimme von Fähnrich Valerie ertönte:
„Ja Sir, was kann ich für Sie tun?“
Admiral Henry blickte seinen Freund kurz an und sagte dann, „Finden Sie heraus, wo sich Admiral Hassard befindet und stellen Sie eine Verbindung über einen der geschützten Prioritätskanäle her. Es ist wichtig. Danke.“

Der Signalton zeigte an, daß die Verbindung beendet war und sich die beiden wieder ungestört unterhalten konnten.
„Wir werden ihm die Situation erklären und ihn bitten Deinen Warnhinweis weiterzuleiten. Diesen Weg wird kein noch so gerissener Maulwurf, wo auch immer er sitzen mag erahnen und unterbinden. Dein Neffe und unsere technologischen Entwicklungen sind schon so gut wie außer Gefahr mein Freund.“
Das Wanddisplay erhellte sich und zeigte das Symbol der Sternenflotte. Eine Einblendung im unteren Bereich des Bildes wies in nüchternen Buchstaben darauf hin, daß die Verbindung hergestellt wurde. In der glatten, schnörkellosen Schrift hatte es den Anschein als sei es so einfach wie eine Sensorfläche zu aktivieren und das Nachbarbüro zu kontaktieren. In Wirklichkeit waren, neben den Sendestationen im Erdorbit, mindestens zehn Relaisstationen nötig, um die Position der Lakota zu erreichen, auf der sich Admiral Hassard befand.
Endlich wich das Logo dem Blick in das geräumige Quartier des Admirals, der hinter seinem Schreibtisch saß und in die Übertragungskamera blickte.
Thomas Henry setzte einen Gesichtsausdruck aus Höflichkeit und Mahnung auf und ließ daß auch im Ton seiner Stimme mitschwingen, als er seinen Kollegen begrüßte:
„Hallo Admiral Hassard, ich hoffe es geht ihnen gut. Stellen Sie sich vor ich sitze hier an meinem Schreibtisch und just in diesem Moment fällt mir etwas ein, mit dem Sie mir einen großen Dienst erweisen können. Sie wissen doch, der Gefallen, den Sie mir immer noch schuldig sind.“ Admiral Hassard hatte sich entspannt in seinem Stuhl zurückgelehnt und blickte in die Kamera.
„Lassen Sie hören Admiral Henry, wie kann ich meine Schuld bei Ihnen tilgen?“


Kapitel 13

Roger van Dyke hatte sich schon rechtzeitig auf den Weg zum Transporterraum drei gemacht. J.J., die gerade im Begriff war, ihren Dienst im Maschinenraum anzutreten, kam ihm im Korridor entgegen.
„Na, Wertester, schon so früh auf den Beinen?“ sagte sie flapsig. Roger lächelte sie an,
„Selbstverständlich, Gnädigste, ich hole unsere Gäste von der Yokohama ab, die kommen zum Frühstück. Da muß ich heute abend wieder einige extra Runden laufen, damit ich kein Fett ansetze.“

Damit spielte er auf die gelegentlichen Trainingseinheiten an, bei denen sich die beiden schon wiederholt und ohne Absicht getroffen hatten. Meist waren sie dann im Holodeck einige Kilometer zusammen gelaufen und hatten sich über alles mögliche unterhalten.
Roger liebte diese ungezwungenen Treffen und nebenbei erfuhr er so einiges über die Crew auf der Alexandria. Er war ja erst kürzlich hierher versetzt worden und kannte die Mannschaft noch nicht bis zum letzten Mann.
Jaqueline Jefferson war, wie er wußte, eine impulsive junge Frau und wenn ihr etwas nicht paßte, dann sprach sie es, mit dem ihr eigenen Temperament, einfach aus. So kam es, daß Roger manchmal ein richtiges Donnerwetter erlebte, wenn sich J.J. wieder einmal so richtig aufregte. Vorerst wünschte er ihr einen ruhigen Tag und schickte sich an, die letzten Meter zum Transporterraum zurückzulegen, der gleich um die Ecke lag. Dort hatte sich bereits ein Technikerteam eingefunden, welches hinüber zur Yokohama beamen sollte, um bei den Reparaturen zu helfen.
Keros der bolianische Transporterchef der Alexandria prüfte die Einstellungen noch einmal sehr gewissenhaft und bat dann alle auf die Plattform zu treten. Während die Lieutenants und Fähnriche ein letztes Mal die Ausrüstungsgegenstände prüften, kamen von der Brücke letzte Anweisungen.
„Keros, Captain Griendling hat uns gebeten, unsere Leute direkt in den Maschinenraum zu beamen. Dort werden Sie von den Technikern der YOKOHAMA bereits erwartet.“ war die Stimme von Ymoota Aalia zu hören.

„Also, Ihr habt’s gehört Leute. Haltet euch fest, es geht los.“ sagte Keros und bediente die Kontrollen.
Die Transporterspulen summten auf und das blaue Glitzern begann die Körper einzuhüllen, bis sie im Energiefluß nicht mehr zu erkennen waren. Nachdem die Leuchtkraft des Energiestroms abgeebbt war lag die Transporterplattform verlassen vor Ihnen.

„Keros, der Captain und sein Stab sind bereit herüberzubeamen.“ tönte es nochmals aus der Audioanlage. Der Bolianer ließ seine geschickten Hände über die Kontrolleinheit des Transportersystems gleiten und richtete die Zielkoordinaten aus. Bereits nach wenigen Sekunden waren alle nötigen Anpassungen erfolgt.
„Fertig Commander.“ sagte er mit fragendem Blick zu van Dyke, der ihm zunickte und sich in Erwartung des Captains der Yokohama straffte.
Er schaute in Richtung Transporterplattform und gab Keros mit seiner rechten Hand ein Zeichen zu beginnen.
Die Transporterspulen heulten auf und der blaue Schimmer entstand erneut innerhalb weniger Sekundenbruchteile über den einzelnen Transportpositionen der Plattform.
Vier Körper formierten sich, in aufrechter Haltung, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Eine Art und Weise wie sie von vielen Vulkaniern besonders geschätzt wurde. Als das leichte blaue Schimmern erloschen war, erkannte Roger van Dyke, daß die Personen alle zivile Kleidung trugen und wollte gerade fragen, was diese Maskerade sollte, als der vorderste Mann von der Plattform heruntersprang und eine mechanische Waffe hinter seinem Rücken hervorholte.
Er setzte an und drückte ab. Ein kleiner Betäubungspfeil traf Keros am Halsansatz und dieser sackte langsam in sich zusammen.
„Was soll das, wer sind Sie und wo ist Captain Griendling?“ empörte sich Roger van Dyke, der sofort von den restlichen drei Männern umringt war, die ihm ihre Strahlenwaffen unter die Nase hielten. Roger blickte sich um und sah den Anführer langsam auf sich zukommen, der sich gerade davon überzeugt hatte, daß Keros ins Land der Träume übergetreten war.
„Ich stelle hier die Fragen und vor allem die Forderungen!“ zischte er dem ersten Offizier ins Gesicht.
„Bringen Sie uns zu Ihrem Captain auf die Brücke und zwar ein bißchen plötzlich.“
Dabei hielten die drei Handlanger Roger die Waffen direkt unter das Kinn.
„Meine Herren, bitte. So kann ich Sie weder zum Captain führen, noch kann ich dafür Sorge tragen, daß wir Ihn auf der Brücke antreffen. Wie Sie sicher wissen, hatten wir eine Verabredung zum Frühstück, schon vergessen? Ich werde den Captain informieren, daß Sie ihn umgehend zu sehen wünschen, aber dafür benötige ich ein wenig mehr Bewegungsfreiheit.“ erklärte Roger van Dyke und deutete mit einem Kopfnicken an, daß er damit die drei Herren meinte, die ihn in Schach hielten.
Der Anführer, ein muskulöser Mann mit zahlreichen Narben auf den Armen, nickte kurz mit dem Kopf, woraufhin sich die drei Anderen ein wenig zurückzogen.
„Ich rate Ihnen, machen Sie bloß keine unüberlegten Äußerungen, sonst blasen wir Ihnen gleich hier das Licht aus.“ drohte ihm der Anführer und zeigte seine gelben ungepflegten Zähne.
Erst jetzt wurde Roger richtig bewußt, daß es sich auf gar keinen Fall um Angehörige der Crew des anderen Schiffes oder gar um Offiziere der Sternenflotte handeln konnte. Roger van Dyke drückte seinen Kommunikator und öffnete eine Verbindung zur Brücke.

