Der erste Offizier begleitete den Doktor durch die Flure und sorgte dafür, dass die Wachen hinter ihnen blieben um den Doktor nicht zu sehr zu verunsichern. Nachdem sie am Quartier angekommen waren aktivierte Anaris den Türsensor und bat das MHN in den Raum.
Überraschender Weise trat er gemeinsam mit dem Doktor in das Quartier, während die Wachen vor der Tür Stellung bezogen. Der holografische Arzt hatte es in seiner Verbitterung zunächst nicht bemerkt, dass ihm der erste Offizier gefolgt war, nahm aber dankbar zur Kenntnis, dass wohl nun endlich eine Erklärung folgen würde.
Das hoffte er zumindest, während er auf und ab ging und sich nicht entscheiden konnte, ob er sich nun hinsetzen oder lieber stehen bleiben sollte.
Der Andorianer hatte sich auf der Couch niedergelassen und Maß den Holodoktor mit mehreren Blicken ab.
„Ich bitte um Entschuldigung, das alles muss ihnen sicherlich sehr merkwürdig vorkommen.“ erklärte er dem MHN.
„Das ist eine schamlose Untertreibung. Mir fehlen die Worte, und glauben sie mir, ich kenne viele verschiedene Sprachen in denen ich schlimmere Beschreibungen für das hier finden könnte!
Vielleicht können Sie mir einmal erklären, was hier überhaupt los ist?
Alle laufen herum wie von einem greadanischen Kolvot gestochen, führen sich auf wie eine Meute kampfwütiger Marines und halten das alles für normal.“ beschwerte sich der Doktor.
„Nun, Sie haben Recht, Sie können das natürlich nicht verstehen. Aber vielleicht sollten wir einmal ganz von vorne anfangen.
Ich bin ein Andorianer wie Sie als Arzt sicherlich unschwer erkennen können.
In der Linie meiner Vorfahren wurde immer ein großer Respekt für die Sternenflotte empfunden, der auf eine lange Tradition zurückzuführen ist. Schon einer meiner Altvorderen hatte persönlich mit den Menschen der Erde zu tun und auch wenn Sie kein Mensch sind, so sind Sie doch nach deren Ebenbild geschaffen und mit deren Werten programmiert. Viele Menschen dienen auch an Bord dieses Schiffes.“
Der Doktor nickte anerkennend aber Anaris konnte die Frage schon sehen, bevor sie der Doktor überhaupt stellen konnte.
„Die Voyager…“
„…ist wohlbehalten zu Hause angekommen und hat einen feierlichen Empfang erhalten. Admiral Janeway hat danach noch viele Jahre der Flotte gedient und wurde als Beraterin hoch geschätzt.“
Dem MHN fiel ein Stein vom holografischen Herzen.
„Im Gegensatz zu meinem Captain habe ich mich sehr intensiv mit der Geschichte der Menschheit beschäftigt vom Anbeginn der Sternenflotte an. Die Voyager war das erste Schiff, welches ein so großes unbekanntes Gebiet erfolgreich durchquert hat. Sie können sich gar nicht vorstellen welch unermesslichen Wert diese Mission für die Sternenflotte hatte.“ gab Anaris gegenüber dem Doktor zu verstehen, der immer noch Händeringend mitten im Raum stand und versuchte das alles zu begreifen.
„Admiral Janeway, ja? Das ist ja wenigstens ein kleiner Trost.
Was geht da draußen eigentlich vor, und warum sieht mich jeder an wie den Tod persönlich?“ wollte der Doktor nun endlich vom ersten Offizier wissen.
Eine kleine Pause trat ein. Anscheinend war sich Anaris nicht sicher ob er dem Hologramm wirklich trauen konnte. Aber dann begann er langsam dem Doktor zu erklären was sich in den letzten Jahren abgespielt hatte.
„Aktuell dauert noch immer ein Konflikt mit den freien Hologrammen an, die immer wieder versuchen die Oberhand zu gewinnen. Es bindet die Kräfte der Föderation und zwingt sie zu größter Vorsicht. Jeder könnte ein Spion sein, jeder könnte Sabotageakte ausüben, jeder könnte das Zünglein an der Waage sein, welches in der Föderation zwischen Erfolg und Misserfolg entscheidet.
Bitte verstehen Sie das nicht falsch, keiner hat etwas gegen Holoprojektionen, solange sie auf eines der Holodecks beschränkt und die Sicherheitsprotokolle aktiviert sind.
Nur wenn sie ihr eigenes Bewusstsein entwickeln und anfangen sich Fragen über sich selbst zu stellen, kann es kritisch werden. Viele Mitglieder unserer Crew haben Freunde, Verwandte und Bekannte in diesem Krieg verloren. Obwohl es eigentlich keinen Krieg gibt. Die hoch entwickelten Projektionen haben inzwischen ganz andere Wege gefunden uns zu schaden. Es würde Sie sicherlich erschrecken, was alles in diesem jahrelangen aufreibenden Konflikt passiert ist.
Sie müssen es also unseren Crewmitgliedern nachsehen, wenn sie Sie eher skeptisch betrachten und einen großen Bogen um Sie machen.
Bisher hat eigentlich niemand dem so genannten ‚Feind’ tatsächlich gegenüber gestanden. Ihn vielleicht einmal auf dem Bildschirm gesehen oder eventuell in Dateien abgerufen, ja vielleicht. Aber noch nie war einer hier an Bord oder an Bord eines der anderen Schiffe, von denen wir je eine Nachricht erhalten hätten. Also seien Sie nachsichtig.
Unsere Techniker und auch das Hologramm zur Unterstützung des Bordarztes sollen sich Ihre Routinen ansehen um zu verifizieren, dass Sie derjenige sind, für den Sie sich ausgeben. Das ist im Moment das Wichtigste, damit man Sie nicht dekompiliert.“ gab Anaris dem Hologramm zu verstehen und erhob sich nun langsam. Ihm war nicht anzusehen, dass eventuell Zweifel an ihm nagten, oder dass er sich vor dem Doktor fürchtete.
Dem Doktor hatte die Vorstellung sein Programm könnte dekompiliert werden einen gehörigen Schrecken eingejagt. Er ging nun auf den Commander, zu blieb direkt und nah vor ihm stehen, dieser wich jedoch nicht zurück.
„Ich habe noch so viele Fragen, die ich Ihnen stellen möchte aber natürlich verstehe ich, dass Sie noch andere Pflichten zu erfüllen haben. Einstweilen vielen Dank für Ihre Erläuterungen. Aber eine Frage möchte ich dennoch stellen:
Warum haben Sie keine Furcht vor mir, Ihnen dürfte es auch nicht anders gehen als den anderen Lebensformen auf diesem Schiff?“
Anaris sah den Doktor gelassen an.
„Wie ich schon betont habe, entstamme ich einer sehr besonderen Familie, die auf einen langen und verständnisvollen Umgang mit der Art der Menschen zurückblickt und jemand der in direkter Linie von unserem großen Vorbild abstammt, der zeigt keine Furcht!“
Damit verließ er das Quartier und hinter ihm schloss sich die Tür sofort.
