Kapitel 42
Die große Sporthalle lag im Licht der Scheinwerfer, die das Spielfeld hell erleuchteten. Die Halle, die einen Durchmesser von annähernd 10 Metern hatte, besaß einen, dem achteckigen Spielfeld entsprechenden Grundriß.
Jede Wand war mit einer anderen Farbe versehen und auf dem Boden verlief die jeweilige Farbe bis zum Mittelpunkt des Raumes spitz zulaufend. Die Decke war ebenso gestaltet. So kamen sich die Spieler vor, als würden Sie in einem riesigen Kuchenstück stehen.
Das Spiel Set-Ball war eine Abwandlung von Squash, einem schnellen Spiel, welches mit einem Schläger und einem kleinen Ball noch heute auf der Erde gespielt wurde. Es kam darauf an, den Ball mit dem Schläger in ein gegnerisches Feld zu befördern. Allerdings war es hier möglich, mit mehr als zwei Personen zu spielen. Die Regeln besagten, daß der Ball hierbei die drei Flächen des eigenen Feldes, Decke, Wand und Boden, je nur einmal berühren durfte, bevor er weitergeschlagen wurde. Setzte der Ball mehr als einmal auf, erhielt man einen Strafpunkt. Sieger war, wer die wenigsten Strafpunkte erhielt.
Die kleine Tür öffnete sich und J.J., Jadzia Lansu, Ymoota Aalia und Ran Byrell betraten die Spielfläche. Ihnen folgten Roger van Dyke und Andy Duke, die sich kurzfristig entschlossen hatten mitzuspielen. Auch Jan van Holt und Esteban Ramirez hatten sich zu der kleinen Gruppe gesellt, so daß man alle Spielfelder besetzen konnte. Die Spieler verteilten sich auf die einzelnen Farbfelder und J.J. machte den ersten Aufschlag.
Mit einem wuchtigen Schlag drosch sie den kleinen Ball in Richtung blauem Feld und sorgte damit bei Roger van Dyke für plötzliche Bewegung. Er war so überrascht, daß er nur mit Mühe den Ball abfangen und ihn ins Feld von Ran Byrell befördern konnte.
Schon nach wenigen Schlägen hatte die Gruppe zu einem harmonischen Ballwechsel gefunden und das Spiel war geprägt von vielen lustigen Bemerkungen, einigen unwirklich anmutenden körperlichen Verrenkungen und so manchem leisem Fluch, wenn ein Ball nicht mehr erreichbar war.
Wieder einmal landete Roger van Dyke mit ausgestrecktem Arm auf dem Bauch, bei dem Versuch, den kleinen Ball in ein anderes Feld zu schmettern. Unglücklicherweise war seine Reaktion in diesem Moment nicht ausreichend und der kleine Gummiball tanzte vor seiner Nase herum, bis er schließlich liegenblieb. Roger rappelte sich wieder auf und griff nach dem Ball.
J.J., die seitlich von Ihm stand nutzte die kurze Pause, blickte ihn an und sagte:
„Eines würde mich brennend interessieren Commander. Wie haben Sie bei dem Übernahmeversuch unseres Schiffes eigentlich erkannt, daß Sie mit den Eindringlingen im Holodeck gelandet sind und nicht auf der richtigen Brücke?“
Das war ein Thema, welches anscheinend jeden interessierte, denn nun hingen auch die Blicke aller anderen an Roger. Sie hatten ihre Schläger zu Boden sinken lassen und warteten gespannt, was jetzt kommen würde. Die meisten von ihnen hatten sich die Holosimulation mehrmals angesehen und eigentlich keinen Hinweis gefunden.
Roger überlegte kurz, ob er wirklich sein Geheimnis preisgeben sollte. Schließlich hatte er dieses ganze System hauptsächlich zu Trainingszwecken für die Mannschaft konzipiert und er wollte nicht, daß sich andere Offiziere an der Holo-Subroutine zu schaffen machten.
Damit er nicht in seine eigene Falle ging, hatte er natürlich einige Sicherheitsvorkehrungen eingebaut, die unbemerkt in Kraft traten, wenn ein anderer sein Programm startete, wie es Captain Wikland getan hatte. Das war ein kleiner Schachzug, den alle Programmierer seit Menschengedenken in ihre Software einbauten, eine Hintertür, ein Mechanismus der nur dem Schöpfer zur Verfügung stand und ihm verborgene Hinweise gab, die kein anderer abrufen konnte.
„Nun, ich war mir absolut sicher, daß Captain Wikland mich richtig verstanden hatte, da er ja auf meine sehr intime Anrede entsprechend geantwortet hat. Das gab mir die Gewißheit, daß alles richtig laufen würde. Im Holodeck selbst gab es nichts was mir hätte auffallen können“ entgegnete er schließlich und blickte in die erwartungsvoll dreinblickenden Gesichter, die nun ein wenig zufriedener aussahen, auch wenn sie auf eine kleine Überraschung gehofft hatten.
Tatsächlich war er sich überhaupt nicht sicher gewesen, ob der Captain seinen versteckten Hinweis verstanden hatte, aber es war Roger van Dyke schon aufgefallen, als er die Brücke auf dem Holodeck betreten hatte und sah, wie Ymoota Aalia die Piraten ganz selbstverständlich mit einer Geste der linken Hand auf den Bereitschaftsraum von Wikland hinwies.
Roger nahm den Ball und warf Ihn schnell und überraschend zu Ymoota, die ihm gegenüber stand. Ohne einen Schritt zu machen schnappte die junge Bajoranerin im Reflex mit Ihrer rechten Hand nach dem Ball.
„Das war ein Foul Commander, sie dürfen den Ball nur mit dem Schläger ins gegnerische Feld befördern“. rief sie mit einem Lachen. „Oh, das war unbedacht von mir, der Punkt geht wohl an Sie!“ sagte Roger entschuldigend und machte sich für den nächsten Ballwechsel bereit.
Als Wikland in seinen Bereitschaftsraum kam blinkten zahlreiche Nachrichten auf seinem Display. Alleine die Namen, die vor den Betreffzeilen standen sagten ihm, daß eine der neuesten Nachrichten sich wie ein Lauffeuer, nicht nur auf der Station, sondern mittlerweile auch auf seinem Schiff verbreitet hatte.
Es war wie ein Virus, eine Seuche, die sich durch sein schönes Schiff fraß. Noch während Wikland auf den Bildschirm seines Terminals schaute, reihten sich zwei weitere Eintragungen an die Liste, alle mit demselben Thema.
Die Alexandria hatte nun fast vier Wochen im Orbit um die Sternenbasis verbracht, wovon alleine zwei Wochen lang durch eine Servicecrew im Inneren des Hangars der Raumstation unter anderem die ausgetauschten Decksplatten geprüft und wenn nötig endgültig erneuert wurden.
Hierbei wurden auch die Schäden an den Verbindungspunkten und den darunter liegenden Kabelschächten, sowie der Isolierung behoben.
Ebenso wurden die Generatoren der vorderen Traktorstrahlemitter und die Quartiere auf Deck zehn und elf wieder hergerichtet. Die Reparatur die Ymoota mit der Workbee durchgeführt hatte sollte ohnehin nur eine Notreparatur sein um sicherzustellen, daß beim Reduzieren der Geschwindigkeit unter Warp nicht die strukturelle Integrität des Diskussegments versagte.
Wikland scrollte durch die Einträge auf seinem Display. Über neunzig Prozent der Anfragen hatten nur ein Thema: Urlaub.
Obwohl die Alexandria hier an der Sternenbasis einen wirklich nur minimalen Dienstplan hatte, und somit alle Besatzungsmitglieder in den Genuß eines ausgiebigen Landganges auf der Station kamen, waren die Anfragen der Crewmitglieder nur allzugut verständlich.
Abgesehen von drei Anfragen, die ausnahmsweise andere Themen betrafen waren alle einreichenden Personen bajoranischer Herkunft.
Wikland seufzte. In gewisser Weise war er an dieser Welle von Urlaubsgesuchen auch noch selbst schuld. Nun, nicht er als Person, aber seine Entscheidungen und der Verlauf der letzten Mission schon. In den letzten drei Wochen waren zunächst Gerüchte durch Handeltreibende verbreitet worden, die sich tatsächlich im Laufe der Zeit festigten und letztlich offiziell bestätigt wurden.
