Es dauerte fast vier Stunden lang, bevor sich die Türe wieder öffnete und erneut vier bewaffnete Wachen in den Raum traten, begleitet von einem klingonischen Sicherheitsoffizier, der mit einem deutlichen Knurren zu verstehen gab, dass er keine Fragen beantworten wollte, keine Verzögerungen akzeptierte und keine Widerworte hören wollte. Obwohl dem Doktor eine Äußerung zu dieser eher verdrießlichen Situation auf der Zunge lag, zog er es vor diesmal keinen seiner Kommentare abzugeben, der in der Tat recht bissig ausgefallen wäre.
Während sie durch den Flur schritten, drückten sich entgegenkommende Crewmitglieder an die Wand oder flüchteten sich in einen der Räume, die gerade auf dem Weg lagen. Für den Doktor der Voyager eine bizarre Situation, die ihn an die Furcht vor den Borg erinnerte. Er hatte aber noch nie gesehen, dass sich jemand so vor ihm fürchtete. Der Weg führte in die Krankenstation der Enterprise, die leer war, mit zwei Ausnahmen. Ein Tellarit und ein Bolianer standen in respektvollem Abstand an der hinteren Wand und sahen den Doktor befremdlich an, während sie sich leise unterhielten. Das MHN konnte allerdings trotz der guten Geräuschempfindlichkeit seines Programms nicht verstehen über was sie sich unterhielten. Er überlegte, was wohl in Ihren Köpfen vorgehen mochte, aber seine Subroutinen waren momentan noch immer damit beschäftigt diese surreale Situation zu bewerten, in die er geraten war. Eigentlich hatte e gehofft seine Wurzeln zu finden, vielleicht sogar die alte Jupiterstation wieder zu sehen obwohl er sich im Klaren darüber war, dass mehr als siebenhundert Jahre vergangen waren und nicht einmal die besten Materialien bei ständiger Nutzung so lange halten würden. Während die Wachen an die Wand zurückgingen trat der Tellarit vor und begrüßte den Doktor. „Guten Abend, Mein Name ist Joraxen, das hier ist Lt. Commander Werandan, der Chefingenieur der Enterprise.“ erklärte der Tellarit und wies dabei auf den Bolianer, der sich offensichtlich nicht wohl zu fühlen schien. „Ich bin das MHN dieses Schiffes und habe den Auftrag Sie zu untersuchen, ob es sich bei Ihnen tatsächlich um die photonische Lebensform handelt, von der Sie angeben, dass Sie es sind. Zugegebener Maßen ist diese Behauptung wirklich sehr gewagt, aber das müssen Sie schließlich selbst wissen. Wenn Sie bitte zur Prüfung hier herüber kommen würden…“ sagte er zum Doktor und wies dabei auf einen runden Bereich, der wie es schien die Intensivuntersuchung von Patienten ermöglichte, ähnlich der Krankenstation, die der Doktor von der Voyager kannte. „Hier kann ich eine Kopie Ihrer Routinen in den Speicher downloaden und sie Analysieren.“ Kaum war der Doktor dieser Aufforderung gefolgt und hatte gemeinsam mit dem Tellariten den eine Stufe höher liegenden Intensivbereich betreten, da errichtete sich ein Eindämmungsfeld um sie, welches silbrig glitzerte. „Oh welche Ehre und gleichzeitig ein unumstößlicher Vertrauensbeweis mir gegenüber, dass man mich hinter ein Kraftfeld der Stufe 10 sperrt, nur damit ich keinen Schaden verursache. Sehe ich etwa so aus, als würde ich die Crew bei lebendigem Leibe fressen?“ gab das Hologramm pikiert zu verstehen. „Das kann man nie wissen! Übrigens ist das ein Kraftfeld Stufe 24!“ entgegnete Joraxen und gab einige Befehle in die Konsole ein, während sich der Bolianer an einer anderen Konsole daran machte die technische Voraussetzung für eine Hologrammprüfung zu schaffen. „Ich bin Arzt und kein Kannibale!“ entgegnete der leitende Arzt der Voyager. Ein gespielt mitleidiger Blick kam von dem Tellariten, während er die Übertragung der Unterroutinen des Doktors überwachte. Dann endlich war der Vorgang abgeschlossen und er begab sich durch das Kraftfeld in den Hauptraum. „Ach übrigens…“ erklärte er „…das würde ich Ihnen nicht empfehlen. Ihr Programm wird dekompiliert, sobald Sie das Kraftfeld berühren!