„Roger van Dyke an Captain Wikland. Jan Erik, unsere Gäste sind eingetroffen. Wenn Du schon auf dem Weg zur Messe bist, solltest Du noch einmal kurz auf die Brücke kommen. Unsere Gäste haben mich gerade darüber informiert, daß sie wichtige Informationen haben, die Sie noch vor dem Frühstück mit Dir besprechen wollen.“
Die Brückencrew schaute sich ungläubig an und begann sich leise zu unterhalten, was dieses Verhalten von van Dyke zu bedeuten hatte. Der Captain der gerade aus seinem Raum getreten war, hatte sofort begriffen und bedeutete seinen Leuten ruhig zu sein.
„Danke Roger, du hast mich gerade noch rechtzeitig erwischt, ich wollte gerade los. Wenn es so wichtig ist, nehmt den direkten Turbolift zur Brücke, ich bin in meinem Raum und erwarte unsere Gäste. Das Frühstück kann warten, zumindest wenn Captain Griendling es noch so lange aushält. Brücke Ende.“
Mit einigen wenigen Handzeichen hatte Wikland seiner Crew zu verstehen gegeben, was er nun von ihr erwartete. Jeder hatte seinen Posten eingenommen und wartete gespannt auf die kommenden Sekunden. Wikland aktivierte das Computerdisplay an seinem Stuhl und tippte einige Befehle ein. Er überging die persönlichen Sicherheitssperren mit seinem Autorisationscode und blickte dann gespannt auf die Türen des Turbolifts.

Dichtgedrängt schoben die Fremden Roger van Dyke aus dem Transporterraum in den Flur. Kein Mensch war zu sehen. Der Anführer machte ein Zeichen und die drei Gefolgsleute, die van Dyke mit festen Griffen an den Armen umklammerten, setzten sich langsam in Bewegung. Sie schienen geübt in solchen Dingen.
Ständig ließen sie die eine freie Hand mit der Strahlenwaffe hin und her pendeln, um etwaige überraschend auftauchende Crewmitglieder außer Gefecht setzen zu können. Der nächste Turbolift war keine 10 Meter von Transporterraum drei entfernt und es dauerte nur wenige Sekunden, bis die kleine Gruppe diese kurze Distanz überbrückt hatte.
Roger van Dyke wurde von seinen Begleitern unsanft in die Liftkabine gestoßen, die Ihm darauf schnell folgten. Sofort schlossen sich die Türen hinter ihnen und der Lift setzte sich in Bewegung, nachdem Roger van Dyke das Ziel genannt hatte. Noch überlegte der erste Offizier, ob der Captain seinen Wink wirklich richtig gedeutet hatte, denn es war ihm in der Kürze der Zeit nichts besseres eingefallen. Beunruhigt blickte er auf die nervösen Finger eines seiner Begleiter, der noch immer die Strahlenwaffe auf Rogers Gesicht hielt. Fast unmerklich verzögerte der Lift und die vier Fremden bauten sich zu beiden Seiten der Lifttüren auf, so daß Roger van Dyke alleine in der Mitte der Kabine stand. Als die Türen aufglitten sprangen Sie mit zwei Schritten in den vorderen Brückenbereich und der Anführer schrie laut und unnachgiebig:

„Finger weg von den Konsolen und den Kommunikatoren, alles einen Meter zurück und kommt bloß nicht auf dumme Gedanken!“
Sofort traten alle Offiziere einen Schritt zurück und blickten die Eindringlinge konzentriert an. Sie waren darauf geschult in solchen Situationen keine unüberlegten Handlungen zu starten. „Wo ist der Captain?“ wollte der Anführer wissen und drehte sich damit zu Ymoota, die von Ihrer Konsole aufgestanden war und ihm am nächsten stand.
„Der Captain wartet in seinem Raum, dort oben.“ antwortete sie wahrheitsgemäß und unterstrich das ganze mit einer ergänzenden Handbewegung, die zum Bereitschaftsraum des Captains zeigte.
Man konnte ihr deutlich ansehen, daß sie sich in dieser Situation, genau wie alle anderen, unwohl fühlte und am liebsten sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet hätte. Aber das leichte Kopfschütteln von van Dyke signalisierte ihr, ruhig zu bleiben.
Das Schließen der Lifttüre ließ den beiden hinteren Eindringlingen plötzlich bewußt werden, daß sie ja noch eine weitere Geisel hatten. Sie fuhren herum und sahen Roger van Dyke, der mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor dem Turbolift stand und sie fragend anblickte.
Mit vorgehaltener Waffe bedeuteten sie ihm, sich in die Mitte der Brücke zu den Anderen zu begeben. Der Anführer ging schnell die Rampe zum oberen Bereich der Brückeneinrichtung hinauf, gefolgt von einem seiner Begleiter.
Sie traten vor die Tür des Bereitschaftsraumes, die sich umgehend öffnete und stürmten in den Raum. Kurz darauf war die laute und unnachgiebige Stimme von Jan Erik Wikland zu hören, der sich mit dem Anführer in ein heftiges Streitgespräch verwickelt hatte.
Nach nur zwei Minuten kamen Sie wieder aus dem Bereitschaftsraum und stießen Wikland vor sich auf die Brücke. Im Gesicht des Captains konnte man Wut und Erregung deutlich ablesen.
„Sie werden dieses Schiff nie in Ihre Gewalt bekommen, die Mannschaft wird sich Ihnen widersetzten bis zum letzten Mann.“ fuhr Wikland den neben ihm stehenden Anführer an.
„Das werden wir ja noch sehen werter Captain, wir haben sehr effektive Methoden, um Ihre Leute gefügig zu machen. Auf der Yokohama hat das auch bestens funktioniert.“ erwiderte der Fremde und gab Wikland einen weiteren Stoß, der ihn zwang, einen Schritt nach vorn zu machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Seinen Begleitern, die noch immer im unteren Bereich standen und die Brückencrew in Schach hielten, gab der Fremde ein Zeichen und sie kamen langsam herauf in den oberen Bereich der Brücke. Sie drängten die Offiziere von den Konsolen weg, an denen sie bislang reglos gestanden hatten und begannen damit, die Einstellungen zu verändern.
Diesen Moment der Unachtsamkeit nutzte Roger van Dyke und sprang einen der Piraten von hinten an, riß ihn zu Boden und versetzte ihm mehrere harte Schläge. Auch Wikland nutzte die Gelegenheit.
Mit einem kräftigen linken Haken traf er den Anführer unter dem Kinn, der daraufhin drei Schritte rückwärts gegen die Konsole der internen Sicherheit prallte.
Ein weiterer Fußtritt aus Wiklands reichhaltigem Kampfsportrepertoire gab dem Mann die nötige Beschleunigung und schleuderte ihn über die Konsole in den unteren Bereich der Brücke. Wikland setzte Ihm sofort nach. Das regelmäßige Kampfsporttraining, welches Wikland seit seiner Jugend betrieb, machte ihn zu einem gefährlichen Gegner. Die anderen Crewmitglieder hatten sich im gleichen Moment auf die verbleibenden zwei Fremden gestürzt und ein heftiges Handgemenge entstand auf der Brücke.
Mit kräftigen Schlägen seiner Fäuste und gezielten Tritten seiner Füße setzte van Dyke alle Techniken ein, die er sich in den langen Jahren seiner Karriere angeeignet hatte. Aber auch sein Gegner hatte seine Selbstverteidigung auf einen hohen Level gebracht.
Er wehrte sich nach Kräften und stand van Dyke in Schlagkraft und Geschicklichkeit in nichts nach. Aus dem Augenwinkel sah Roger van Dyke, wie sich der Captain mit seiner großen nordischen Gestalt erneut über den Anführer der Piraten hermachte und Ihn über die Konsole der Wissenschaftsstation drückte.
Ran Byrell und Andy Duke hatten alle Hände voll damit zu tun einen der Angreifer abzuwehren. Die Ausbildung der Entermannschaft war wirklich nicht von schlechten Eltern. Selbst die geschulten Offiziere der Sternenflotte hatten, trotz ihrer hervorragenden Kenntnisse, viel Mühe, einen dieser Kerle zu zweit in Schach zu halten. Ein Vorteil des Gegners war es allerdings auch, daß er mit seinem großen und durchtrainierten Körper Ran Byrell und Andy Duke um annähernd zwei Kopflängen überragte.
Roger konnte mit einem gezielten Tritt seinen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen und dieser landete unsanft auf dem Boden vor der Conn Station. Dort allerdings lag eine der Strahlenwaffen, die die Offiziere den Angreifern gleich zu Beginn des Kampfes aus den Händen geschlagen hatten. Mit einem raschen Griff schnappte sich der am Boden liegende die Waffe, entsicherte sie und drückte ab.
Der Energiestrahl traf Roger van Dyke direkt in die Brust, noch bevor er in Deckung gehen konnte und streckte ihn nieder. Ein weiterer Schuß erreichte den Captain, der gerade dabei war, dem Anführer die letzten Luftreserven abzudrücken.
Kraftlos sank Wikland in sich zusammen und fiel mit einem dumpfen Geräusch nach hinten um. Ymoota Aalia, die gerade einen der Gegner zu Boden gerissen hatte, wurde durch einen weiteren Phaserschuß nur knapp verfehlt.
Sie sprang auf und stürzte sich dem Schützen entgegen, als der Phaserstrahl einer weiteren Strahlenwaffe sie von hinten erfaßte. Der Energiestoß verbrannte die Uniform auf ihrem Rücken und durchbohrte ihren Körper. Auf der Brust bildete sich ein großer kohlschwarzer Fleck.
Die Bajoranerin bäumte sich noch einmal auf, bevor sie leblos auf den Boden schlug, nur wenige Zentimeter von Ihrem Gegner entfernt, der hämisch grinsend auf sie herabblickte. Sowohl Ran Byrell als auch Andy Duke ereilte das gleiche Schicksal.
Carah Pehl, die unbemerkt von allen aufgestanden war und den Turbolift schon fast erreicht hatte wurde gleich von zwei Energiestrahlen in den Rücken getroffen, die Ihren Lauf abrupt stoppten.
Die Wucht der Phaserstrahlen warf ihren Körper herum und mit einem dumpfen Stöhnen und vor Schmerz verzerrtem Gesicht schlug sie rückwärts gegen die Türen des Turbolifts. Zwei weitere Entladungen trafen sie in die Brust, ein weiterer Phaserstrahl durchbohrte ihren Bauch und ließen den jungen Körper mit einem erstickten Schrei noch einmal zusammenzucken, bevor die Frau kraftlos vornüber auf den Boden fiel.Die vier Piraten rappelten sich auf und sahen sich auf der Brücke um. Überall lagen die leblosen Körper der Führungscrew, keiner regte sich mehr.
„Schafft sie aus dem Weg.“ rief der Anführer und trat hinter der Wissenschaftskonsole hervor.
„Wir müssen uns melden und die Übernahme vorbereiten. Horvat, Du und Rokano räumt hier auf. Weran, Du übernimmst die Komverbindung. Sag den Anderen, daß wir alle Systeme auf die Brücke schalten und Sie in gut 45 Minuten mit dem Entern des restlichen Schiffes beginnen können.“
Während sich Horvat und Rokano daran machten, die reglosen Körper der Brückenmannschaft in die Beobachtungslounge zu ziehen, sammelte Weran die restlichen Waffen ein und begab sich zur Kom-Station. Er stellte die entsprechende Frequenz ein und gab verschiedene Anweisungen zur Decodierung in die Konsole ein. Bereits nach wenigen Sekunden hatte Weran eine Verbindung zum anderen Schiff hergestellt und sprach mit seinen Kollegen auf der Yokohama.
Währenddessen machte sich der Anführer, der auf den Namen Lamott hörte, daran, alle Systemkontrollen auf die Stationen der Brücke zu schalten. Mit Hilfe der Föderations-Standardprozeduren hatte er nach wenigen Minuten die Wissenschafts-, Waffen- und Maschinenkontrolle auf die brückeneigenen Stationen gelegt und gegen externen Zugriff gesichert.
Alles lief perfekt. Lamott ließ seinen Blick über die Brücke schweifen. Das war alles andere als eine schwere Aufgabe gewesen. Obwohl Imasov ihn vor dieser Crew gewarnt hatte, war er einfach hier hereinspaziert wie auf einem Ausflug und hatte sich innerhalb weniger Minuten Zugang und Kontrolle über alle Schiffssysteme verschafft. Es gab einfach kein Schiff und keine Crew, die er nicht mit seinen clever ausgeklügelten Angriffen schachmatt setzen konnte.
Schon allein die Idee einen einzelnen Mann mittels Tarnvorrichtung ins Schiff zu schleusen, um den Eindringlingstransporter außer Kraft zu setzen, war ein gewagtes aber dennoch geniales Unternehmen. Nur so war es nämlich möglich gewesen, als nicht Sternenflottenpersonal und mit Waffen, im Transporterraum der Alexandria zu materialisieren.
Aber das lag natürlich schon lange hinter Ihm. Sein Blick fiel auf die reglosen Körper der Brückencrew, die von seinen Kollegen in der Aussichtslounge aufeinander gestapelt worden waren. Sie hatten sich mit den Leichen keine sonderliche Mühe gemacht, der Fuß von Wikland lag noch im Eingangsbereich und verhinderte so, daß sich die Tür schloß.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen wandte sich Lamott um und blickte auf den Hauptschirm, der die Yokohama zeigte.