Die Cardassianer hatten sich nach annähern 50 Jahren der Besatzung endgültig von Bajor zurückgezogen. Der Planet war ausgehungert, seiner Bodenschätze beraubt und in der Agrarwirtschaft war Raubbau betrieben worden, um den Rohstoffmangel auf Cardassia Prime zu decken.
Nun war das Volk wieder auf sich selbst gestellt. Die vielen Angriffe der immer stärker werdenden Widerstandsgruppen hatten die Cardassianer schließlich doch noch mürbe gemacht.
Der fehlgeschlagene Versuch, fremde Technik durch Dritte zu kaufen, beziehungsweise zu stehlen, hatte mit einem Desaster geendet, in dem ein Kampfschiff vernichtet und drei weitere schwer beschädigt wurden.
Auch eine der bis dahin wichtigsten cardassianischen Raumstationen Repok Nor im Narkimo Sektor musste, nach dem überraschenden Angriff eines Föderationsschiffes, aufgegeben werden, was die Cardassianer dazu zwang, sich wieder auf Ihre Heimatwelt zu konzentrieren, um nicht in den geschwächten Linien aufgerieben zu werden.
Nun lagen Wikland Dutzende von Anfragen bajoranischer Crewmitglieder vor, die nun alle ihren angesparten Urlaub sofort antreten wollten, um ihren endlich befreiten Heimatplaneten zu besuchen. Obwohl Wikland eine klare Order vom Oberkommando der Sternenflotte erhalten hatte, die ihm eine Ablehnung solcher Anfragen erleichterte, war ihm nicht wohl dabei, seine Crewmitglieder nach der zurückliegenden schweren Mission speziell in dieser Frage enttäuschen zu müssen.
Jan Erik Wikland sah sich eben dieser Situation gegenübergestellt als er auch die Namen von Ymoota Aalia, Carah Pehl und Ran Byrell auf seiner Liste wiederfand.
Der Captain tastete auf seinen Kommunikator.
„Lt. Ymoota, Lt. Carah und Lt. Ran, bitte kommen Sie in meinen Raum.“
Als Reaktion auf seinen Ruf öffnete sich die Tür, denn alle drei Offiziere hatten gerade ihren Dienst auf der Brücke begonnen. Die drei Offiziere traten ein und stellten sich vor dem Schreibtisch des Captains nebeneinander auf.
„Ich habe Ihre Anfragen erhalten und möchte hierzu persönlich Stellung nehmen, damit Sie sich nach der zurückliegenden Mission nicht übergangen fühlen. Zunächst einmal möchte ich Ihnen Lieutenant Ymoota zu Ihrer wirklich außergewöhnlich ausgefallenen Begründung gratulieren, deren Grundgedanke mir irgendwie bekannt vorkommt.
Es war Herzerfrischend dieses Gesuch zu lesen. Ich kann die Beweggründe und die Intention von Ihnen allen dreien sehr gut verstehen, ich würde es sicher ebenfalls so machen. Leider muß ich Ihren Antrag ablehnen.
Die Sternenflotte hat den Sektor rund um Bajor vorerst zur Sperrzone erklärt und genehmigt derzeit nur offizielle Besuche des Planeten. Zivile Besucher sollen in dieser schwierigen Zeit noch weitestgehend von Bajor ferngehalten werden, da nach dem Abzug der Cardassianer noch viel Elend auf dem ausgebeuteten Planeten herrscht und eine provisorische Regierung gerade erst gebildet wurde. Erste Maßnahmen zum Wiederaufbau sind bislang noch nicht über die Planungsphase hinausgekommen und man möchte die neue Regierung nicht vor noch weitere Probleme stellen. Die erste Entscheidung der provisorischen Regierung bestand darin die Föderation um Hilfe zu bitten, die selbstverständlich auch gewährt wurde.
Zudem muß die Flotte auch aus Gründen der Kampfkraft vermeiden, daß die bajoranischen Offiziere und Crewmitglieder, die in der Flotte dienen, nun plötzlich alle ihren Urlaub antreten wollen um den Heimatplaneten zu besuchen. Dies würde zu einer nicht unerheblichen Einschränkung in den Kommandostrukturen vieler Schiffe führen, auf denen bajoranische Crewmitglieder inzwischen wichtige Positionen innehaben. Ich bin sicher, daß Sie die Gründe nachvollziehen können und bitte daher um Ihr Verständnis.“
Wikland versuchte einen optimistischen Klang in seine Stimme zu legen, erkannte aber an den Gesichtern seiner Crewmitglieder, daß ihm dies wohl nicht gelang.
„Um Ihnen zu verdeutlichen, wie es um Ihre Anfragen steht, Ihre Urlaubsgesuche haben die Nummern 84.623 bis 84.625, was Ihnen sicherlich einen Eindruck über die Schwierigkeiten vermittelt, welche die Sternenflotte derzeit hat.
Es ist auch mir nicht möglich drei Offiziere freizustellen, die einen solchen Urlaub sicher mehr als verdient haben, denn auch ich bin an die Weisungen der Flotte gebunden. Was aber nicht heißen soll, daß ich diese billige oder mich dahinter verstecken will.
Wäre es so gewesen, dann hätte ich ihnen, wie all den anderen Antragstellern, einfach das offizielle Kommuniqué der Flottenführung zusenden können. Aber ich halte ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht für ehrlicher und fairer. Seien Sie versichert, sofern sich eine Möglichkeit ergibt, Ihre Wünsche zu berücksichtigen, werde ich das tun. Das ist alles. Sie können wieder auf Ihre Stationen gehen.“
Wikland wußte, daß diese Antwort wenig geeignet war, seine Offiziere zu motivieren aber er hoffte darauf, daß sein guter Ruf unter der Mannschaft dazu führen würde, daß man ihm diese Worte auch als ehrliche Stellungnahme abnahm.
Kapitel 43
Die Crew der Alexandria hatte die notwendigen Reparaturen und sinnvollerweise alle ohnehin in Kürze anfallenden routinemäßigen Wartungsarbeiten innerhalb von sechs Wochen abgeschlossen. Zahlreiche Meetings und Sonderbesprechungen waren dem letzten Einsatz der Alexandria gefolgt, in denen Wikland wieder und wieder die Hintergründe und Folgen aufzeigte, die durch diese dunklen Geschäfte entstanden waren. Letztendlich stand nur noch die Frage einer neuen Mission für das Schiff der Nebula Klasse auf dem Protokoll.
Captain Wikland kam zufrieden aus dem Büro des Stationsleiters Admiral Wilbur Jameson und steckte das PADD mit den Informationen über den neuen Flugplan in die Tasche. Es war ihm gelungen, einige Fäden zu ziehen und einen ganz besonderen Auftrag für sein Schiff an Land zu ziehen.
Eigentlich war es keine direkte Aufgabe für die Alexandria, sondern eine kleine aber überaus wichtige Sekundärmission. Daher mußte er die richtigen Leute einteilen, um den Erfolg der Mission zu gewährleisten. Er hatte sich die Kandidaten schon längst ausgesucht und ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er sich vorstellte, wie seine Crew darauf reagieren würde. Wikland materialisierte in Transporterraum drei und grüßte Keros den bolianischen Transporterchef kurz, bevor er durch die Tür zum Turbolift eilte.
Auf der Brücke liefen gerade die letzten Vorbereitungen für den Start. Alles sah wieder neu und unschuldig aus. Sogar die meist unbenutzte medizinische Konsole auf der linken Seite der Brücke erstrahlte wieder in vollem Glanz und keiner hätte vermutet, daß hier noch vor kurzer Zeit ein verkohltes Loch in der Brückeneinrichtung geprangt hatte.
Wikland ließ sich auf seinem Stuhl nieder und beobachtete eine Weile das geschäftige Treiben seiner Crew. Wie immer waren die Handlungen harmonisch abgestimmt und die Arbeit wurde mit Effizienz und perfekten Abläufen bewältigt.
Wikland sah sich um zu van Dyke, der an der hinteren Wissenschaftsstation die Verarbeitung der Daten kontrollierte. „Nummer Eins, wie sieht es aus, wann können wir starten?“
Van Dyke, der noch immer in die Daten der Konsole vertieft war, hatte gar nicht bemerkt, daß der Captain die Brücke betreten hatte.