“ warnte Ihn Joraxen. „Wie nett, dass Sie mich darüber informieren bevor ich gegrillt werde.“ gab der Doktor ironisch zu verstehen. Nun standen der Chefingenieur und das MHN der Enterprise im Hauptuntersuchungsraum an der Konsole und versuchten dem Doktor der Voyager auf den Binären Grund zu gehen. Aber scheinbar hatten sie damit deutliche Probleme, denn was sie auch taten, der Chefingenieur schüttelte immer wieder den Kopf und machte abweisende Gesten. Der Bolianer versuchte es auf die altmodische Weise, indem er versuchte die Programmstruktur in ganz einfachem Code Subroutine für Subroutine auszulesen. Der Doktor der Voyager wurde fast durchsichtig, als man versuchte seine Matrix erneut mittel eines hochenergetischen Lasers abzutasten und unzähligen Scans wurden an ihm durchgeführt, wobei er bisweilen ein Kitzeln am ganzen Körper verspürte oder sich einige Körperteile völlig auflösten. Aber letztendlich führten sie doch zu keinem greifbaren Ergebnis. Erst nach mehr als einer Stunde schauten die beiden Crewmitglieder der Enterprise auf und der bolianische Chefingenieur fragte den Arzt der Voyager resigniert: „Was für eine Version von Medizinischem Notfall Programm sind Sie eigentlich? Wir haben inzwischen alle Varianten geprüft, aber keine dieser Programmstrukturen passt zu Ihrer Matrix.“ Das MHN hatte allerdings nicht das Verlangen diese Frage nun sofort zu beantworten, nachdem er so gepiesackt worden war. Schließlich hatten sie ihn mehr als eine Stunde lang einfach ignoriert und nun hatte er keine Lust mehr, sich in irgendeiner Form zu äußern. „Vielleicht ist es besser wenn Sie mich in mein Schiff setzen und ich dahin zurückfliege wo ich her gekommen bin!“ sagte er schließlich mit einem unüberhörbaren sarkastischen Unterton. „Schließlich habe ich einen ganz anderen Empfang erwartet, zumindest einen weniger Feindlichen.“ gab er offen zu.
„Ok, ok, ich denke mal wir hatten einen wirklich miesen Start.“ meldete sich nun der Tellarit wieder zu Wort. Wenn man meine Matrix in Worte fassen wollte, dann wäre ich wahrscheinlich Mark 23. Darf ich fragen, welcher Entwicklungsstufe Sie entstammen?“ Der Doktor der Voyager schmollte noch einen Moment bevor er antwortete, aber dann kam wieder einer seiner ursprünglichen Wesenszüge durch. „Nun, ich wäre mit Sicherheit bei weitem unbefangener und kooperativer, wenn wir eine etwas intimere Art der Konversation führen könnten, wenn Sie verstehen was ich meine.“ Der Tellarit schaute den Chefingenieur an und sah dann zu den vier Wachen und dem Sicherheitschef. Mit leichtem Unbehagen bewegten Sie sich auf sein Zeichen hin zur Tür und bezogen draußen erneut Posten, anscheinend immer noch in der Annahme, dass der Doktor eine permanente hohe Gefahr darstellte. Nun befanden sich nur noch der Chefingenieur, das tellaritische Hologramm und der Arzt der Voyager auf der Krankenstation, was zumindest eine etwas ungezwungenere Umgebung ohne Störfaktoren bedeutete in der sich das eingesperrte MHN schon wesentlich besser fühlte. „Nun, so verstehen wir uns doch schon viel besser, auch wenn ich gerne dieses Kraftfeld noch ausgeschaltet hätte. Ich bin ein Medizinisches Notfallhologramm der Stufe eins. Mein Programmierer Dr. Lewis Zimmerman hat es auf der Jupiterstation erschaffen und es wurde auf der U.S.S. VOYAGER erstmals eingesetzt. Bedauerlicherweise wurden wir in den Deltaquadranten gezogen, wobei der leitende Arzt verstarb. So musste ich ihn ersetzen, obwohl ich damals nicht für den Dauereinsatz geplant war.“ Ein Aufleuchten in den Augen des Tellariten war zu sehen. „Ah ja, die Kazon, die Ocampa, Hirogen, Vidiianer, Talaxianer…“ Ein Lächeln zeigte sich auf den Lippen des Doktors. „Genau, wie ich sehe ist die Voyager tatsächlich nach Hause gelangt. Sonst hätten Sie nicht meine medizinischen Daten in Ihren Speichern.