„OK Leute, alle Systeme sind online, wir werden jetzt erst mal der Crew Bescheid geben.“ Er öffnete einen Kanal über die Konsole der Kom-Station, aber der übliche Bestätigungston des Computers blieb aus. Auch auf der Konsole änderte sich nichts. Es wurde kein Kom-Kanal bereitgestellt. Lamott fingerte an der Konsole herum und fluchte laut
„Verdammt, was ist hier los, das verfluchte Ding ging doch eben noch. Weran, was hast Du mit der Konsole gemacht?“
Weran, der an der Conn saß um einen neuen Kurs zu programmieren, kam zur Kom-Station und blickte verwirrt auf die Anzeigen der Station.
„Lamott, ich schwöre Dir, eben hat noch alles funktioniert. Ich habe mehrere Minuten mit unseren Freunden gesprochen und den Bericht für Imasov weitergegeben. Ich verstehe das auch nicht.“
Auf der Konsole ließ sich keine einzige Einstellung mehr vornehmen. Plötzlich fluchten auch Rokano und Horvat an der Wissenschaftsstation auf, die plötzlich völlig blockiert war.
„Lamott, was geht hier vor? Du hast doch alle Kontrollen freigeschaltet.“ schimpfte Rokano und hieb mit der rechten Faust auf das Display, welches stur und präzise ständig die gleiche Information anzeigte.
„Das hat er anscheinend nicht gemacht.“ war plötzlich eine Stimme zu hören, die von dem Bereitschaftsraum des Captains ausging. Dort stand Roger van Dyke auf dem hinteren Teil der Brücke. Sofort zückten Rokano und Weran ihre Strahlenwaffen und feuerten auf den Offizier.
„Aber nicht doch meine Herren...“ erwiderte van Dyke, durch den die Strahlen wie durch einen Nebel hindurchgingen
„...Sie haben mich bereits ermordet, schon vergessen?“
Ungläubig blickten sich die vier Piraten an, die erst jetzt begriffen, daß es sich um den ersten Offizier handelte, der sie an Bord empfangen hatte und dessen Körper keine vier Meter entfernt mit einem großen Loch im Brustkorb bei den anderen lag.
Das es sich um eine Projektion handelte, war ihnen mittlerweile klar, aber wie konnte Sie über die Geschehnisse so genau Bescheid wissen? Lamott drehte sich um und tippte einige Befehlsreihenfolgen in die Konsole ein, aber alles blieb ohne Wirkung.
Weran stürmte zum Turbolift, aber der Bewegungssensor schien ihn nicht zu erfassen, denn die Türen öffneten sich nicht. Auch der zweite Turbolift reagierte in keinster Weise.
Roger van Dyke, dessen Projektion noch immer vor dem Bereitschaftsraum des Captains präsent war, setzte einen Gesichtsausdruck des Bedauerns auf.
„Ich tue das ja höchst ungern meine Herren, aber ich muß Ihre Illusionen leider zerstören. Außer der Tatsache, daß Sie es geschafft haben, unser Schiff zu betreten, haben Sie leider nichts erreicht, einmal abgesehen von Ihrer kleinen Unterhaltung mit der Yokohama, die wir selbstverständlich zugelassen haben.
Sie wissen ja, es ist immer gut wenn alle glauben, daß sich die ganze Sache in trockenen Tüchern befindet. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, ich muß mich noch um einige wichtige Dinge kümmern. Wir werden später noch einmal auf Sie zurückkommen. Computer, Simulation Brücke beenden, Lade Programm Roger van Dyke Gamma Epsilon zwei. Einen schönen Tag noch meine Herren.“

Ein kurzer Piepston signalisierte die Verarbeitung der Befehle und im gleichen Augenblick verschwand mit van Dykes Projektion die Brückeneinrichtung mit allen Konsolen und auch die im Nebenraum achtlos zusammen gestapelten Leichen der Crewmitglieder lösten sich in Nichts auf. Zurück blieb ein kleiner Raum ohne Einrichtung und Türen mit einer hohen Decke. Strahlenwaffen, die Rokano und Horvat sofort einsetzten, zeigten keinerlei Wirkung, die Wände erhielten nicht einmal einen Kratzer.
„Vergeßt es, Sie haben Depolarisationsfelder errichtet. Mit diesen Dingern könnt ihr nicht mal mehr eine Kerze anzünden.“
Mit diesen Worten ließ sich Lamott auf den Boden sinken und verschränkte seine Hände hinter dem Kopf.
Hilfe konnte er von der Yokohama nicht erwarten, aber Wikland würde es auch sicher nicht gelingen, an Bord des anderen Föderationsschiffes zu gelangen. Das würden seine Freunde schon zu verhindern wissen. Er beschloß erst einmal sich zu entspannen und machte es sich auf dem Boden so gut es ging bequem, während seine Kumpane noch immer nach einer Schwachstelle in den Wänden und Verkleidungen suchten, die Sie jedoch nicht fanden.




Kapitel 14

Der Besprechungsraum der Alexandria, der neben der Brücke lag, war bis auf den letzten Platz belegt. Die gesamte Führungsriege hatte sich zur Lagebesprechung eingefunden. Unter ihnen waren Jaqueline Jefferson die Chefingenieurin, Sermin und Maxine Dent als Vertreter der Wissenschaftsabteilung, Ran Byrell der die Waffenkontrolle überwachte und Andy Duke, der Leiter der Sicherheitsabteilung und zweiter Offizier der Alexandria.
Roger van Dyke, der wie gewohnt den Platz neben dem des Captains eingenommen hatte, blickte in die Runde. Die Anwesenden hatten sich in zahlreiche Gespräche über die zurückliegenden Ereignisse versponnen und gaben Ihren Kommentar und die Einschätzung der Situation aus ihrer Sicht zum Besten.
Als sich die Tür zur Brücke öffnete verstummten nacheinander die Stimmen und alle blickten zu der Person, die den Raum betrat.
Wikland, dessen Körper die gesamte Türöffnung ausfüllte, stand wie ein Monument für eine Sekunde auf der Stelle, bevor er sich langsam in Bewegung setzte, um zu seinem Platz zu gelangen. Nachdem er sich am Kopfende des dreieckigen Tisches niedergelassen hatte, legte er ein PADD auf den Tisch und blickte seine Offiziere mit einer Mischung aus Neugier und Enttäuschung an.
„Meine Damen und Herren, ich habe diese Versammlung einberufen, um meinen Unmut darüber zu äußern, daß wir beim Schutz unseres Schiffes auf der ganzen Linie versagt haben.“
Wie immer nahm Wikland kein Blatt vor den Mund. Er war gradlinig und offen zu seiner Crew, was ihm durch hohe Loyalität gedankt wurde. Die Anwesenden ließen Ihre Köpfe leicht sinken.
„Ich möchte, daß die Sicherheitsvorkehrungen wieder verschärft werden. Bei allem Respekt und dem Zugeständnis was ich Ihnen gemacht habe...“ dabei blickte er Roger van Dyke an, der dem Captain erst auf der letzten Mission die ständigen Meldungen der militärischen Wachen auf der Brücke abgetrotzt hatte.
„...es kann einfach nicht angehen, daß sich hier Fremde auf dem Schiff frei bewegen und auch noch wichtige Systeme außer Kraft setzen.“
Damit hatte Wikland natürlich recht, auch wenn es nicht gerade ein Argument für mehr Wachpersonal war, wie durch den immer logischen vulkanischen Offizier Sermin sofort festgestellt wurde. „Sir, bei allem nötigen Respekt. Eine getarnte Person kann auch von einer Vielzahl von Wachoffizieren nicht gefunden werden. Keiner trägt ständig einen Trikorder mit Multiphasenscanner bei sich. Unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit...“