„Es ist alles bereit Sir, sagen Sie nur ‘Los!’. Die wenigen Diagnosen die wir noch machen müssen, können wir auch unterwegs durchführen.“
Der Captain freute sich, er hatte eigentlich nicht damit gerechnet, seinen gut ausgeklügelten Plan so bald in die Tat umsetzen zu können,
„Gut wenn das so ist, dann los. Ramirez lösen Sie uns von den Andockklammern und drehen Sie das Schiff zu den Toren. Wenn wir draußen sind setzen Sie Kurs zwei, vier, neun Komma eins, null, drei und beschleunigen auf Warp 5.“
Ramirez, der an der Conn saß erwiderte freudig,
„Geht in Ordnung Sir, Kurs liegt an“.
Leise konnte man das Aufschnappen der Haltevorrichtungen hören und dann auf dem Hauptschirm erkennen, wie das Schiff sich zu den öffnenden Toren drehte. Ramirez aktivierte die Steuerdüsen und das Schiff setzte sich in Bewegung. Schon nach wenigen Minuten hatten sie die schützende Umgebung des Hangars durch die großen Schiebtore verlassen und eine Position für den Start eingenommen. Die Alexandria beschleunigte leicht und es kam Bewegung in die Sterne.
„Warpantrieb bereit.“ rief Ramirez und hielt seine Hand über das Panel, um beim Befehl des Captains den Sensor zu betätigen.
Wikland ließ einige Sekunden verstreichen und die Spannung auf der Brücke steigerte sich noch mehr,
„Und los!“ sagte er. Im selben Moment verzerrten sich die Sterne zu den üblichen Strichen und die Alexandria schoß davon. Erst nach einer halben Stunde, lange nachdem die Alexandria den Sektor der Station verlassen hatte, erhob sich der Captain von seinem Platz und ging zu seinem ersten Offizier, der im hinteren Bereich der Brücke die letzten Diagnosen abgeschlossen hatte. „Nummer Eins, halten Sie diesen Kurs. Wir werden in etwa 5 Stunden diese Koordinaten erreichen...“ er drückte van Dyke ein PADD in die Hand.
„...dort werden wir kurz halten um ein Missionsschiff auszuschleusen. Dann fliegen wir weiter in den unten angegebenen Sektor. Wir werden ein Diplomatenschiff der Ascari treffen und es zum Heimatplaneten eskortieren.“
Roger las kurz die Angaben auf dem PADD durch und wandte sich dann an den Captain.
„Soll ich für die Sekundärmission ein Team zusammenstellen Sir?“
Wikland schmunzelte übers ganze Gesicht.
„Nein, das sollen Sie nicht Nummer Eins. Dieses Vergnügen habe ich mir selbst gegönnt. Schicken Sie mir die drei Offiziere, die auf Seite zwei genannt sind in meinen Bereitschaftsraum, sagen wir in etwa 15 Minuten.“
Damit machte er auf dem Absatz kehrt und ging mit beschwingten Schritten in seinen Raum. Kurz bevor sich die Tür schloß sagte er, ohne sich umzudrehen:
„Ach ja, Sie haben die Brücke Nummer Eins.“
Bald darauf ertönte das Türsignal im Raum des Captains. „Herein.“ rief er. Die Tür öffnete sich und es traten Ran Byrell, Ymoota Aalia und Carah Pehl ein. Der Captain stand hinter seinem Schreibtisch auf und wies auf die Sitzgruppe, auf der sich alle niederließen. Wikland schaute sie nacheinander an und kam dann gleich zur Sache.
„Ich will es kurz machen. Wir wurden mit einer wichtigen Aufgabe betraut. Sie haben sich auf der vergangen Mission und auch schon bei früheren Gelegenheiten hervorragend bewährt.
Ich bin daher zu dem Entschluß gekommen, daß Sie als Team für unsere Sekundärmission am besten geeignet sind. Es ist ein Auftrag, der für die Sternenflotte einen sehr hohen Stellenwert hat, deshalb sollten Sie dem Ausdruck Sekundärmission nicht allzuviel Bedeutung zumessen. Da Sie alle der gleichen Kultur entstammen, gehe ich davon aus, daß keine Probleme zu erwarten sind, die auf zwischenmenschlicher Basis entstehen könnten.
Ihre Aufgabe ist im Prinzip recht einfach, aber sie ist streng vertraulich. Was ich damit sagen will ist, daß es außerhalb dieses Raumes keiner erfahren darf. Sie behalten Stillschweigen, bis Sie die vorgespeicherten Zielkoordinaten erreicht haben....“
Wikland überreichte ein Padd mit den ersten Flugplandaten an Ran Byrell, der kurz die entsprechenden Daten ansah und fuhr dann mit der Erklärung fort,
„...dort können Sie den Computer anweisen die Details der Mission aufzulisten. Die Datenbank ist mit einer Prioritätssperre versehen, Sie können also vergessen, daß Sie auf irgendwelchen Umwegen früher an diese Daten herankommen.
Mr. Ran, Sie übernehmen die Leitung der Mission.“
Ran Byrell nickte kurz, sagte aber nichts. Ymoota war die Erste, die sich zu Wort meldete:
„Captain, bei allem nötigen Respekt. Wenn wir das Missionsziel und unser Reiseziel nicht kennen, wie sollen wir uns dann darauf vorbereiten und die notwendige Ausrüstung zusammenstellen?“
Wikland lehnte sich zurück und zog seine Uniform glatt.
„Es ist keine spezielle Vorbereitung nötig. Alles was Sie brauchen haben Sie bereits bei sich. Eine gute Ausbildung, eine engagierte Einstellung zum Dienst und das Herz am rechten Fleck. Ich bin sicher, daß Sie mich nicht enttäuschen werden. Sie können in knapp fünf Stunden mit der Amazonas starten. Das ist alles, Sie können wegtreten und sich nach dem Schichtwechsel auf den Flug vorbereiten.“
Wikland erhob sich, was bedeutete, daß diese Unterhaltung für Ihn beendet war. Bevor die Offiziere jedoch an der Tür zur Brücke angelangt waren, sagte er
„Ach ja,.....da ist noch etwas. Vergessen Sie nicht, daß Sie Offiziere der Sternenflotte sind und wem Sie durch ihren Treueid verpflichtet sind. Es ist meine einzige Sorge, daß ihnen dieses Wissen bei der bevorstehenden Mission eventuell verloren geht. Viel Glück!“
Ymoota, Ran und Carah warfen sich einige vielsagende und dennoch verwirrte Blicke zu. Bislang hatte es der Captain immer bewußt vermieden, ein rein bajoranisches Team zu bilden, deshalb war diese Vorgehensweise, speziell nach den zurückliegenden Erlebnissen, überaus befremdlich für die Offiziere. Ymoota hatte sich allerdings schon beim Wiederbetreten der Brücke überlegt, welche Gegenstände Sie auf den Flug mitnehmen wollte. Der Reiseweg bot ausreichend Gelegenheit, einige alte Riten wieder aufleben zu lassen und speziell die Tatsache, daß beide Mitreisenden auch bajoranischen Ursprungs waren, ließen Ihre Vorfreude darauf besonders euphorisch ausfallen. Sie beschloß jedoch, zunächst nichts davon zu erzählen, um es für ihre Kollegen noch interessanter zu machen.
Während die Alexandria die Entfernung zum Trennungspunkt im Warptempo immer weiter zusammenschmelzen ließ, verstärkte sich die Ungeduld und Ungewißheit bei den drei jungen Offizieren immer mehr. Alle waren froh, als endlich die Wachablösung erfolgte und sie ihre Quartiere aufsuchen konnten.
Beim zusammenpacken der wenigen persönlichen Dinge ließ sich Ran Byrell bewußt viel Zeit. So konnte er ein wenig abschalten und seine Anspannung verringerte sich auf ein erträgliches Maß.
Ymoota hatte ihre Sachen zwar schon nach wenigen Minuten zusammengestellt, öffnete aber die Tasche noch mindestens fünf mal, um weitere Gegenstände hinzuzufügen, die sie für ihr Ritual benötigte.