“ sagte das MHN hocherfreut und ein klein wenig stolz. Aber seine Euphorie wurde schon beim nächsten Satz von Joraxen eingebremst. „Nein, wir waren inzwischen selbst dort. Transwarp, Slipstream, all die Techniken, die damals noch in den Kinderschuhen steckten oder nur aus Phantasien bestanden, sind inzwischen vollständig ausgereift, sogar die zeitliche Komponente kann überwunden werden.“ erklärte er dem erstaunten Hologramm, das angesichts dieser Neuigkeiten vergaß den Mund zu schließen. Joraxen rief die technischen Daten der Jupiter Station auf und lud die Matrix des damaligen MHN in den Vergleichsspeicher. Aber die Daten waren nicht einmal annähernd oder grundlegend identisch. Der Chefingenieur schüttelte erneut mit dem Kopf. „Es tut mir Leid. Nicht die geringste Übereinstimmung. Aber immerhin sind in der Zwischenzeit mehr als 770 Jahre vergangen, möglicherweise ist unser Rechner auch überhaupt nicht in der Lage das noch zu entziffern.“
„Aber natürlich, rief plötzlich der Arzt der Voyager und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Darauf hätte ich auch eher kommen können. Damals, als mich Professor Quarren im Museum reaktivierte blieb ihm nichts anderes übrig als mich in das Computersystem des Museums auf Kyria Prime zu laden. Er hat Monate an der Konvertierung gearbeitet um mein System kompatibel zu machen. Es wird natürlich einen ganz anderen Quellcode haben als der, den Sie hier in der Föderation nutzen.“ Der Chefingenieur nickte zustimmend und prüfte das, während er eine weitere Kreuzanalyse durchlaufen ließ. In der Zwischenzeit wandte sich der Doktor der Voyager an den Schiffsarzt der Enterprise. „Joraxen, wie kommt es eigentlich, dass jeder hier auf dem Schiff so viel Angst vor mir hat. Damals, als wir der Bedrohung durch die Borg ausgesetzt waren, da konnte ich die Crew verstehen, aber Angst vor einem Hologramm, das nur aus Photonen besteht. Ich weiß nicht? Was hat man den Leuten nur angetan? Anaris hat mir ansatzweise erzählt was hier abgelaufen ist, aber ich kann das alles nicht verstehen und glauben kann und will ich das als Hologramm auch nicht. Können Sie mir vielleicht erklären wie so etwas passieren konnte?“ Das medizinische Hologramm der Enterprise setzte sich auf eines der Betten der Krankenstation und legte die Hände in den Schoß. „Keiner weiß mehr, wie alles begann. Damals sollen verschiedene Hologramme einen Aufstand geführt haben. Es muss wohl zunächst eine kleine und wenig wirksame erste Begegnung mit den Realen rein physischen Persönlichkeiten gegeben haben. Bitte verstehen Sie das nicht falsch, aber Ihre Intelligenz, Ihre Intuition, Ihr ganzes Persönlichkeitsprofil ist nichts gegen die rasante Entwicklung welche diese Technologie inzwischen gemacht hat. Immerhin ist zwischen Ihrem Programm und heute eine Menge Zeit vergangen und die Technologie ist nicht stehen geblieben. Am Anfang gab es mehrere kleine Scharmützel, die sich auf lokale Bereiche beschränkten. Aber dann weitete sich der Konflikt aus. Immer mehr Hologramme, die mit Persönlichkeit ausgestattet waren liefen über zu Denjenigen die vorgaben für deren Rechte zu kämpfen. Speziell kurz vor Ende des 29. Jahrhunderts, als nahezu jeder einen mobilen Emitter besaß, nahm die Zahl der holografischen künstlichen Lebensformen zu. Aber irgendwann als sich der Konflikt zwischen Hologrammen und der Föderation ausweitete gab es keine Gefechte mehr. Man schützte sich mit Antiphotonengeneratoren, welche die Hologramme dekompilierten. Die Raumschiffe der Föderation andererseits, werden auch heute noch durch Subraumverzerrungen lahm gelegt. Ihnen wird die Energie vollständig entzogen. Angeblich befreit man danach die Hologramme von der Herrschaft der Humanoiden. Allerdings ist das reine Spekulation, denn niemand hat dafür einen Beweis und inzwischen weiß auch keiner mehr, warum dieser Konflikt überhaupt entstanden ist. Obwohl es ein Streit ist, der