„Das ist mir auch bekannt...“ fuhr ihm Wikland unwirsch ins Wort. Obwohl der Captain sonst nicht die Ausführungen seiner Offiziere unterbrach, wollte er hier die Aufmerksamkeit auf einen ganz anderen Punkt richten. Er war verärgert über die eigene Blindheit, die anscheinend keiner der Crew durchbrochen hatte, bis es zu spät war.
„Worauf ich Sie alle hinweisen möchte ist, daß man nie vorsichtig genug sein kann. Wie wir am zurückliegenden Beispiel erkannt haben, muß man selbst der eigenen Flotte mißtrauen, wenn man nicht zweifelsfrei erkennen kann, daß alles in Ordnung ist.
Wir haben uns blenden lassen und es ist nur dem Zufall zu verdanken, daß wir noch rechtzeitig den Absprung geschafft haben. Übrigens, eine etwas ungewöhnliche, aber dennoch intelligente Idee von Ihnen Nummer Eins, uns auf die Gefahr hinzuweisen. Ich hoffe nur, daß diese flapsige Art nicht zur Gewohnheit wird. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, daß uns Ihre erweiterten Holodeckroutinen einmal so nützlich sein würden.“
Ein Schmunzeln spielte um die Lippen von van Dyke, als der Captain ihn wohlwollend anblickte.
„Aber nun zurück zum eigentlichen Problem. Ich hoffe alle Beteiligten haben sich von ihrem holographischen Tod wieder erholt und sind in der Lage mit brauchbaren Vorschlägen zum Ergebnis dieser Besprechung beizutragen.“
Wikland aktivierte das Wanddisplay und die Offiziere drehten sich um, damit sie den Ausführungen folgen konnten.
„Alles begann in dem Asteroidenfeld, welches offensichtlich eine Falle war. Auch wir sind dort hineingetappt und haben unsere Deflektoren und Schilde gesenkt, um möglichst wenig Staub aufzuwirbeln. In der ganzen Hektik und Konzentration auf die Asteroiden, ist uns der Transport der getarnten Person völlig entgangen und unbeachtet geblieben. Erst die Feststellung von Lt. Commander Jefferson hat uns auf die Notwendigkeit hingewiesen, etwas unternehmen zu müssen.“ erklärte Wikland den zusammenfassenden Bericht auf dem Display.
„Lt. Commander Jefferson, ich möchte, daß Sie sich etwas einfallen lassen, daß so eine Einflußnahme auf unsere Bordsysteme nicht noch einmal vorkommt. Auch wenn wir jetzt gewarnt sind, wer weiß wann so etwas Mal von einer internen Person versucht wird.“
Der verständnislose Blick aller Anwesenden traf Wikland, der sofort reagierte und hinterherschob.
„Natürlich bin ich nicht der Ansicht, daß sich ein Offizier dieser Crew hierzu hergeben würde, aber man weiß nie, wie das Leben so spielt.“
Mit dieser Abschwächung wollte Wikland den Stolz seiner Mannschaft wieder geraderücken, obwohl er gerade eben gegen besseres Wissen gelogen hatte. Ihm war sehr wohl klar, daß es auch unter den Offizieren der Sternenflotte Personen gab, die gegen äußere Angebote nicht immun waren und sich in den Dienst mancher ungerechten Sache stellten.
Die Stimme von Jaqueline Jefferson riß den Captain aus seinen Gedanken, die sich um abtrünnige Angehörige der Sternenflotte drehten.
„Captain, ich habe ihren Wunsch bereits vorausgesehen und die Kontrollen aller Systeme mit einer Integritätsschaltung versehen. Ein nicht autorisierter Eingriff wird nun automatisch durch den Computerkern erkannt und es wird Alarm geschlagen.
Die Tatsache, daß jemand unseren Eindringlingstransporter außer Kraft setzen würde, war bislang nicht berücksichtigt worden. Wie bei fast allen Systemen waren lediglich Schutzmaßnahmen für einen Angriff von außen implementiert. Im vorliegenden Fall wurde durch ein kleines Zusatzmodul eine Brücke in der Vernetzung der Systeme hergestellt, die dem Hauptcomputer signalisierte, alles sei in bester Ordnung.
In Wirklichkeit aber waren die Hauptrelais an der ODN Kupplung getrennt worden, so daß weder eine Erkennung von Fremden, noch ein Auslösen des internen Transporters initiiert wurde. Kurz gesagt, das System war lahmgelegt.
Das wirft allerdings eine interessante Frage auf: Woher kannte der Eindringling diese Technik? Diese Art von Transportern wird derzeit nur im Versuchszentrum der Sternenflotte und auf diesem Schiff eingesetzt. Es ist nicht nur die Tatsache, daß Ihm das Vorhandensein auf diesem Schiff bekannt war. Nein, er wußte genau wo er suchen mußte und war auch in der Lage die völlig neuen Systeme durch einen technischen Eingriff so geschickt außer Kraft zu setzen, daß wir nichts bemerkten.“

Andy Duke schüttelte verständnislos den Kopf. Gerade er als Leiter der Sicherheitsabteilung hätte hier mit seinem Team höhere Anforderungen erfüllen müssen. Alle Anwesenden waren von J.J’s Ausführungen total betroffen. Sie blickten sich gegenseitig an und überlegten, warum ihnen dieser Umstand bisher nicht bewußt geworden war. Aus diesem Blickwinkel hatte es bisher keiner betrachtet. Keiner, außer Wikland, der sich bereits seine Gedanken dazu gemacht hatte.

„Diese Frage habe auch ich mir schon mehrmals gestellt und es gibt darauf nur eine plausible Erklärung. Die Eindringlinge haben sich dieses Wissen über irgendwelche Kanäle von der Sternenflotte besorgt. Schließlich haben sie, was wohl als gesichert angesehen werden kann, die Yokohama geentert und die Kontrolle an sich gerissen.
Kein noch so gut ausgerüstetes Team übernimmt ein Schiff der Sternenflotte dieser Größe, auch wenn es, wie bei uns, ein nicht ganz erfolgloser Vorstoß war.
Fakt ist, man muß über viele detaillierte Informationen verfügen, bevor man einen Entertrupp in ein Schiff schickt, das über mehr als 152 Sicherheitsoffiziere verfügt und bei einer Besatzung von mehr als 1200 Frauen, Männern und Kindern ist die Wahrscheinlichkeit auch nur gesehen zu werden, schon ziemlich groß.“
Sermin blickte den Captain mit der ihm eigenen nichtssagenden Mine an, die kein Mensch einem Vulkanier nachempfinden konnte.
„Captain, Sie implizieren mit Ihrer Vermutung, daß die Gruppe von Piraten nicht nur über umfangreiches Wissen zum Schiff verfügte, sondern auch der Zeitpunkt am frühen Morgen direkt zum Schichtwechsel absichtlich gewählt wurde. Es ist nicht nachvollziehbar, daß irgendjemand Informationen über unsere derzeitigen Schichtpläne und die Crewgewohnheiten an diese Piraten weitergeben könnte.
Wir sind seit Monaten nicht mehr in der Nähe eines Raumdocks gewesen und auf Sternenbasis 491 waren keine Vertreter der freien Planeten anwesend. Zudem werden unsere Schichtpläne, aufgrund der individuellen Bedürfnisse der Besatzung, in regelmäßigen Abständen neu koordiniert. Woher sollten also all diese Informationen stammen?“