Nachdem sie alles zum x-ten Mal geprüft und nachgezählt hatte, verließ sie endlich ihr kleines Quartier und hastete zur Shuttlerampe unter der Modulsektion. Ran Byrell und Carah Pehl warteten bereits am Eingang zum Runabout Amazonas, und bedeuteten Ymoota, sich ein wenig zu beeilen. Acht Minuten später war der Systemcheck durchgeführt und das Runabout startklar.
Die Amazonas war das erste Schiff der modifizierten Version und hatte dieser Klasse auch Ihren Namen gegeben. Daß sie einmal das erste Schiff und der Erprobungstyp war, sah man noch heute deutlich an der NX Nummer.
„Amazonas an Brücke, wir sind bereit zum Start. Bitte erteilen Sie Starterlaubnis.“ meldete Ran Byrell, der auf dem Pilotensitz Platz genommen hatte. Neben Ihm saß Ymoota, die bereits die Flugdaten und die gegenwärtigen Koordinaten auf dem Display aufrief.
„Van Dyke hier, wir gehen in 10 Sekunden unter Warp. Sie können in fünfzig Sekunden starten. Bringen Sie unser Schmuckstück heil zurück. Viel Erfolg.“
Das Hangartor öffnete sich und die Sterne, die als Striche hinter dem Schiff verschwanden, zogen kurz darauf wieder langsam vorbei. Ran startete den Antrieb und die Amazonas hob langsam vom Hallenboden ab. Er tippte auf die Sensorfläche und das Runabout glitt aus dem Hangar.
„Computer Kursdaten übernehmen. Anflug zum Zielpunkt mit Warp 3,5.“ wies Ran den Schiffscomputer an.
„Koordinaten in Flugleitsystem übernommen, Antrieb aktiv. Voraussichtliche Flugdauer zwei Tage und 8 Stunden.“ bestätigte der Computer.
„Na, dann wollen wir mal.“ sagte Ymoota voller Stolz und drückte ihre rechte Hand auf die Aktivierungstaste des Antriebspanels.
Die Amazonas beschleunigte und verschwand mit einem Blitz im Warpsprung.
Kapitel 44
Ran hatte gerade die Kursdaten des Runabouts geprüft, da kam Carah Pehl vom hinteren Teil des Schiffs ins Cockpit. Sie hatte die letzten beiden Stunden geschlafen und wollte sehen, ob es irgend etwas Neues gab.
„Wie lange dauert es noch?“ wollte sie von Ran wissen, der die Sensorendaten ablas, nur damit er etwas zu tun hatte.
„Wir sind ja erst sechs Stunden unterwegs. Das bedeutet, daß wir noch ganze zwei Tage und zwei Stunden brauchen werden, bevor unser liebster Computer hier seine Geheimnisse preisgeben wird.
Keiner außer dem Captain weiß, was danach auf uns wartet.“ erwiderte der taktische Offizier genervt.
„Was meinst Du, warum hat sich der Captain entschieden gerade uns drei auf diese Mission zu schicken?“ fragte Carah und blickte nach vorne auf die Sterne, die in langen Strichen am Schiff vorüberzogen.
„Wahrscheinlich, weil er gewußt hat, daß es viel schöner ist, wenn Bajoraner eine Party feiern und dabei unter sich sind.“ kam Ymootas belustigte Stimme vom Durchgang.
Auch sie war nach vorne gekommen, um sich nach dem neuesten Stand zu erkundigen und ließ sich auf den Stuhl der Wissenschaftsstation fallen.
„Schon was neues über unseren Kurs?“ fragte sie in die kleine Runde, worauf sie nur ein Kopfschütteln erntete.
„Ich habe schon versucht, unseren Zielpunkt zu berechnen...“ antwortete Ran Byrell nach einer ganzen Weile,
„...aber dieses fiese Steuerprogramm schlägt immer wieder kleine Haken in unregelmäßigen Winkeln, so daß sich unmöglich ein genauer Kurs auch nur annähernd bestimmen läßt.“
Er winkte resignierend mit der rechten Hand ab und drehte seinen Stuhl so, daß er seine Kameradinnen direkt ansehen konnte.
„Mit etwas Phantasie könnte der Zielpunkt in der Nähe des barzanischen Wurmlochs liegen, aber keiner weiß, wann diese Kiste hier wieder einen Haken schlägt und uns vielleicht direkt ins romulanische Reich fliegt.“
Mit einer aufbrausenden Geste seiner beiden Arme unterstrich er sein Mißfallen, daß die Informationen über die bevorstehende Mission so dürftig waren.
Ymoota hielt den gegenwärtigen Zeitpunkt geradezu für ideal, Ihren Freunden ihr kleines Geheimnis mitzuteilen.
„Was haltet Ihr davon wenn wir das alte Ritual zum Peldor joi-Fest wieder einmal durchführen? Nach dem alten bajoranischen Kalender müßte zurzeit die Periode der Taklar’en sein.
Das bedeutet, gemäß den alten Bräuchen darf dieses Ritual noch drei Wochen lang ausgeführt werden. Ich hab’ alles nötige dabei. Wie sieht es aus, macht Ihr mit?“
Mit fragendem Blick und einem erwartungsvollen Lächeln wartete sie auf die Antwort Ihrer Begleiter.
Ymoota freute sich, daß Ihre Kollegen die Idee spontan begrüßt hatten und machte sich gleich an die Arbeit, um alle nötigen Vorbereitungen zu treffen. Auch wenn die Entscheidung ihrer Kollegen angesichts der unendlichen Langeweile bei diesem Automatikflug kein Wunder war.
Das Ritual zum Peldor joi-Fest war eine durch viele Generationen überlieferte Prozedur der Selbstreinigung, die Körper, Geist und Seele von den vielen negativen Einflüssen befreien sollte.
Als erstes öffnete Ymoota Ihre große Tasche und holte aus dem Seitenfach einige lange Stoffschals mit einem knappen Meter Breite und mehreren Metern Länge hervor.
Diese hauchdünnen, orangen und braunen Schals befestigte sie der Länge nach an der Decke und den Wänden des Gemeinschaftsraums im Heck des Runabouts, so daß Sie in Kaskaden die Wände verdeckten, und dabei von oben nach unten dunkler wurden.
Sie entfaltete einen runden Fächer, der das bajoranische Symbol darstellte und hängte Ihn über die Sitzbank am hinteren Fenster. Die Bank diente ihr dabei als eine Art Altar, auf dem Sie verschiedene kleine Figuren aufstellte, die Pflanzen, Wasser, Tücher und Kerzen herbei trugen.
Das Peldor joi-Fest stammte aus der Zeit als das Kastensystem D’jarra noch das Leben der Bajoraner prägte. Es wurde auch in den letzten Jahren noch, trotz der Besatzung von Bajor, in vielen Provinzen heimlich durchgeführt.
Eigentlich war es ein Dankbarkeitsfest, daß seinen Namen durch den besonderen Gruß während des Festes, den „Peldor joi“ erhalten hatte. Dieser Begriff hatte sich so eingebürgert, daß nur noch wenige den ursprünglichen Namen „Dankbarkeitsfest“ verwendeten.
Im Verlauf der Zeit wurde es für viele alte Riten die perfekte Basis. Da die Bajoraner mit Respekt vor dem Kastensystem die Regeln für solche Rituale achteten, waren die einzelnen Zeremonien auf bestimmte Zeiträume vor und nach dem Peldor joi-Fest festgelegt.
In dem von Ymoota gewählten Ritus kamen die Teilnehmer zusammen und feierten die Reinigung von den vielen Einflüssen, die in dem vergangenen Jahr an ihnen gezehrt hatten. Ymoota hatte dieses Ritual seit ihrer Kindheit nicht ein einziges Jahr verpaßt und betrachtete den Zeitpunkt als perfekt, um diese sehr persönliche Prozedur durchzuführen.
Der kleine Replikator hatte seine liebe Mühe damit, Ymootas Vorstellung der drei verschiedenen Opferkerzen umzusetzen. Erst nach sieben Versuchen war sie mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden und plazierte die insgesamt neun Kerzen gleichmäßig im Raum. Auch dies war Teil des Rituals, denn für jeden standen drei der Kerzen bereit, die bei den einzelnen Schritten entzündet wurden, um Körper, Geist und Seele von den alten Lasten zu befreien.