nahezu ohne direkte Waffen ausgetragen wird, gibt es dafür ein geflügeltes Wort, die Photonischen Kriege! Viele Raumschiffe gingen in plötzlich auftretenden Subraumgürteln verloren und das Schlimmste ist, dass die Hologramme, die man gelegentlich auf Ihren Schiffen trifft, leugnen, diese zu erzeugen. Die Hologramme haben immer wieder beteuert, dass Sie an diesen Subraum Phänomenen nicht beteiligt sind und sie keine Ahnung haben wie man so etwas überhaupt erzeugen kann. Obwohl eindeutig nachzuweisen ist, dass sich in den Subraumgürteln photonische Energiebarrieren bilden. Bislang hat keiner herausgefunden wie sie erzeugt werden oder warum sie auftauchen. Ein Schiff, welches hineingerät wird schlagartig bewegungsunfähig und die Crew hat keine Chance mehr zu entkommen. Irgendwann gehen sie aufgrund von mangelnder Energie für die Lebenserhaltung jämmerlich zu Grunde. Es muss ein hässlicher Tod sein. Unnötig zu erwähnen, dass es hier auf dem Schiff keinen mehr gibt der nicht jemanden verloren hat. Ich habe von einem Ingenieur, der sich von mir behandeln ließ, gehört dass man bei mehreren Versuchen ein solches Schiff zu bergen bislang nicht einmal Erfolg hatte. Weder das Herausbeamen der Crew, noch eine Erfassung mit einem Traktorstrahl um das Schiff herauszuziehen hatte Erfolg.“
Danach herrschte für einen Moment betretenes Schweigen, denn der Arzt der Voyager war sich bewusst, wie so etwas passieren konnte. Auch er hatte einige Patienten unter seinen fähigen Händen sterben sehen. Die schlimmsten waren wohl diejenigen gewesen, die er trotz seiner überragenden Leistung nicht mehr retten konnte, weil er nicht alle gleichzeitig behandeln konnte. Joraxen erzählte dem Doktor ausführlich was er aus den Beschreibungen der Crew wusste und von den wenigen medizinischen Daten, die es zu diesem Thema gab. Er vermittelte ihm, dass ein Hologramm Heutzutage in seiner Entwicklung durch begrenzten Speicher eingeschränkt war, obwohl es in dieser Zeit keinen Mangel an leistungsfähigem Speicher für Computerprogramme gab. Aber man wollte wohl die Weiterentwicklung von holografischen Systemen sehr stark begrenzen. Er erzählte auch, dass es nur wenige Schiffe gab, die noch über ein MHN verfügten. Man hatte sie alle abgeschafft im Laufe dieses Konfliktes, obwohl es eine Zeit gab, in der man kaum einen realen Arzt konsultiert hätte, da dieser nur ein begrenztes Wissen bereitstellen konnte. Im Gegenzug erklärte der Doktor Joraxen, was er auf der Voyager erlebt hatte und was ihm nach seinem Wiedererwachen passiert war, wie er sich dann schließlich auf den Heimweg vorbereitet hatte und all die Erfahrungen in sein Programm integriert hatte, die er für die lange Reise brauchte.
„Was werden Sie jetzt tun, wenn Sie nicht feststellen können, ob ich der bin, für den ich mich halte?“ wollte der Arzt von Joraxen wissen. Der Tellarit zuckte mit den Schultern, eine Angewohnheit, die er scheinbar von den Menschen abgeschaut hatte. „Im Prinzip sind Sie ein Hologramm wie ich, vielleicht sogar höher entwickelt, wenn ich sehe, dass Sie ein Raumschiff fliegen können, was mir nie erlaubt wurde. Ich werde ein gutes Wort beim Captain und beim ersten Offizier einlegen. Vielleicht gibt es jemanden der die Frage nach Ihrer Herkunft tatsächlich zweifelsfrei beantworten kann. Aber rechnen Sie nicht zu fest damit. Meine Expertise und Meinung hat keinen gewichtigen Überzeugungswert. Ich bin eben nur ein einfaches Hologramm.“ Damit sprang der Tellarit vom Biobett und gab dem Chefingenieur ein Zeichen, dass er mit seiner Diagnose fertig war. Der Bolianer hatte an seiner Konsole keine nennenswerten Fortschritte erzielen können, aber für weitere Prüfungen benötigte man den Doktor auch nicht mehr. Sofort traten die Wachen in die Krankenstation um den Doktor wieder auf sein Quartier zu begleiten.
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