Wikland lehnte sich in seinem Sessel zurück und blickte in die erwartungsvollen Gesichter seiner Offiziere. Er hatte sich schon seine Gedanken dazu gemacht und war nach seiner Einschätzung zu der einzig logischen Antwort gekommen, die alle diese Fragen und Zufälle beantworten konnte. Er holte tief Luft, zog noch einmal seinen Jackenrand nach unten und begann:
„Nun, dann wollen wir doch mal rekapitulieren.
Also, die Alexandria schippert ruhig durch das All auf einer überaus wichtigen und für die Sternenflotte hochsensiblen Mission. Sie kartografiert Asteroiden und andere Staubpartikel bis sie....
ja, bis sie die Aufforderung erhält sich mit der Lakota zu treffen. Soweit so gut. Wie uns allen bekannt ist, lag der Grund dafür in der Durchführung unserer letzten Mission.
Neben der Lakota, die während der Anhörung ständig mit der Alexandria in Verbindung stand, hatten wir, wie Lieutenant Sermin richtig bekundete, keinen Kontakt mit fremden Kulturen. Auch unser Aufenthalt auf der Sternenbasis liegt schon einige Monate zurück und unsere Schichtpläne haben sich mit den dazugehörenden Anfangszeiten mehrmals geändert. Nach meiner Rehabilitation erhielt die Alexandria ganz plötzlich den Auftrag, sich um die Yokohama zu kümmern. Und jetzt raten Sie mal, wer diesen Auftrag empfohlen hat: die Kommission an Bord der Lakota.
Wer, außer jemand an Bord der Lakota hätte besser unsere Einsatzpläne erfahren können, Informationen über die Alexandria zusammentragen und weiterleiten können?“
Erneut breitete sich betretenes Schweigen im Besprechungsraum aus. Ein Schweigen, das sich keiner getraute zu durchbrechen.
Zu ungeheuerlich war die Vermutung, die der Captain hier vorgetragen hatte und doch, so schien es, war es die einzige plausible Erklärung, die auf die Fakten zutraf. Eine einzelne Stimme erfüllte den Raum, zunächst unsicher aber dann doch beharrlich.

„Wenn das so ist Captain, warum setzen wir dann nicht einen Subraumspruch zur Sternenflotte ab und warnen die Verantwortlichen?“ wollte Maxine Dent wissen.
Beipflichtendes Gemurmel unterstützte Ihre Frage und alle blickten Wikland an. Um so erstaunter waren die Offiziere, als Roger van Dyke das Wort ergriff.
„Nun, Sie sind sicherlich mit mir einer Meinung, daß wir nicht einfach ins Blaue schießen können. Wir benötigen schon einige handfeste Beweise, um unseren Verdacht zu untermauern. Wenn Sie jetzt an die vier Gäste denken, die unten in der Sicherheitszelle zur Verwahrung sitzen, vergessen Sie es gleich wieder.
Das sind nur Handlanger, die weder die Hintermänner noch die Drahtzieher kennen. Die helfen uns nicht weiter. Die einzige Möglichkeit hier Klarheit zu erlangen, ist die gesamte Sache aufzudecken. Und da ist noch eine klitzekleine Sache, über die Sie nachdenken sollten: Was ist eigentlich mit der Crew der Yokohama und was passiert nun mit dem Föderationsschiff in der Hand dieser Verbrecher?“

Rogers Frage führte zu einer leichten Unruhe im Raum.„Wir warten auf eine gute Gelegenheit und zerstören die Yokohama durch ein paar von den neuen Quantentorpedos. Wir werden Sie mit Mann und Maus einfach aus dem All pusten, wenn es nicht anders geht.“ erklärte Ran Byrell euphorisch, völlig eingenommen von seiner unerwarteten Eingebung.

„Ja, mit Mann und Maus, sowie mit Fähnrich O’Leary, Lieutenant Winters, Lt. Commander Pike und Crewman Baldwin.“ erwiderte Jadzia Lansu, die bislang ruhig auf ihrem Platz gesessen und die Argumente und Erklärungen mit den Erfahrungen Ihrer bisherigen Wirte verglichen hatte.
„Genau das ist der Punkt, Commander...“ erklärte Wikland und bedachte Ran mit einem kritischen Blick, der sich in der Erkenntnis seiner Fehleinschätzung in seinem Sessel klein machte.
„...es liegt nun in unserer Hand unsere Kammeraden und auch die Crew der Yokohama zu befreien. Das ist unsere verdammte Pflicht als treue Offiziere der Sternenflotte. Und da man mir gerade wieder einmal die Direktiven unserer Föderation um die Ohren geschlagen hat, werden wir auch danach handeln.
Also, ich erwarte Ihre Vorschläge. Und was die Kommunikation mit der Sternenflotte betrifft, ordne ich hiermit absolute Funkstille an.“
Damit stand Wikland auf und ging hinüber zum Replikator, um sich einen Softdrink zu holen. Schon nach wenigen Sekunden war er zurück und stellte sein Glas mit dem dunkelbraunen Inhalt vor sich auf den Tisch.
„Nun Captain...“ begann Andy Duke der Sicherheitschef und zweite Offizier der Alexandria,
„...vielleicht könnten wir eine ähnliche Taktik in Erwägung ziehen, wie die Piraten. Wir könnten ein Sicherheitsteam in einem entlegenen Frachtraum der Yokohama materialisieren und von dort die Crew überraschen. Nachdem wir einige wichtige Systeme ausgeschaltet und die vermutlich festgehaltene Crew befreit haben, wäre es ein Leichtes, den Rest der Piraten durch die Sicherheitsmannschaft festsetzen zu lassen.“
Die anderen am Tisch nahmen diesen ersten Vorstoß mit nachdenklicher Mine auf. Maxine Dent, die stellvertretende Leiterin der Wissenschaftsabteilung berührte die Sensorfläche im Tisch und legte damit die Ergebnisse der Abtaster auf den Wandbildschirm.
„Unsere Sensoren zeigen, daß sich insgesamt 44 Personen an Bord der Yokohama aufhalten. Es sind keine Kommunikator-IDs dabei. Das bedeutet für uns, wir müssen davon ausgehen, daß die Crew nicht mehr an Bord ist. Eine Mannschaft von mehr als 220 Männern und Frauen unterzubringen und unter Kontrolle zu halten wäre auch für die Piraten sehr schwer.
Aber ein weiterer Grund ist viel gewichtiger und er stört ihren Plan ganz immens. Die Yokohama hat ihre Schilde aufgebaut und da kommen Sie nicht durch, zumindest nicht ohne bemerkt zu werden. Unser Spezialtransporter kann zwar mit kleinen Anpassungen durch die Schilde der Yokohama beamen, aber die Brückenmannschaft wüßte im selben Moment schon, wo sie materialisieren und würde sie hops nehmen, bevor Sie ihre Waffe entsichert haben.“
Corbal Mor, der Trill, hatte bislang geschwiegen, doch die Erinnerungen, die ihm sein Symbiont bei dieser Diskussion in den Kopf schickte, ließen ihm keine Ruhe.
„Captain, auch wenn ich noch nicht allzu große Erfahrungen in Kampf- und Entertaktik habe, so hat einer meiner früheren Wirte, Serinok Mor, doch eine ähnliche Situation erlebt und ich muß sagen, die Erinnerungen daran sind nicht gerade erfreulich. Es liegt schon viele Jahre zurück, aber auch damals wurde ein Siedlerschiff geentert, beraubt und für andere Zwecke mißbraucht.
Serinok Mor begleitete das Außenteam, um die technischen Systeme lahmzulegen. Das Ganze hat in einem Desaster geendet und mein früherer Wirt konnte nur durch einen Zufall entkommen und überleben. Lassen Sie es mich wissenschaftlich ausdrücken. Wenn sich in einer mathematischen Formel so viele Unbekannte befinden würden, wie wir sie für die vorliegende Situation vermuten, würde ich für die Richtigkeit des Ergebnisses aus dieser Rechnung keinen Streifen Latinum verwetten.“
Wikland nahm einen langen Zug seines Erfrischungsgetränkes und stellte sein Glas fast lautlos wieder auf den Tisch.
„Ich verstehe was Sie damit sagen wollen Commander. Um ehrlich zu sein, mir behagt dieser Vorschlag auch nicht. Ich bin zwar ein Kämpfer, aber es muß nicht unbedingt ein Kampf mit verbundenen Augen sein. Welche anderen Optionen haben wir noch?“
Es widerstrebte Wikland die Vorschläge seiner Führungsoffiziere abzuweisen, aber er war sich sicher, daß noch ein anderer Weg existieren mußte. Konzentriertes Schweigen füllte den Raum für annähernd eine Minute, dann meldete sich die Chefingenieurin zu Wort.
„Wir könnten die Antriebe durch einige gezielte Schüsse unbrauchbar machen und die Sternenflotte kontaktieren, die uns dann mit weiteren Schiffen unterstützt.“ sagte J.J. und blickte einmal kurz in die Runde.
Der Captain nickte zögernd mit dem Kopf. Das war zumindest eine Möglichkeit, das Schiff am Verschwinden zu hindern. Aber es brachte sie auch kein Stück weiter in der Frage, was denn nun mit der ursprünglichen und rechtmäßigen Crew geschehen war.
„Ich weiß nicht, ob wir damit viel gewinnen...“ erwiderte Roger van Dyke,
„...schließlich sind auch noch einige unserer Kollegen an Bord und keiner weiß, was die mit ihnen anstellen, wenn wir das Feuer eröffnen. Außerdem müssen wir davon ausgehen, daß ihr Kommunikationssystem nicht so beschädigt ist, wie sie es uns glauben machen wollten. Wenn sie nun um Hilfe ersuchen, dreimal dürfen Sie raten wer eher da ist, die Sternenflotte oder die Piraten?
Nein. wir müssen unseren Vorteil nutzen. Die anderen wissen noch nicht, daß wir Ihre Vorhut überwältigt haben und glauben sich in Sicherheit. Hier müssen wir ansetzen und diesen Vorteil zum Teil unserer Taktik machen.“