Ymoota replizierte noch einige weitere Gegenstände, die sie benötigte und stellte dann zufrieden fest, daß sie das bestmögliche aus dem Gemeinschaftsraum gemacht hatte. Der Raum glich jetzt, nachdem Fenster und Wände durch die Schals abgedeckt waren, eher einem bajoranischen Tempel, als dem Crewraum eines Runabouts.
Zufrieden drehte sie sich um und ging nach vorn ins Cockpit, wo Ran Byrell und Carah Pehl sich angeregt unterhielten.
Ymoota legte zwei Gewänder, die einem Vedekgewand ähnlich waren, für ihre Kollegen über den Stuhl der Wissenschaftsstation.
"Ihr könnt euch jetzt umziehen, es ist alles bereit."
Damit begab sie sich in den kleinen Gang zu Ihrer Schlafkabine, um selbst ein solches Gewand anzulegen.
Schon wenige Minuten danach hatte sich die kleine Crew im hinteren Teil des Runabouts auf einem großen weichen Teppich niedergelassen. Ymoota, hatte die Leitung des Rituals übernommen und entzündete für jeden die erste Kerze, die für die Reinigung des Körpers stand. Das Reinigungsritual wurde in drei Schritten durchführt und für jeden Abschnitt war eine eigene Kerze notwendig. Ymoota dachte noch einmal an die Schwierigkeiten, die sie beim replizieren hatte, verwarf aber diese Gedanken schnell wieder und konzentrierte sich auf Ihre Aufgabe.
Aus dem Audiosystem klang leise eine bajoranische Meditationsmusik und hüllte den kleinen Raum in eine unwirkliche, einem Tempel gleichen Atmosphäre.
Ymoota griff in ihre bereitgestellte Tasche und holte eine Schale und einen kleinen Handbesen aus Wingadholz hervor, welches aus dem gleichnamigen Baum gewonnen wurde, der im heiligen Garten von B’hala wuchs.
Dieser Garten war im Gedenken an die verlorene und einst blühende Stadt B’hala errichtet worden und neben den Blumen und kleinen Büschen, welche die weitläufigen Rasenflächen einsäumten, war nur diese Baumsorte in dem heiligen Garten angepflanzt worden. Jedes Jahr, zwei Monate vor dem Peldor joi-Fest, wurden von den Vedeks fünf Bäume geschlagen, um Schalen und die kleinen Besen für das Ritual herzustellen.
Ymoota öffnete einen kleiner Lederbeutel und entnahm einige Kräuter, Blätter und kleine Blüten, die sie in die Schale gab. Dann entzündete Sie die Feuerstelle des kleinen replizierten bajoranischen Teekessels und gab Bateret-Blätter hinzu, die sogleich einen Duft abgaben, der Weihrauch sehr ähnlich war.
All diese Dinge waren Bestandteil der Zeremonie, die sehr strengen Regeln folgte. Still saßen die drei rund um den kleinen Tisch, auf dem sich das Wasser im Kessel langsam erwärmte.
Die leise Musik wirkte entspannend auf die Gemüter und vermittelte ein Gefühl der inneren Wärme. Die Kerzen waren inzwischen schon bis zur Hälfte abgebrannt und es wurde Zeit, diesen Teil des Rituals abzuschließen.
Nachdem das Wasser den Siedepunkt erreicht hatte, nahm Ymoota den Kessel von der Feuerstelle und ließ das heiße Wasser mit kreisenden Bewegungen in die Schale laufen. Sie füllte die Schale bis zur Hälfte, stellte den Kessel zur Seite und nahm den kleinen Besen zur Hand, der in seiner Form einem Rasierpinsel nicht unähnlich war.
Damit rührte sie nun das Gemisch aus Wasser und Kräutern um, wobei sie streng darauf achtete, daß sie stets neun Mal nach links und neun Mal nach rechts rührte.
Schon bald verbreitete sich das frische und anregende Aroma im Raum, das nach Blüten und Kräutern von Bajor roch und einen glauben ließ, man sei auf der Heimatwelt. Der erste Schritt diente der Reinigung des Körpers und dem besonderen Tee wurde eine ganz spezielle Wirkung zugesprochen, die weit über die Grenzen von Bajor hinaus bekannt war. Er hatte den Ruf, den Körper von allen Giftstoffen zu befreien und Ablagerungen in den Gefäßen zu lösen.
Ymoota hob die Schale an und zitierte die Inschrift der Schale, die in altbajoranischer Sprache dicht unter dem oberen Schalenrand eingeschnitzt war. Ran Byrell und Carah Pehl wiederholten die bajoranischen Worte und Ymoota gab die Schale zu Ran. Dieser trank einen Schluck und reichte die Schale weiter an Carah, die ebenfalls trank und dann war die Reihe an Ymoota. Nachdem sie getrunken hatte, reichte Sie die Schale wiederum zu Ran, der nun den Text vorlas und so machte die Teeschale drei volle Runden um den Tisch, wobei jeder den Text las und in jeder Runde einen Schluck Tee zu sich nahm. Danach saßen sie still beieinander und warteten, bis die Kerzen vollständig erloschen waren.
Ymoota entfernte schnell die Utensilien der Teezeremonie, um für den nächsten Schritt keine Zeit zu verlieren.
Der nun folgende Teil war dafür bestimmt, die Seele und das Gewissen zu reinigen und zu befreien von der Pein, die durch die Laster des Lebens entstanden war.
Fehlverhalten, Lügen, Ungehorsam und andere Vergehen, die in der bajoranischen Religion fast ebenso streng verurteilt wurden, wie in allen anderen Theologieformen. Zuerst mußten die Kerzen für den Abschnitt der Seelenreinigung in die Halter gesteckt und entzündet werden.
Ymoota platzierte einen Holzklotz auf dem kleinen Tisch, der mehrere Räucherstäbchen in engen Bohrungen aufnahm. Aus ihrer Tasche entnahm sie einen langen, dünnen Holzspan, den Sie auf der letzten Messe von einem Vedek hatte segnen lassen.
Damit entzündete sie nacheinander die Kerzen und die Räucherstäbchen und legte das dünne Holz für später beiseite. Ymoota nahm den langen Schal vom Tisch, der viele bajoranische Stickereien aufwies und den sie schon zu Beginn bereitgelegt hatte, entfaltete ihn zu seiner vollen Länge und legte ihn sich von links nach rechts über die Ellbogen beider Arme.
Nachdem der Raum vom Duft der Räucherstäbchen erfüllt war, hob Ymoota an zu einem Gebet. Sie senkte ihren Blick und hob die Arme an, wobei Sie die Handflächen nach außen kehrte und den Text in altbajoranisch aufsagte. Die anderen taten es ihr gleich.
An bestimmten Passagen wurden einzelne Worte von Ran und Carah mit leiser Stimme wiederholt.
Danach griffen alle drei nach ihrer Kerze und drehten sich vom Tisch weg, so daß sie jeweils die beiden anderen Kollegen im Rücken hatten.
Auf die Knie gesunken und mit gebeugtem Haupt auf die vor sich stehende Kerze blickend, zählten Sie in bajoranischer Sprache leise die Verfehlungen des letzten Jahres auf, was einer Beichte ähnelte. Nur daß die Bajoraner dies allein mit sich selbst ausmachten und nur die Propheten in der Lage waren, die Bezeugungen wahrzunehmen.
Die leise Musik im Hintergrund war ein Teil dessen und ließ das ganze einen mystischen Charakter annehmen. Mehr als eine halbe Stunde verharrten die drei jungen Bajoraner in dieser Stellung, bevor die Kerzen erloschen waren und der letzte Teil des Rituals beginnen konnte.
Nachdem nun der Körper gereinigt war und die Seele ihren Frieden gefunden hatte, war es an der Zeit auch den Geist zu beflügeln, um neue Herausforderungen zu finden, neue Freuden aufzuspüren und dem Bewußtsein neue Stärke zu verleihen. Ymoota hatte sich auf diesen Teil des Rituals ganz besonders gefreut. Sie griff in Ihre Tasche und holte eine lange, reich verzierte Holzschachtel daraus hervor.
Langsam öffnete Sie den Deckel und entnahm das Instrument dem stoffbeschlagenen Inneren. Es war ihre Raal-Tir, ein bajoranisches Musikinstrument, ähnlich den Querflöten auf der Erde.
Sie war kunstvoll aus einem Holzrohr mit sechs Grifflöchern gefertigt und ca. 68 cm lang mit einem Durchmesser von 3 cm.
Die Raal-Tir war ein sehr altes bajoranisches Blasinstrument, welches ebenfalls noch aus der Kastenzeit stammte.
Das Griffstück wurde aus dem Nemsun-Raal-Baum gewonnen. Wenn dieser 38 Jahre alt war, wurden der 31.- 34. Jahresring herausgetrennt und mit Tiren Öl konserviert. Das Anblasblatt war ursprünglich die Kapsel, in der sich die unbefruchteten Samen des Baumes befanden. Diese Kapseln wurden geglättet, mit den Fasern der restlichen Jahresringe doppelt zusammengebunden und auf das Griffstück gesteckt.
Diese Samenkapseln konnten nur zu Frühlingsanfang geerntet werden. Griffstück und Anblasblätter mußten vom selben Baum sein. Wenn alle Anblasblätter aufgebraucht waren, wurde die Raal-Tir in einem besonderen Ritual im Tempel verbrannt.
Ymoota steckte die beiden Hälften der Raal-Tir zusammen und öffnete das kleine Fach an der Seite der Schachtel. Sie entnahm ein neues Anblasblatt und steckte es in die vorgesehene Öffnung der Raal-Tir.
Mit einem kleinen Druck auf das Kontrollpanel des Tisches ließ sie die Musik des Audiosystemes verklingen und entzündete mit dem Holzspan die letzten Kerzen, die dicht aneinander in der Mitte des Tisches standen.
Noch immer hing der würzige Duft der Räucherstäbchen im Raum. Langsam setzte Ymoota die Raal-Tir an, die sie quer zum Mund hielt und begann alte Weisen von Bajor zu spielen.
Der abgedunkelte Raum, in dem das einzige Licht von den Kerzen verbreitet wurde, füllte sich mit dem tiefen warmen Klang der Flöte, der ein wenig wehmütig dazu anregte, in sich selbst hinein zu hören und den Geist auf den Schwingen der Musik hinauszuschicken, damit er sich erneuern konnte.
Die drei Offiziere verloren sich in der Meditation und lange war außer den warmen Klängen der Flöte kein Geräusch zu hören. Der wirklichen Welt entrückt saßen sie mit verschränkten Beinen auf dem Boden und blickten in die Flammen der Kerzen, die nach und nach herunterbrannten, bis sie schließlich vollständig erloschen waren.
Kapitel 45
Ran Byrell, der die letzten Stunden geschlafen hatte, hörte einen seltsam bekannten Ton. Ein immer wiederkehrendes Piepen, das von einer Konsole stammen mußte. Er beschloß es zu ignorieren.
Die automatische Steuerung hatte in den beiden vergangenen Tagen ohnehin ihre Mätzchen mit Ihm getrieben und er hatte keine Lust erneut aufzustehen, nur um festzustellen, daß ihr Runabout zum x-ten Mal den Kurs geändert hatte.
Das Piepen hörte aber nicht auf und nach einer langen Weile, in der sich Ran wiederholt überlegt hatte, ob er wirklich aufstehen sollte, sprang er doch mit einem Satz aus seiner Koje, die über der seiner Kollegin lag. Carah lag noch ruhig in der kleinen Nische, die als Schlafstätte diente und war sicher noch im Reich der Träume.
Ohne übertriebene Hast schlenderte Ran nach vorn ins Cockpit, rieb sich die Augen und blickte auf die Kontrollen.
„Computer, akustischen Hinweis abschalten.“ gab er seine Anweisung, worauf der nervige Ton abrupt aussetzte.
„Computer, was ist der Anlaß für diesen Hinweiston?“ fügte er noch etwas schläfrig hinzu.
„Die Amazonas wird die Zielkoordinaten in wenigen Sekunden erreicht haben.“ kam die freundliche und doch tonlose Stimme aus dem Audiosystem.
„Heißt das wir sind am Ziel?“ hakte Ran Byrell nach.
„Negativ, Sie haben den ersten Zielort erreicht. Sie können jetzt die missionsspezifischen Daten abrufen.“
Im selben Moment verlangsamte das Runabout, bis es nach und nach vollständig zum Stillstand kam. Ruhig schwebte es in der Dunkelheit des Alls.
Innerhalb von Minuten hatte Ran seine beiden Kolleginnen geweckt und sie alle waren nach vorne ins Cockpit geeilt. Sie machten es sich auf den Stühlen bequem und warteten auf das, was jetzt wohl kommen würde.
„Computer, Missionsparameter anzeigen.“ ordnete Ran an und sogleich erschien auf dem kleinen Wanddisplay neben dem Transporterdurchgang eine Aufzeichnung, die Captain Wikland in seinem Bereitschaftsraum hinter dem Schreibtisch zeigte.
„Guten Morgen. Sie haben jetzt Ihren ersten Zielpunkt erreicht, und sollen nun mehr über die vor Ihnen liegende Mission erfahren.
Wie ich Ihnen bereits an Bord der Alexandria mitgeteilt habe, ist es eine überaus wichtige und delikate Aufgabe, welche die Sternenflotte hier in Ihre Hände legt. Wie Sie sicher schon mitbekommen haben, war unser letzter Einsatz ungewollt mit einer der Auslöser dafür, daß die Cardassianer das bajoranische System und einige angrenzenden Welten recht hastig und hoffentlich endgültig verlassen haben.
Wie Sie bereits wissen, ist Ihr Heimatplanet Bajor nun wieder frei und eigenständig. Was bislang allerdings noch nicht in die Gerüchteküche und die offiziellen Nachrichtenkanäle vorgedrungen ist, ist die Tatsache, daß die Sternenflotte eine Gruppe von Offizieren abkommandiert hat, um gemeinsam mit den Bajoranern die von den Cardassianern verlassene Station Terok Nor wieder in Betrieb zu nehmen. Die Station wird ab sofort Deep Space Nine heißen.Auf Bajor hat sich nach dem Abzug der Cardassianer eine provisorische Regierung gebildet, die inzwischen ein Gesuch um Aufnahme in die Föderation gestellt hat.
Zwar liegt noch kein formeller Antrag vor, aber es zeichnet sich ab, daß Bajor unserer Föderation beitreten möchte. Für die Föderation ist es daher von größter Wichtigkeit, mehr über die Hintergründe und die tatsächlichen Bedingungen auf dem Planeten zu erfahren. Da die Bajoraner zurzeit, so kurz nach der Belagerung, naturgemäß sehr abweisend auf Fremde reagieren, möchten wir Sie damit beauftragen, die benötigten Informationen zu beschaffen.
Sie werden als Angehörige dieses Volkes weitaus weniger auffallen, als ein gewöhnlicher Sternenflottenoffizier. Natürlich können Sie sich entsprechend den Bedingungen auf Ihrem Planeten kleiden, sie sind von der Uniformpflicht während dieses Auftrages befreit.
Damit wir uns richtig verstehen, es geht hier weder um Spionage noch um politische Ziele. Man erwartet von Ihnen einen Bericht über die aktuellen Gegebenheiten auf Bajor.
So könnte zum Beispiel Carah Pehl sich ein Bild über die kommunikativen Themen machen.
Soweit ich weiß, ist Ymoota Aalia sehr mit den Traditionen des Volkes vertraut und könnte sich um die sozialen Aspekte kümmern.
Für Sie Mr. Ran wäre es sicher eine interessante Aufgabe, sich einen Eindruck von der derzeitigen taktischen Lage des Planeten zu verschaffen.
Auch wenn wir kein Abkommen mit den Bajoranern erreichen können, möchten wir wissen, wo wir helfen können, damit so eine Ungerechtigkeit wie durch die Cardassianer nie wieder geschieht.“
Die drei jungen Lieutenants sahen sich verdutzt an, keiner sagte ein Wort. Gespannt starrten sie auf den Bildschirm, auf dem Wikland zu weiteren Informationen ansetzte.
„Betrachten Sie diesen Auftrag einfach als Urlaub innerhalb der Dienstzeit.
Sie haben sich das durch Ihre Leistungen redlich verdient. Ich denke es ist eine willkommene Umsetzung Ihrer Urlaubsanträge, die ich nach wie vor ablehnen muß. Das bedeutet, sie müssen Ihre Urlaubstage später nehmen.