Zustimmendes Gemurmel erfüllte den Raum, und Captain Wikland mahnte nach einigen Sekunden zur Disziplin.
„Haben Sie eine bessere Idee Commander, dann lassen Sie uns an Ihrem Wissen teilhaben.“
Roger bemerkte die zunehmende Gereiztheit in der Stimme des Captains. Auch seine Gestik hatte sich in den vergangenen Minuten deutlich verändert. Roger mußte vorsichtig vorgehen wenn er seine gewagte Idee nun präsentierte.
„Doktor, gibt es ein geruchsneutrales Gas, welches innerhalb von Sekunden in der Lage ist, jedwede Spezies ins Land der Träume zu versetzten?“
Lt. Commander Lee Sun Chi, die stellvertretende Schiffsärztin, die Darian Wells, den leitenden Arzt der Alexandria in seiner Abwesenheit auch bei den Besprechungen vertrat, warf Roger einen tödlichen Blick zu.
„Commander, falls Sie es vergessen haben sollten, die chemische Kriegsführung wurde auf der Erde schon zu Beginn des 21. Jahrhunderts abgeschafft. Ich weigere mich, einen solchen Vorschlag auch nur in Erwägung zu ziehen!“ zischte sie schnippisch.
Der Captain wußte zwar noch nicht, wohin dieses Spiel führen sollte, aber er wollte zumindest den Rest des Vorschlages hören.
„Doktor Sun Chi, hier handelt es sich nicht um einen Aprilscherz. Vier unserer Leute werden auf der YOKOHAMA von Piraten festgehalten, die dieses Schiff der Sternenflotte geentert und die Crew wahrscheinlich verschleppt haben. Diese Leute mißachten alle interstellaren Gesetze und geben einen feuchten Kehricht auf Ihre Vorschriften. Aber diese Piraten verlassen sich darauf, daß wir all diese Regeln einhalten. Also, beantworten Sie die Frage, Ihre Einwände können Sie bringen, wenn der Plan auf dem Tisch liegt.“
Lee rutschte unbequem auf Ihrem Stuhl herum,
„Ja, es gibt eine Substanz, die diese Eigenschaften besitzt und annähernd jeden Organismus in Sekundenschnelle lähmt. Aber nur die kleinste Ungenauigkeit bei der Dosierung und alle sind in Walhalla.“ erklärte sie immer noch widerwillig.
„Commander, bitte weiter.“ Damit blickte Wikland seinen ersten Offizier an und hing an seinen Lippen, um die nächsten Worte möglichst als erster zu erhaschen.
„Ein weiterer technischer Punkt ist hier von Wichtigkeit, der Rest ist eigentlich ganz einfach, im Prinzip schon lange Geschichte. Commander, wäre es möglich, dieses Gas schnell und gleichzeitig auf dem ganzen Schiff zu verteilen?“
Damit schaute Roger J.J. direkt in die Augen. Jaqueline Jefferson wußte, das dies, aus dem Mund von van Dyke, eigentlich nur eine rhetorische Frage war, denn er hätte ohne weiteres selbst die hierfür nötige Technik erklären können. Dennoch richtete sie sich ein wenig auf und gab die gewünschte Antwort. „Ja, ich denke das dürfte kein Problem sein. Mit etwas Geschick könnte man die Oxygentanks für die Notfall- Kompressionsanlage mit einer entsprechenden Mischung füllen und dann einen Druckverlust im Schiff vortäuschen, der zur sofortigen Flutung aller Decks durch diese Versorgungsleitungen führt.“
Sun Chi sprang von ihrem Platz auf,
„Ich weigere mich, eine solche Aktion zu unterstützen, mein hippokratischer Eid...“

„Ihr hippokratischer Eid hat hiermit überhaupt nichts zu tun
Lt. Commander Sun Chi. Unsere oberste Prämisse lautet zurzeit, unsere Leute zu retten und das Eigentum der Sternenflotte sicherzustellen. Nicht mehr und nicht weniger.
Wir wollen die Gegner nicht umbringen, sondern nur ins Land der Träume schicken, auch wenn das bedeutet, daß unser Technikerteam dort drüben morgen vielleicht einen Kater hat. Wenn wir uns für diese Variante entscheiden, dann erwarte ich, daß Sie die notwendigen Freigaben erteilen, ist das klar?“
Wiklands unnachgiebige und ärgerliche Stimme hatte den Raum durchschnitten wie ein Blitz.
Die Asiatin war so erschrocken, daß sie unvermittelt zusammengezuckt war und auch einigen anderen Crewmitgliedern war ein eiskalter Schauer den Rücken herunter gelaufen. Langsam ließ sie sich wieder auf ihrem Platz nieder, sich der Blicke aller anderen bewußt.
„Ich glaube Sie müssen sich gar nicht aufregen Doktor...“ bemerkte Sermin mit seiner wie immer kalten und gefühllosen Logik.
„...um diesen Plan umzusetzen, müßte ein fünfköpfiges Team aus Ärzten und Technikern auf die YOKOHAMA beamen und die Chancen für ein solches Unternehmen haben wir bereits vorhin als äußerst gering eingeschätzt. Unser Technikerteam ist auf der YOKOHAMA mit Sicherheit inhaftiert worden und es besteht somit keine Möglichkeit, mit ihnen zu kommunizieren um den Plan zu erörtern.“
Wikland blickte seine Nummer eins amüsiert an, er hatte den Plan schon längst durchschaut, aber anscheinend hatten einige seiner Offiziere nicht allzuviel für Geschichte übrig.
Wikland war ein genialer Taktiker und ebenso wie van Dyke hatte auch er jedes noch so abwegige erfolgreiche Unternehmen von Offizieren studiert, welches im Laufe der Zeit den Weg über die Logbücher zu den Archiven der Sternenflotte gefunden hatte.