Aber Sie werden Gelegenheit haben, Ihre Familien und Bekannten wiederzusehen, oder sich die Orte auf Bajor anzusehen, von denen Sie die letzten Jahre nur träumen konnten.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und auch wenn Ihr Planet durch die Belagerung sehr gelitten hat und zurzeit nur wenig Schönheit zeigt, trotzdem viel Spaß.
Alle weiteren Informationen sowie die Koordinaten für das Rückflug Rendezvous finden Sie im Computer.“
Damit wandte sich Wikland um und ging hinter den Schreibtisch zurück.
„Ach ja, bevor ich es vergesse. Da war ja noch so ein abwegiger Wunsch eines Mannschaftsmitgliedes...“
Wikland machte bewußt eine schöpferische Pause, bevor er sich wieder der Kamera zuwendete.
„Lieutenant Ymoota, wenn Sie Gelegenheit haben, sollten Sie auf der bajoranischen Militärakademie vorstellig werden und erfragen, ob Ihr Sternenflottendiplom dort auch anerkannt wird. Ich glaube Sie wissen schon warum. Wikland Ende.“
Damit endete die Übertragung und Ymoota sprang mit einem freudigen Satz direkt in die Arme von Ran Byrell und umschlang ihn ganz fest.
„Endlich geht es wieder nach Hause, und es ist ein freies Zuhause.“
Der Offizier konnte sich nur mit Mühe aus der Umarmung lösen. Er aktivierte die Steuerkontrolle und alle Funktionen auf dem Display flammten auf. Sie konnten Ihren neuen Kurs bestimmen. Erst jetzt bemerkte Ran, daß die Zielkoordinaten nur wenige Lichtjahre von Bajor gelegen hatten.
Von der gegenwärtigen Position mußte es nur noch ein kurzer Flug mit Warpgeschwindigkeit sein, um den Heimatplaneten zu erreichen. Er wies den Computer an die Kursberechnungen durchzuführen und beschleunigte auf Warp 3.
„Übrigens Ymoota, was hat der Captain mit dieser Anspielung eigentlich gemeint?“
Ymoota stellte sich hinter Rans Sessel und blickte nach vorne, wo die Sterne schnell auf sie zuflogen.
„Nun ich hatte zu Beginn unserer letzten Mission ein Gesuch eingereicht, weil ich gerne die bajoranische Uniform im Dienst tragen will.“
Carah Pehl lachte spontan auf und hielt sich mit der linken Hand den Bauch.
„Oh ja, welcher Bajoraner möchte das nicht. Laß mich raten wie der Captain geantwortet hat...Ich mache doch schon eine Ausnahme mit Ihren Ohrringen.“ witzelte Sie und gab ihrer Stimme einen tiefen Klang, um die Tonart des Captains nachzuahmen.
„Da bist Du nicht die Einzige, ich glaube, das hat schon jeder einmal fragen wollen.“ fügte sie hinzu.
Ymoota drehte sich um und machte ein triumphierendes Gesicht.
„Aber ich habe es getan, ganz formell. Der Captain hat versprochen, daß er mir meinen Wunsch erfüllt, wenn sich eine Möglichkeit bietet.
Sicher hat er nicht damit gerechnet, daß er sein Wort so schnell einlösen muß, aber er hat es gehalten. Was glaubt Ihr wohl, was die Aufforderung in seiner Nachricht bedeuten sollte, hmmm?
Wenn die bajoranische Akademie mein Diplom anerkennt und meinen Rang aus bajoranischer Sicht bestätigt, dann kann ich offiziell auch als bajoranischer Offizier dienen und die entsprechende Uniform tragen, sofern die Sternenflotte das zuläßt. Eins könnt Ihr ruhig glauben, die Chance laß’ ich mir nicht entgehen.“
Ran Byrell ärgerte sich, daß er nicht auch schon längst ein entsprechendes Gesuch eingereicht hatte, aber auch er hatte, wie all die anderen, die Möglichkeit einer positiven Antwort als sehr gering eingeschätzt.
Er konnte sich noch lebhaft an die vielen Diskussionen erinnern, die er gemeinsam mit den anderen bajoranischen Mannschaftsmitgliedern und dem Captain geführt hatte, um nur das Tragen der Ohrringe im Dienst durchzusetzen.
„Unser Trip dauert nur noch eine knappe Stunde, packt eure Sachen und macht euch bereit für die Landung. Der Captain ha,t in Abstimmung mit einigen Freunden im gemäßigten bajoranischen Widerstand, ein lauschiges Plätzchen für unsere Landung bestimmt.“ erklärte Ran, der sich nicht weiter über diese Angelegenheit unterhalten wollte.
Er befürchtete, daß er sich noch viel mehr ärgern könnte, wenn Ymoota noch weitere Einzelheiten zum Besten geben würde.
Die beiden Frauen entschwanden nach hinten, um die letzen Vorbereitungen für die Landung durchzuführen. Sie verstauten alle Gegenstände, die noch vom Peldor-joi Ritual auf dem Tisch und in den Nischen standen und klappten die Arbeitstische wieder nach oben in die Wandhalterungen.
Die wenigen persönlichen Sachen waren schnell in den Taschen verschwunden und schon nach wenigen Minuten saßen Sie wieder im Cockpit, um Ran Gesellschaft zu leisten. Carah Pehl war total aufgeregt.
„Meint Ihr, ich könnte einen Abstecher in die Walreth Provinz machen? Ich würde zu gerne wieder einmal die Wasserterrassen des Tingats sehen.“
Ran Byrell drehte sich um.
„Wenn die Cardis die nicht auch abgebaut und mit nach Cardassia Prime genommen haben.“ sagte er mit einer Mischung aus Verbitterung und Spott.
„Ich habe gehört, Sie haben alles geplündert, was sie in die Finger kriegen konnten. Alle Bodenschätze, die sie selbst gebrauchen, oder an andere verschachern konnten, haben sie durch Zwangsarbeiter abbauen lassen. Ich glaube, wir sollten unsere Erwartungen nicht allzu hoch stecken.“ antwortete Ymoota, die neben Ran auf dem Platz des Co-Piloten saß.
Sie verloren sich in Schwärmereien über die Plätze auf Bajor, die sie aus vergangenen Tagen kannten und hofften insgeheim, alles noch so vorzufinden, wie sie es aus Ihrer Kindheit kannten. Dabei ließen sie völlig außer Acht, daß Bajor zur Zeit Ihrer Geburt schon längst unter cardassianischer Herrschaft gestanden hatte und nur die schönen Momente Ihrer Kindheit noch im Gedächtnis verblieben waren.
So waren Sie überrascht, als der Computer sich meldete und den Einflug ins bajoranische System bestätigte. Die Amazonas war unter Warp gefallen und Bajor war als kleiner Punkt voraus erkennbar.
Auch mit Impulsgeschwindigkeit wuchs dieser kleine Punkt schnell zu einem stattlichen Planeten heran, dem man sein Leid auf diese Entfernung nicht ansehen konnte. Von hier aus sah alles ruhig und friedlich aus.
Mit einem weiten Bogen umflogen sie den Planeten und hinter Bajor kam langsam die cardassianische Station in Sicht. Ran bremste das Runabout weiter ab und setzte den Kurs für den Landeanflug.
„Terok Nor!“ preßte Ymoota mit tiefer Verachtung hervor. Sie dachte mit Schrecken an all die Bajoraner, die hier unter der Gewalt der Cardassianer zu Tode gekommen waren. Inzwischen hatte sich das Runabout der Station bereits bis auf wenige hundert Kilometer genähert und eine Stimme der Station meldete sich über die Kom-Frequenz:
„Hier ist Deep Space Nine, fremdes Schiff bitte identifizieren Sie sich!“
Ran Byrell wollte gerade die Bestätigung senden, als der Computer eine aufgezeichnete Nachricht abschickte.
„Hier ist die Amazonas NX-75000 im Auftrag der Sternenflotte. Autorisationscode Delta-Tango-Charly-Alpha. Wir bitten um die Erlaubnis zur Passage!“ war die Stimme von Captain Wikland zu hören. Es dauerte einige Sekunden, dann kam die Bestätigung.