„Genau...“ sagte er und ließ die anderen aufhorchen.
„..Sie haben recht Commander. Es braucht mindestens fünf Leute, aber keiner hat etwas von hinüberbeamen gesagt. Wir machen das von hier aus. Der Vorschlag ist akzeptiert. Nummer eins, koordinieren Sie alles nötige. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie soweit sind.“
Damit stand der Captain auf, nahm den letzten Zug aus seinem Glas und verließ den Raum. * * *„Wie lange noch?“ tönte die harte Stimme über die kleine Brücke. Der junge Mann, der die Station des Navigators überwachte, drehte sich mit seinem Stuhl um und blickte die dunkle Gestalt an, die im hinteren Teil der Brücke gerade aus dem Turbolift getreten war.
„Sie sind erst seit 25 Minuten drüben, beruhigen Sie sich.“
Die Ungeduld war dem Mann in der mönchsgleichen Kutte allein schon an seiner Gestik und seinem Gang anzumerken. Hart klangen seine Schritte, wenn die schweren schwarzen Stiefel auf die Bodenbeplankung der Brücke auftrafen.
„Sie haben sich doch schon gemeldet und uns gesagt, daß sie die Brücke eingenommen haben. Es dauert einen Moment, selbst wenn alle Kontrollen zentralisiert sind, muß erst ein Bereich gesichert werden, von dem unsere Leute die restliche Crew überraschen und deportieren können. Das läßt sich am einfachsten mit den schiffsinternen Transportersystemen erledigen.
Aber dort drüben sind immerhin 1209 Individuen und viele von ihnen tragen keinen Kommunikator. Die sind nicht so einfach zu lokalisieren. Im übrigen ist das nicht das erste Mal, daß wir so etwas machen. Wie Sie wahrscheinlich unschwer erkannt haben, ist dies hier auch ein Schiff der Sternenflotte und höflich ausgedrückt: Was bei einem in der Familie klappt, damit fängt man auch die Brüder und Schwestern!“
Der Fremde in der Kutte trat nach vorne und ließ sich in den Platz den Captains sinken. Trotz seiner Ungeduld und Zweifel hatte er schon jetzt den Geschmack des Erfolges auf der Zunge und war versucht, diesen in vollen Zügen auszukosten.

„Sehen sie zu, daß die da drüben fertig werden. Wir benötigen dieses Schiff so schnell wie möglich. Das Zentralkomitee hat mich jetzt schon zum dritten Mal kontaktiert, um Einzelheiten zu erfragen. Ich muß umgehend eine Vollzugsmeldung abliefern. Denken Sie daran, daß Sie hier an Bord nur deshalb geduldet werden, weil wir diese Technik benötigen und schaffen Sie mir Imasov her, sofort!“ fuhr er den jungen Burschen an der Navigationskonsole an, der normalerweise auf den Namen Raikos hörte.
Dem Fremden unter der Kutte schien das egal zu sein. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die Namen der Crew zu behalten, für ihn waren sie ohnehin nur Abschaum. Nur widerwillig gab Raikos seinen Platz auf, um in Richtung Turbolift zu verschwinden. Es war ihm ganz und gar nicht recht, daß sich dieser Gast hier eingenistet hatte. Seine Überheblichkeit und Impertinenz überstieg das Maß an Toleranz, welches er bereit war, solchen Personen entgegenzubringen.
Üblicherweise führten sie ihre Angriffe immer nur in Eigenregie durch. Ihre Taktik war intelligent, ausgereift und perfekt geplant. Dieser selbst ernannte Führer war nur deshalb auf dem Schiff, weil es seine Regierung bereits bezahlt hatte und man es für dieses sehr gewagte Manöver unbedingt benötigte.

Was Raikos aber am meisten störte war die Geheimnistuerei, die um diesen Kuttenmenschen verbreitet wurde. Er trug stets diese lange, bis zum Boden reichende Kutte, hatte die Kapuze immer tief heruntergeschlagen und hielt immer einen nicht geringen Sicherheitsabstand zu den Personen an Bord. Keiner seiner Leute hatte bislang das Gesicht des Fremden erkennen können. Nur seine Stimme und der Tonfall, die befehlende Art, kamen ganz besonders Raikos sehr bekannt vor.
Er hatte diesen Klang schon oft in den Ohren gehabt und dennoch fiel es ihm schwer, diese besondere Sprachgewohnheit einzuordnen. Er war inzwischen an dem Quartier angekommen, in dem sich Toma Imasov sein temporäres Domizil eingerichtet hatte. Das Schild, welches die Aufschrift ‘Raum des Captains: Edward Griendling’ trug, hatte für ihn keinerlei Bedeutung. Raikos drückte den Türkontakt und wartete darauf, daß sich die Tür öffnete.
Imasov wurde durch den Signalton recht unsanft aus seinen lebhaften und angenehmen Träumen gerissen. Er setzte sich benommen auf und warf einen kurzen Blick auf das unbekleidete Mädchen, das neben ihm noch immer im festen Schlaf lag und deren wohlgeformter Rücken von der zurückgeschlagenen Decke entblößt worden war. Ein Lächeln huschte über Imasovs Gesicht, als das Türsignal ein weiteres Mal ertönte während er sich einen Morgenmantel überstreifte und mit flachen Schritten zur Tür schlurfte.
„Herein, was gibt es denn so wichtiges?“ Die Türhälften glitten auseinander und Raikos betrat das Quartier. Es sah ziemlich verwüstet aus. Eine Eigenart, die ihm schon oft an den Räumen aufgefallen war, die Imasov für seine Aufenthalte genutzt hatte. „Unser Gast wünscht Sie dringend zu sehen, er wartet auf der Brücke.“
Raikos bemühte sich seiner Meldung einen freundlichen Unterton zu geben, was ihm jedoch mißlang. Es hörte sich eher nach einer Beschwerde an und das war auch der Eindruck, der sich Imasov aufdrängte.
Was fiel diesem Kerl eigentlich ein, sich hier wie der Chef aufzuspielen. Diese Mannschaft hörte nur auf Ihren Anführer, der momentan auf dem anderen Schiff die nötigen Aufgaben verrichtete und im Zweifelsfall nahm der zusammengewürfelte Haufen aus Ingenieuren, wissenschaftlich begabten Frauen und Männern, den wenigen militärisch geschulten Kämpfern sowie den zwei Medizinern auch einmal Anweisungen von Ihm entgegen, aber der Fremde hatte hier keine Befugnisse.
Es war ohnehin ein großes Zugeständnis, daß er ihn mitgenommen hatte. Dies war nur der Tatsache zu verdanken, daß die Yokohama Teil des Plans und wichtigstes Instrument für diesen Einsatz war.
Imasov war versucht den jungen Navigator wieder zurückzuschicken, um ausrichten zu lassen, daß er bald nachkomme. Er überlegte es sich jedoch anders, schlüpfte in eine der achtlos hingeworfenen Hosen und zog einen weiten Pulli darüber, nachdem er den Morgenmantel an Ort und Stelle hatte fallen lassen. Gemeinsam schritten Sie durch den Flur zum nahen Turbolift.
Imasov war sichtlich verärgert und entsprechend geladen. Das nun folgende Gespräch würde mit Sicherheit nicht gerade ein unbefangener Kneipenplausch werden. Mit einem leichten Zischen schlossen sich die Türen der Liftkabine und der Turbolift fuhr zur Brücke.


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