„Amazonas, Sie haben Freigabe zur Passage, guten Flug.“
Keine weiteren Fragen, keine Grüße oder ähnliches. Das Schiff wurde, bis auf das Nötigste, einfach als nicht existent behandelt.
Ran Byrell blickte seine beiden Begleiterinnen an, die ihm mit einem Schulterzucken zu verstehen gaben, daß sie von dieser Autorisation auch keine Ahnung hatten.
Captain Wikland hatte anscheinend alles bis ins Letzte geplant und alle Eventualitäten berücksichtigt, um einen reibungslosen Ablauf der Mission zu gewährleisten.
Ran drückte die Kontrollfelder für den Sinkflug.
Die Amazonas drehte zum Planeten und nun konnte man sowohl die Station als auch Bajor fast vollständig sehen. Von Deep Space Nine startete gerade ein Runabout und zog einen weiten Bogen. Ein sehr ungewöhnliches Manöver, da es vom Planeten wegführte.
Plötzlich öffnete sich mitten im Himmel mit einem gleißenden Blitz eine große blaue Wolke, die Ihr strahlendes Inneres durch eine Iris preisgab. Das Runabout verharrte einen Augenblick davor, dann beschleunigte es und verschwand darin. Sekundenbruchteile später zog sich die Wolke wieder total zusammen und verschwand mit einem hellen Blitz in der Dunkelheit des Alls.
Ymoota saß mit offenem Mund und vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen auf ihrem Platz und deutete an die Stelle, wo noch eben die Erscheinung einen Großteil ihres Sichtfeldes eingenommen hatte. Schlagartig fiel Ihr das Gemälde wieder ein, welches sich in ihrem Quartier über dem Bett befand.
„Habt ihr auch das gesehen, was ich gerade zu sehen geglaubt habe?“ fragte sie Ihre Gefährten. Auch Ran Byrell und Carah Pehl starrten ungläubig aus dem Fenster.
„Ich kann es eigentlich nicht glauben, aber das sah aus wie der Himmelstempel der Propheten, der auf dem Bild in deinem Zimmer dargestellt ist. Es ist einfach unfaßbar.“ sagte Carah Pehl. Ran Byrell fehlten noch immer die Worte.
„Ich kann es fast nicht glauben, daß es ihn tatsächlich gibt. Bislang habe ich immer einen Rest von Zweifel gehabt, aber nun....“ entfuhr es Ymoota voller Ehrfurcht.
„Wißt Ihr was das bedeutet?
Es gibt neue Hoffnung für unser Volk. Wenn wir den Tempel der Propheten gefunden haben, dann werden Sie uns in eine bessere Zukunft geleiten. Die alten Schriften haben recht behalten, Bajor wird zu neuer Blüte gelangen.“
Langsam tauchte das kleine Schiff ab, um in die Atmosphäre von Bajor einzudringen und schon nach wenigen Sekunden war es in der Wolkendecke verschwunden.
Epilog
Es war bereits nach Mitternacht und Roger van Dyke, Andy Duke, Keros, Jan van Holt und J.J. hatten schon einige Pokerpartien hinter sich gebracht.
Sie alle saßen an dem ovalen Tisch in van Dyke’s Quartier unter der großen Schirmlampe. Vor J.J. türmte sich ein großer Haufen bunter Chips, die den entsprechenden Einsatz symbolisierten. Die anderen hatten ihre weitaus wenigeren Chips zu kleinen Türmen aufgestapelt oder in Reihen auf der kleinen Holzleiste vor sich abgelegt. Ein deutliches Zeichen dafür, wer heute Abend das glücklichere Händchen hatte.
Keros nahm die Karten des letzten Spiels auf und mischte den Stapel gerade als das Türsignal ertönte.
„Herein!“ rief Roger van Dyke in der offensichtlichen Annahme, daß Jadzia Lansu doch noch vorbeischauen wollte, die sich ursprünglich auch zum Mitspielen gemeldet hatte.
Die Türen glitten auseinander und Captain Wikland stand im Raum. Vor Erstaunen war zunächst einmal völlige Stille eingetreten und Wikland ging langsam auf den Tisch zu.
„Haben Sie noch einen Platz für mich frei?“
Van Dyke schaute den Captain verdutzt an.
„Ähh....ja natürlich, hier nehmen Sie sich einen Stuhl.“
Damit zog er den Stuhl neben sich ein wenig zurück und lächelte in die Runde.
„Was verschafft uns das Vergnügen, daß Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren Captain?“
Wikland setzte sich und blickte die am Tisch Sitzenden amüsiert an.
So verbrachte also die Crew die spärliche Freizeit. Kein Wunder, daß alles so perfekt ablief. Eine Gemeinschaft, die auch die Freizeit gemeinsam verbringt, hat klare Vorteile gegenüber einer Mannschaft, die Dienst und Privatleben strikt trennt.
„Nun Nummer Eins, daran sind Sie selbst nicht ganz unschuldig. Waren Sie nicht derjenige, der mir neulich empfohlen hat, mich einmal aus meinem Schneckenhaus heraus zu bewegen und den Duft der großen weiten Welt zu schnuppern? Also, hier bin ich, was spielen wir?“ fragte Wikland und schaute seinen ersten Offizier wartend an.
J.J. hatte den Kartenstapel nach dem Mischen von Keros übernommen und drehte das kleine Paket in der Hand hin und her.
„Ohh, ähh.....Poker, nach den Regeln der alten Zivilisation. 5 Karten für jeden, kaufen, bieten, steigern.“ sagte Sie.
Wikland nickte.
„Gut Commander, dann geben Sie mal...“
J.J. hatte gar nicht bemerkt, daß Sie immer noch den Kartenstapel von einer in die andere Hand kippen ließ. Jetzt fing sie an die Karten über den Tisch zu verteilen. Mit geübten Griffen schnippte sie die Karten zu den einzelnen Plätzen, so daß man leicht erkennen konnte, daß sie wohl schon über hinreichende Erfahrung in diesem Spiel verfügte.
„Wir können wirklich von Glück sagen, daß wir die Cardis mit unserer Taktik derartig überlisten konnten, daß Sie keine Chance hatten zurückzuschlagen. Wir hätten auch ohne Captain Thorndyke noch ein Ass im Ärmel gehabt.“ sagte Andy und nahm die erste Karte auf.
„Nun ja, harmlos waren sie ja auch nicht gerade, immerhin haben wir deshalb vier Wochen im Raumdock verbracht. Die Crew hat hervorragende Arbeit geleistet, das Schiff in der knappen Zeit wieder einsatzfähig zu machen.“ ergänzte Roger van Dyke und sortierte die Karten, die er bereits auf der Hand hatte.
„Das ist wohl wahr, aber ich habe noch gar nichts mitgekriegt. Anscheinend hat es diesmal niemanden erwischt.“ entfuhr es Jan van Holt, der im gleichen Moment zusammenzuckte, weil ihm bewußt wurde, daß der Captain mit am Tisch saß.
Damit spielte Jan van Holt auf die Eigenheit des Captain an, daß er nach einer langen und erfolgreichen Mission immer jemanden auswählte, den er auf ganz besondere Weise belohnte.
Roger, Andy, Keros und J.J. bedachten ihn mit einem strafenden Blick, der alles sagte und van Holt bereitete sich auf einen Rüffel vom Captain vor.
Wikland hatte gewartet, bis alle Karten vor ihm lagen und nahm sie nun alle gleichzeitig auf.
„Nun Lieutenant....“ der Captain fächerte seine Karten langsam auf
„...ich an Ihrer Stelle wäre mir da nicht so sicher. Wissen Sie, es waren diesmal sogar drei. Aber die Tatsache, daß Sie jetzt hier am Tisch sitzen zeigt deutlich, daß Sie nicht dazugehören.“
Wikland blickte selbstgefällig auf die Karten in seiner Hand, drei Asse, eine Dame und eine Acht, wobei er keine Mine verzog. Eine Zigarre im Mundwinkel hätte ihm wahrscheinlich zu einem typischen Pokerface verholfen, aber auch so war sein eisiger Blick für die anderen unergründlich. Eine perfekte Ausgangssituation für einen erfolgreichen Abend dachte Wikland und schob fünf blaue Chips in die Mitte des Tisches
„Sie sind dran meine Damen und Herren!“ sagte Wikland und lehnte sich gelassen zurück...
To be continued
